Dieser Schneemann ist heiß! Denn als die Heldin im Weihnachtsfilm „Hot Frosty“ ihm einen magischen Schal umlegt, erwacht er als echter Mann zum Leben, inklusive einer sehr beeindruckenden Bauchmuskulatur. Ganz normal ist er aber nicht. Er leidet an einem schrecklichen Fieber: Als Ex-Schneemann muss er seine Körpertemperatur konstant niedrig halten und ständig ohne Shirt herumlaufen. Eine schlimme Krankheit, die er da hat. „Hot Frosty“ ist schon ziemlich unverfroren, aber die meisten Netflix-Weihnachtsfilme sind so blöd. Sie sind vorhersehbar, plump gemacht und haben grässliche Dialoge. Sobald etwas keinen Sinn ergibt, wird ganz groß mit „Weihnachtsmagie“ um sich geworfen. Ab Minute fünf ist klar, wer am Ende von wem den Happy-End-Schmatzer mit geschlossenen Augen aufgedrückt bekommt. Klar, dass es dabei zu schneien anfängt. Wenn er sagt: „Du hast mich angelogen, ich weiß nicht, wer du bist!“, antwortet sie unweigerlich: „Ich wusste auch nicht, wer ich bin, bevor ich dich traf!“ Mittlerweile gibt es beim erfolgreichsten Streamingdienst ein breites Angebot des, wie es scheint, immer gleichen Films. Warum funktioniert das so gut? Den Anfang machte eine dreiste Journalistin Alles begann 2017 mit einer schlagzeilengeilen Nachwuchsjournalistin, die den großen Durchbruch wittert. In „A Christmas Prince“, dem ersten Weihnachtsfilm aus dem Hause Netflix, wird Amber Moores Talent von der Redaktion völlig verkannt. Als niemand sonst an Weihnachten arbeiten will, darf Amber ins europäisch anmutende Aldovien reisen. Sie hat den Auftrag, herauszufinden, ob der örtliche Partyprinz tatsächlich erwägt, seinen Anspruch auf den Thron abzulehnen. Im Fachwerkschloss verlässt Amber die Pressetour und streift stattdessen durch die kitschig geschmückten Privatgemächer der Royal Family. Wie Journalistinnen eben sind – stets bereit, Hausfriedensbruch zu begehen und Menschen für eine gute Story dreist zu belügen –, kommt eins zum anderen, und Amber wird für die neue Privatlehrerin der Prinzessin gehalten. Die Wahrheit zu erklären, wäre wirklich sehr kompliziert, weshalb Amber undercover geht. So holterdiepolter geht es weiter. Amber ist ein richtiges girl next door. Sie ist ganz normal, wie Sie und ich. Sie schubst tollpatschig jahrhundertealte Ming-Vasen von Podesten, trägt Sneaker zum Ball und wälzt sich undamenhaft im Schnee. Sie ist der frische Wind, der durch das Hofzeremoniell fegt, auf den jede königliche Familie nur wartet. Weil Amber dabei zwar keinem journalistischen Ethos treu bleibt, wohl aber sich selbst, verliebt sich der Prinz in sie. Wenn Sie glauben, ich hätte Ihnen da jetzt zu viel verraten, unterschätzen Sie, wie vorhersehbar das alles gemacht ist. Warum etwas schauen, von dem klar ist, wie es endet? Nun ja, die Magie von Weihnachten liegt darin, jedes Jahr zur gleichen Zeit das Gleiche zu machen. „Last Christmas“, Spekulatius, Glühwein, der Stand mit den Salamis auf dem Weihnachtsmarkt und der mit den Bürsten, das gleiche Dinner mit immer gleicher Besetzung, jedes Jahr „Sisi“ schauen oder „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Nie sonst im Jahr sind wir so bereit für stupide Repetition. An Weihnachten sehen wir uns nach zu Hause Netflix hat seit „A Christmas Prince“ vor sieben Jahren über 25 solcher Filme produziert. Das zeigt, wie lukrativ das Weihnachtsfilmgeschäft ist. Dabei wird mit nur zwei Prototypen alles abgedeckt: Zum einen gibt es die royalen Filme wie „A Christmas Prince“. Unter einer Lichterkette hockend, träumt es sich schamloser von einem sorglosen Leben im Schloss mit einem nettem Prinzen. So wie das Aschenbrödel sehnen sich doch alle letztlich nach dem Klassenaufstieg. Und nach einem heilen Zuhause. Diesen Wunsch befriedigt der zweite Prototyp der filmischen Bescherung: An Weihnachten nach Hause kommen und allen zeigen, wie weit man es gebracht hat. Und nebenbei erkennen, wie toll das Dorfleben eigentlich ist und wie abgehoben man selbst. Meist steht eine Versöhnung mit den Eltern an. Der perfekte Typ kommt dann ganz von selbst um die Ecke. Ist vielleicht der beste Freund Single? Oder der Ex-Freund? Das Glück liegt jedenfalls vor der Haustür, und Singlesein geht Weihnachten wirklich gar nicht. Hinter diesen Filmen stecken ehrliche Wünsche, die sich selten erfüllen. Keine Royal Family der Welt wartet auf jemanden, der Vasen zerdeppert und Zweifel an der Monarchie äußert. Und kein Dorf der Welt wird herzlicher, nur weil man ein Jahr weg war. Wer sich auseinandergelebt hat, kann sich dessen an Weihnachten vergewissern, findet aber nur ausnahmsweise wieder zueinander. Netflix hat diese Wünsche erkannt und weiß doch auch: So einfach ist das Leben nicht. Wenn alle Menschen sich verhalten würden wie Amber und ihr Prinz, wenn Widersprüche so leicht aufzulösen wären, wenn es für eine heile Familie nur ein klärendes Gespräch und eine Umarmung bräuchte – wie toll wäre das? Aber an Weihnachten wird halt geträumt – und verkauft. Damit werden zugleich zwei weitere Grundbedürfnisse der leichten Unterhaltung erfüllt. Einerseits das „Hate Watching“, die Freude, sich über etwas lustig zu machen und zu erheben, was schlecht gemacht ist. Hinzu kommt die Dynamik des „Rage Bait“, der „Wut-Köder“. Netflix hat über 25 Oscars gewonnen – heißt: Der Stil der Weihnachtsfilme ist gewollt. Denn auf Social Media funktionieren Wut-Köder wunderbar, um Reichweite zu generieren. Kurze Clips, die aufregen, werden vom Algorithmus belohnt. Etwa wenn jemand sagt: „Ich habe mich in einen Schneemann verliebt!“ Und Wut als Währung im Kampf um Aufmerksamkeit ist längst nicht mehr auf die Unterhaltungsindustrie beschränkt. Vor einem Jahr mahnte die damalige Bundestagspräsidentin Bärbel Bas an, Ordnungsrufe im Parlament seien längst zu „Trophäen im Internet“ geworden. Wenn man „Hate Watching“ und „Rage Bait“ mit Lichterketten kombiniert, landet man in der Netflix-Weihnachtsabteilung. Dass die Leute das wollen, hat Netflix verstanden, die Dummheitsspirale windet sich in ungeahnte Höhen. Etwa, wenn Vanessa Hudgens in „Prinzessinnentausch“ zweimal die Hauptrolle spielt. Eine Bäckerin und eine Adlige, die sich zum Verwechseln ähnlich sehen, treffen aufeinander. Sie tauschen die Rollen. Beim Versuch, nicht aufzufliegen, geht einiges schief. Die Bäckerin kann nicht reiten, und die Blaublütige ist zum Toasten zu doof und lässt alles anbrennen. Beide finden ihre wahre Bestimmung im Leben der anderen. Richtig lachen darf man, wenn im zweiten Teil die böse Cousine auftaucht (gespielt von Vanessa Hudgens), die den beiden zum Verwechseln ähnlich sieht. Wie auch im dritten Teil, wo wieder ständig hin- und hergetauscht wird. Selbst die Ehemänner kommen jetzt schon nicht mehr mit. Schamlos blöder ist nur noch „A Knight Before Christmas“ – ist der Film wegen des Wortspiels entstanden? Es ist bei Netflix der vierte Weihnachtsfilm mit Vanessa Hudgens, hat aber nichts mehr mit „Prinzessinnentausch“ zu tun. Hier verliebt sie sich in einen zeitreisenden Ritter. Der läuft immer mit einem Schwert herum, weist aber sonst alle Qualitäten eines modernen Traummanns auf. Wer leichtsinnig genug ist zu fragen, wie genau die Zeitreise funktioniert oder was der Ritter eigentlich im Jahr 2019 sucht, wird sich mit der Standardantwort in diesem Genre zufriedengeben müssen: Weihnachtsmagie!
