Politiker haben eigentlich keine Zeit für den Advent. Aber sie müssen sie sich nehmen – weil das ganze Land es tut. Das verlangt ihr Job: Wenn das Volk Lichterketten in die Fenster hängt, Glühwein schlürft und Geschenke kauft, tun Volksvertreter gut daran, wenigstens ein bisschen mitzumachen. Alles andere sähe abgehoben aus. Aber Politiker sind außerdem Eltern, Kollegen, Übermüdete; auf ihren Handys leuchteten in den vergangenen Wochen die Wunschlisten ihrer Kinder auf, ihre Kalender füllten sich mit Weihnachtsfeiern, und die Aussicht auf ein paar Tage Ausschlafen erschien ihnen täglich verlockender. Gerade weil noch so viel zu tun war. Ein Minister brachte es in informeller Runde auf den Punkt: Gehe man schlecht aus dem alten Jahr raus, gehe man schlecht ins neue Jahr rein. Also jetzt noch mal richtig viel schaffen – um dann die Feiertage zu genießen. Erst Vollgas, dann Vollbremsung? Die Wirklichkeit liegt dazwischen. Im Dezember haben die Politiker mehr Stress als sonst, aber oft auch mehr Freude. So wie der Rest des Landes. Terminhopping gehört zur Weihnachtsdiplomatie So zogen Ilex-Zweige und Plätzchenteller auch in viele Bundestagsbüros ein. Manche Abgeordneten – wie Peter Felser von der AfD – öffneten täglich ein Türchen in ihrem Schoko-Adventskalender. Und für fast alle war nach der Arbeit vor der Weihnachtsfeier: mit dem Büroteam, der Fraktion, den Leuten aus dem eigenen Bundesland, in Restaurants, auf Weihnachtsmärkten oder Ministeriumsfluren. Selbst die üblichen Netzwerktreffen putzten sich heraus: Sie hießen plötzlich etwa „Glüh.Wei(h)n.Impulse“; die Einladung in die hessische Botschaft versprach Denkanstöße und Glühwein. Wer alle noch mal sehen wollte, schaute überall vorbei. Terminhopping gehört zur Weihnachtsdiplomatie. So verabschiedete sich der CDU-Abgeordnete Jan Metzler Ende November von einem Vorweihnachtsabend in der rheinland-pfälzischen Botschaft; ein Kollege habe noch zur Stollenverkostung in sein Bundestagsbüro geladen. Da war es schon deutlich nach zwanzig Uhr. Auch die Liste der politischen Adventskonzerte war wieder lang. Manchmal kam die Musik sogar in den Bundestag. So wie am Dienstag, als ein Stockholmer Kammerchor durchs Paul-Löbe-Haus zog; da sitzen die Ausschüsse. Glockenheller Gesang, schwedische Weihnachtslieder, aber auch „Es ist ein Ros’ entsprungen“. Was soll das hier? Es zeigt die Verbundenheit Deutschlands mit Schweden, in der EU, auch in der NATO, wie der Stellvertreter der schwedischen Botschafterin sagte. Er dankte dem Bundeskanzler und dem Bundestag für ihren Einsatz für die Ukraine. Krieg, Frieden und Weihnachten sind schwer zu trennen. Zweihundert Zuhörer waren da, viele reckten ihre Handys hoch wie Teenies auf einem Miley-Cyrus-Konzert. Endlich mal was Weihnachtliches im Büroalltag! Auch Abgeordnete standen da. Zum Beispiel Stefan Seidler, der einzige Parlamentarier des Südschleswigschen Wählerverbandes, der Partei der dänischen Minderheit. Die kleine Auszeit sei gut, „um die Seele baumeln zu lassen und in Weihnachtsstimmung zu kommen“. Dafür sei sonst wenig Gelegenheit. Denn in der Politik zählen Tempo, Effizienz, Erfolg. Eine halbe Stunde Weihnachtsmusik reicht nicht, um sich zu besinnen, aber schon, um sich zu erinnern, dass es so etwas wie Besinnung gibt. Zwei Stunden reichen sogar für ein Charity-Event. Dazu lud am selben Tag der Ambassadors Club; darin sind viele Botschafter in Berlin organisiert. Im Hotel The Westin Grand türmten sie Geschenke für kranke Kinder auf, manche verpackt in buntes Sternchenpapier, andere mit Anhängern wie für Diplomaten: „With the compliments of the Royal Thai Embassy, Berlin“. Weihnachtlich glänzten die 21.000 LED-Lämpchen, die in Gestalt einer meterhohen Tanne über dem Hotelfoyer schwebten. Zur Begrüßung sprach der Botschafter des Vatikans, genannt Apostolischer Nuntius, Brustkreuz um den Hals. Wie verbringt er Weihnachten? In Berliner Kirchen. Viele haben jetzt aufmunternde Worte in der Post Manchen fiel im Gespräch mit dem Nuntius ein, dass es in diesen Tagen ja eigentlich um Jesu Geburt gehen müsste. Aber dann leuchtete auf dem Handy eine Whatsapp auf, und der Gedanke war wieder weg. Viele Heiligabendpredigten handeln davon: Oh, du stressige Weihnachtszeit. Einige Politiker beschäftigt das Thema aber auch über das Fest hinaus. Gerade jene, die mitregieren. Sie freuen sich zwar, dass kurz vor dem Fest viele Menschen – auch Journalisten – milde gestimmt sind, ja, vielleicht sogar merken, dass ihnen eine Pause von der täglichen Erregung und Empörung über Politik ganz guttut. Aber damit wird es bald wieder vorbei sein. Schade, findet einer im Gespräch mit der F.A.S. Das Grundbedürfnis nach Überlegung und Abwägung hätten Menschen schließlich das ganze Jahr. So wie das Bedürfnis nach echten Menschen in der Politik, sagt ein anderer. Aber wenn einer dann mal etwas Ungeschicktes oder Überspitztes sage, wüteten viele gleich wieder los. Die Politiker klingen, wenn sie darüber sprechen, nicht beleidigt, eher ratlos. Immerhin: Jetzt ist es ein bisschen leichter als sonst, Mut zu fassen. Zum Beispiel, weil viele zu Weihnachten ein paar aufmunternde Worte in der Post haben. Mit Weihnachtskarten ist es wie mit allen guten Geschenken: Sie sind schön, aber machen Arbeit. Wer sie bekommt, liest im besten Fall persönliche Grüße, im schlechtesten Fall immerhin überhaupt etwas, das über den Alltag hinausweist. Immer weniger Politiker verschicken solche Karten noch. Anderes ist dringender. Aber es gibt auch treue Fans, oft bekennende Christen: Die Grüne Katrin Göring-Eckardt zum Beispiel hat rund 500 Karten unterschrieben. Das diesjährige Motiv wurde eigens für sie entworfen, es greift die Jahreslosung auf: „Behaltet das Gute!“, in Großbuchstaben, schmucklos schwarz auf weiß. 1. Thessalonicherbrief. Opulenter legte Bundestagspräsidentin Julia Klöckner die Sache an. Ihrer Karte fügte sie ein Plätzchenrezept bei. Der „Kuppelkeks“ – benannt nach der Ausstechform, die den Reichstag samt Kuppel zeigt, 12,50 Euro im Bundestagsshop – inspirierte sie auch zu dem Text der Karte, den sie nach Angaben ihres Sprechers selbst verfasste: „Kerzen an, Termine aus – und für einen Moment so tun, als gäbe es nur Plätzchen, Gemütlichkeit und gute Geschichten.“ Sie wünscht „ein bisschen Entschleunigung, ein bisschen Magie – und keine trockenen Kekse“. Keine dienstlichen Karten oder Briefe verschickte in diesem Jahr der FDP-Vorsitzende Christian Dürr; persönliche Weihnachts-SMS plant er aber schon. Seit seine Partei aus dem Bundestag geflogen ist, muss er genau überlegen, wofür er ihr geschrumpftes Budget und Personal einsetzt. Verlebt Dürr die Weihnachtszeit also wehmütig? So wirkte er nicht, als er am Mittwoch mit einem Rabbiner die Lichter am Chanukka-Leuchter in der FDP-Zentrale entzündete. Einerseits ist viel zu tun; Zutrauen in die Liberalen verbreitet sich nicht von allein. Andererseits sind Dürr und seine Leute noch erfüllt von ihrer Weihnachtsfeier, die sie in WG-Party-Manier auf einem Büroflur im Haus feierten. Die soll feuchtfröhlich gewesen sein. Auch zum Karaokesingen war man aufgelegt. Dürr reüssierte mit dem Hit „Ohne Dich (Schlaf Ich Heut Nacht Nicht Ein!)“ der Münchner – klar – Freiheit. Es gibt nicht viele Abende im Jahr, an denen Politiker in Berlin so ausgelassen feiern, als wären sie keine Politiker. Selbst das Handy des Kanzlers klingelt seltener als sonst Aber alles schaffen sie eben auch nicht. Geschenke zum Beispiel kaufen viele erst auf den letzten Drücker. Anders Forschungsministerin Dorothee Bär von der CSU. Am Rande eines Weihnachtsessens am Mittwochabend – Roastbeef auf Maronenpüree – berichtete sie, sie habe schon alle beisammen, und zwar nicht nur online bestellt. Ihr Trick: ein Geschenkeschrank. In dem sammele sie das ganze Jahr über Dinge für Mann und Kinder. Frische Ware von den Wunschzetteln komme dazu. Sie selbst habe sich Bücher gewünscht, ja, auch Krimis. Was zum Abschalten. So ganz schalten Politiker allerdings auch an Weihnachten nicht ab. Bundeskanzler Friedrich Merz plant zwar, wie aus dem Kanzleramt zu erfahren ist, die Feiertage an verschiedenen Orten in Deutschland zu verbringen, mit Menschen, die ihm wichtig sind. Das Handy ist dann nicht aus, lässt aber weniger Nummern durch als sonst – nur die wichtigsten. Notstäbe und Feiertagsbereitschaften sind aber stets einsatzbereit. Auch die Gebäude des Bundestags sind offen, Sicherheitsleute und Eingangskontrollen tun ihren Dienst, die Abgeordneten können jederzeit in ihre Büros. Wenn sie denn wollen. Oder müssen. Doch vorerst hoffen sie auf Weihnachtsruhe. Am Donnerstagabend nahm man Abschied. SPD-Chef Klingbeil schlenderte mit CSU-Innenminister Dobrindt über den Weihnachtsmarkt. Und in der gläsernen Reichstagskuppel versammelte der Personalrat des Bundestags Hunderte Mitarbeiter zum Adventssingen: Abgeordnete, Saaldiener, Sekretärinnen, manche brachten ihre Mütter oder Kinder mit. Rot versank die Abendsonne im Lichtermeer Berlins, als alle anstimmten: „O du Fröhliche-he . . .“
