FAZ 21.12.2025
13:54 Uhr

Weihnachten mit Kind: Mit den Kindern kommt der Kitsch – und die Liebe


Dieses Jahr ist alles anders – also echt! Mit Kindern ist die Weihnachtszeit zwar stressiger, aber auch ungleich schöner, findet unsere Autorin. Und kann sich vor Weihnachtsstimmung kaum retten.

Weihnachten mit Kind: Mit den Kindern kommt der Kitsch – und die Liebe

„Sieht schön aus!“ Mal abgesehen davon, dass das der bisher wohl längste Satz ist, den meine Tochter in ihrem eher kurzen Leben von sich gegeben hat, bin ich auch wegen des Kompliments hin und weg. Ich habe soeben den ungefähr ersten Weihnachtsstern meines Lebens ins Fenster gehängt – und dann gleich so ein Feedback! Auch wenn ich improvisieren musste (den goldenen Stern habe ich mithilfe von Geschenkband an der Gardinenstange befestigt, während ich einbeinig auf der Fensterbank balancierte), muss ich ihr recht geben: Sieht schön aus! Ich hänge noch den kleinen Tannenbaum aus Ton daneben, der gleichzeitig eine Glocke ist. Meine Tochter möchte jetzt mindestens fünfmal am Tag hochgehoben werden und bimmeln. Dann grinst sie jedes Mal und sagt „schön aus!“, weil sie merkt, dass ich mich darüber freue. Wer ein Kind bekommt, in dem erwachen Nestbautriebe, so heißt es oft. Auch wir wollten unser Heim gestalten, es gibt ein Kinderbett und einen Kindertisch mit Stühlen und einer Spielzeugkiste und Spielzeug, das leider nie dort, sondern in der ganzen Wohnung verteilt herumfliegt. Mit einem Kleinkind ist es dann noch so: Wir erleben all das wieder ganz neu und intensiv, was seit Jahren keinen Platz mehr bei uns hatte. Außer der Karnevalssaison gab es für uns nur Winter- und Sommerbettwäsche und warme und dünne Schlafanzüge. Jetzt gibt es plötzlich mehr, viel mehr. Wir hören „Bunt sind schon die Wälder“ und „Die schwarze Gruselkatz“. Ich habe meiner Tochter ein Marienkäfercape gekauft, das sie an Halloween stolz trägt. Mit den anderen aus ihrer Gruppe läuft sie mit selbst gebastelten Laternen durch den Park. Und jetzt eben die Weihnachtszeit. Bei konstanten 14 Grad sind vorweihnachtliche Gefühle schwierig Unser Kind ist fast zwei, so richtig verstehen tut es Weihnachten und alles drumherum also eigentlich nicht. Aber es spürt natürlich trotzdem, dass sich Jahreszeiten und Monate und Wetter verändern. Und dass wir schmücken und Kerzen an einem Kranz und überall in der Wohnung anzünden. Dass es plötzlich auf Weihnachtsmärkten Karussell fahren darf („Kassussell!“). Ob es versteht, was es mit dem Adventskalender mit den bunten Bildern auf sich hat, kann ich nicht sagen. Aber jeden Tag öffnen wir ein Türchen, und es ist irgendwie doch ziemlich besonders. In richtige Weihnachtsstimmung bin ich in den letzten Jahren frühestens am 24. Dezember gekommen. Bei grau verhangenem Himmel und konstanten 14 Grad ist es eben nicht so leicht, vorweihnachtliche Gefühle zu entwickeln. Und wenn man sich beruflich mit Mord, Totschlag und Promi-News beschäftigt, denkt man auch nicht allzu viel über Lametta und Plätzchen nach. Zumal es in den letzten Wochen des Jahres ja sowieso besonders stressig ist, weil man noch ganz viel fertig bekommen und gleichzeitig so viele Feiern besuchen muss. Irgendwann fingen wir zumindest an, uns einen kleinen, überladenen Weihnachtsbaum in die Wohnung zu stellen. Auf Weihnachtsfeiern liebte ich früher Mariah Carey und Wham!, aber viel mehr war nicht drin. Wenn ich mit meiner Familie daheim am Heiligabend Lieder sang, musste ich immer mehr Verse ablesen, weil ich den Text von „O Tannenbaum“ vergessen hatte. In diesem Jahr aber ist alles anders. Es ist offen gestanden gar nicht so leicht, Weihnachten mit Kindern nicht komplett zu verkitschisieren. Dass ich etwa in diesen Tagen auch zu einer Mutter mutiere, für die ich mich nie gehalten habe, bereitet mir leichtes Unbehagen. Die Plätzchen, die ich immer so gern bei meiner Tante esse (Nutella-Macadamia), hatte ich für eine Rarität gehalten. Jetzt habe ich 50 Stück eigenhändig geknetet und gebacken. Mal eben so. (Ja, es ist nicht nur mein erster Fensterstern, es ist auch mein erster selbst gekneteter Plätzchenteig.) Ungleich mehr Mental Load in der Weihnachtszeit Das führt natürlich auch dazu, dass ich in diesen Tagen ungleich mehr Mental Load erlebe als sonst: Ich kaufe nicht nur Zutaten für Plätzchenteig ein, ich kümmere mich auch um Servietten mit weihnachtlichen Motiven drauf, um einen Adventskranz und Tannenzweige für den Tisch; ich besorge Lichterketten für Fenster und Baum. Und ja, die Weihnachtszeit ist damit noch mal trubeliger. Aber sie ist auch fröhlicher. Denn auch musikalisch geht es in diesem Jahr ganz anders bei uns zu. Weil ich die Herbstlieder irgendwann nicht mehr ertragen habe, habe ich meiner Tochter für ihre Musikbox Weihnachtslieder besorgt – die 20 beliebtesten Weihnachtslieder von Rolf Zuckowski, um genau zu sein. Am Anfang war sie ganz still, als „Fröhliche Weihnacht“ lief und das Adventskalenderlied. Sie stand stundenlang stumm staunend vor ihrer Box, die dunklen Augen verträumt in die Ferne gerichtet, und nur wenn die 20 Lieder zu Ende waren, bewegte sie sich – um alles wieder von vorn abzuspielen. Irgendwann liefen die Winterkinder und der Weihnachtsmann, der kommen und eine Puppe bringen soll, von morgens früh bis abends zum Zubettgehen. Inzwischen habe ich meiner Tochter sogar die Herbstlieder zurückgegeben, damit wir ein bisschen Abwechslung reinbekommen. Aber die Weih­nachts­hits liebt sie besonders! Irgendwann bemerkte ich in einem Wochenenddienst, dass ich selbst beim Arbeiten im Homeoffice noch Zuckowskis Weihnachtslieder laufen hatte, obwohl mein Mann und meine Tochter schon seit einer halben Stunde auf dem Spielplatz waren. Und nicht nur das: Ich summte alles mit, drehte meinen Bürostuhl ab und zu im Takt mit und war alles in allem in Hochstimmung. Die Lieder sind das Grundrauschen in meinem Leben geworden, und es gibt wirklich Schlimmeres. Und das schreibe ich als jemand, die sonst ausgesprochen streng mit dem Musikgeschmack anderer Leute sein kann. Voller Vorfreude denke ich an die Bescherung Weihnachten wieder als ein Fest mit einem gewissen Zauber zu betrachten, ist in diesen Tagen einfach zu verlockend. Dinge wie Weihnachtsmann oder Christkind versteht unser Kind zwar noch nicht. Schnee hat es noch nie gesehen. Geschenke sind lustig, aber es ist unklar, zu welchen Gelegenheiten es sie gibt. Doch dass die ganze Familie zusammenkommt, es für alle Plätzchen gibt, Kerzen angezündet und Lieder gesungen werden – das verstehen unsere Tochter und ihr drei Monate älterer Cousin ziemlich sicher schon ganz gut. Ich ertappe mich manchmal dabei, wie ich voller Vorfreude an diesen Moment denke: Bescherung, Glöckchen, die beiden laufen ins Wohnzimmer. Wir singen, die Luft ist warm und schwer und duftend vom Baum und den Kerzen. Das ist eine Seite der Elternschaft, die mir immer mal wieder unterkommt und die ganz bestimmt voll kitschig ist, aber wirklich stimmt: Man wünscht sich immerzu die allerschönsten Dinge für sein Kind. So bin ich neulich ganz ernsthaft vor Freude in die Luft gehüpft, als ich die E-Mail bekam, dass meine Tochter im Kinderturnen von der Warteliste in den Kurs gerutscht ist. Weil ich mir sicher war, dass sie eine gute Zeit haben wird. Im ersten Moment hätte ich fast jemanden angerufen, um die frohe Botschaft zu verkünden – bis mir auffiel, dass ein Platz im Kinderturnkurs wirklich eher banal ist. Dabei fühlte es sich so an, als hätte ich den ersten Preis gewonnen im Kinderturnplatzkriegen. Eltern befinden sich im Zustand glückseliger Ignoranz Und dann ist da noch das Weltfremde an Weihnachten. Es ist ja schließlich auch so: In diesen unsicheren Zeiten befinden Eltern sich eigentlich durchgehend in einem Zustand glückseliger Ignoranz. Drinnen isst man Macadamia-Nutella-Plätzchen und schmettert „Winterkinder“ mit, während draußen die Welt brennt. Das hat man ohne Kind auch ab und an getan. Aber jetzt ist das schlechte Gewissen irgendwie Dauerzustand. Man macht sich nämlich schon Gedanken, dass man ein Kind nun ausgerechnet in diese Welt gesetzt hat. Jaja, ich weiß, es gab schon Kriege davor und Katastrophen schrecklichen Ausmaßes, und auch im düsteren Mittelalter haben die Frauen jede Menge Kinder bekommen, aber wenn man mal ehrlich ist, sind Frauen und Kinder da auch wie die Fliegen weggestorben, und wir sind inzwischen nun mal aufgeklärt (möchte man zumindest meinen), und für sein Kind will man, wie schon erwähnt, immer das Beste, also auch eine bessere Welt. Da wir uns die nicht basteln können, halten wir uns an unserer Liebe fest. Auch das ist Kitsch, obwohl es ein Lied von Ton Steine Scherben ist und nicht Rolf Zuckowski. Doch ich glaube, dieser Kitsch trifft auf viele Familien gerade zu. Uns jedenfalls kommt Weihnachten gerade recht. Als Kind fand ich „Wann kommst du Weihnachtsmann“ aus ganz anderen Gründen traurig als heute. Weil ich jetzt an eine Zeit zurückdenke, in der es vermeintlich einfacher war – und mir wünsche, dass auch meine Tochter es nicht allzu schwer haben wird im Leben. Als ich gerade diesen Text schreiben will, kommt mein Mann noch mal herein, gefolgt von meiner Tochter, die im Schlafanzug Bobbycar fährt und dabei quietschend ihr Stimmvolumen trainiert. „Soll ich dir mal mein Lieblingslied zeigen?“ Es geht natürlich wieder um die Weihnachtshits, er drückt auf die Box, und es kommt: „Lieber guter Weihnachtsmann“, in der Zuckowski-Version mit einem unschlagbaren „Da-da-da-da-da-da“. Meine Tochter stoppt das Bobbycar, sie fangen an zu tanzen. Und da muss ich noch mal an den anderen Song denken: Halt dich an deiner Liebe fest. Was sollen wir auch bitte sonst machen?