FAZ 14.02.2026
12:33 Uhr

Weibliche Epstein-Komplizen: „Sie hat uns an ihn verfüttert“


Sie haben das Zeug zur KZ-Wächterin: Von Epstein bis zum Horrorhaus Höxter zeigt sich, wie Frauen zu Komplizinnen für die Verbrechen von Männern wurden. Was sind ihre Motive?

Weibliche Epstein-Komplizen: „Sie hat uns an ihn verfüttert“

Jeffrey Epsteins Missbrauchsnetzwerk beruhte auch auf weiblicher Komplizenschaft. Frauen versorgten den Milliardär mit minderjährigen Opfern. Treu und tatkräftig zur Seite stand Epstein bei seinen Verbrechen die 2022 zu zwanzig Jahren Haft verurteilte Mädchenfängerin Ghislaine Maxwell, die sich einst geschmeidig durch die New Yorker High Society bewegte. Sie war die Architektin des Sexhandelsrings. Bisweilen schaute Maxwell beim Missbrauch der Mädchen zu oder beteiligte sich daran. Die vor vier Jahren erschienene Netflix-Dokumentation „Ghislaine Maxwell – Partner in Crime“ zeichnet das Bild einer Frau, die so sehr in Epstein verliebt gewesen sein soll, dass sie für ihn – als dessen Liebe erkaltete – systematisch junge Mädchen für „Massagen“ beschaffte. Eine Komplizenschaft, durch die sie offenbar die Bindung zu Epstein stärken wollte. In der Dokumentation sagt eines der Opfer über Maxwell: „Sie hat uns an ihn verfüttert.“ Die Journalistin Tara Palmeri, die 2021 in einer Recherche für das Magazin „Politico“ die Rolle der Frauen im System Epstein beleuchtete, schrieb, man stelle sich diese Gruppe am besten als Pyramide vor. Unter der unangefochten an der Spitze stehenden Maxwell arbeitete eine Schar von Assistentinnen, die die Mädchen für Epsteins Missbrauch einplanten und verwalteten. Außerdem, so Palmeri, gab es jene Frauen, die dem Milliardär ihre Freundinnen zuführten und dafür Geschenke erhielten. Im Laufe der Jahre wechselten nicht selten Opfer die Seite und wurden zu Täterinnen. Sie selbst, schreibt Palmeri, sei von der schieren Zahl der Frauen um Epstein überrascht gewesen. Ein hohes Maß an Mitleidlosigkeit „Viele Betroffene sagten, sie fühlten sich besonders von denen verraten, die gegen die unausgesprochene Regel verstießen: dass Frauen andere Frauen schützen, besonders Minderjährige.“ Palmeri sprach auch mit Virginia Roberts Giuffre, die öffentlich ausgesagt hat, von Prinz Andrew missbraucht worden zu sein. Sie starb im vergangenen Jahr durch Suizid. Giuffre beschrieb Maxwell als eine Frau mit untrüglichem Gespür: „Sie konnte herausfinden, was ein mögliches Opfer wollte oder brauchte. Und weil sie wie eine nette Mary-Poppins-Figur aussah, hast du ihr irgendwie vertraut.“ Weibliche Täterschaft irritiert, weil sie verbreiteten kulturellen Stereotypen wie dem der friedfertigen, einfühlsamen Frau widerspricht. Die Sozialwissenschaftlerin Christina Thürmer-Rohr prägte bereits in den Achtzigerjahren den Begriff der „Mittäterschaft von Frauen“. Damit wandte sie sich gegen eine Verklärung der Frau als reines Opfer des Patriarchats. Sie schrieb, dass Frauen nicht nur Opfer patriarchaler Gewalt seien, sondern diese „auch mittragen, absichern und organisieren können“. Frauen, so Thürmer-Rohr, „steigen auch eigentätig ein, gewinnen Privilegien, ernten fragwürdige Anerkennung und profitieren von ihren Rollen, sofern sie sie erfüllen“. Oft nutzen Täterinnen Eigenschaften, die als typisch weiblich gelten, wie Empathie oder Fürsorglichkeit, um das Vertrauen ihrer Opfer zu gewinnen. „Eigentätig eingestiegen“ ist auch Angelika W. im Fall Höxter. Sie gab sich als die harmlose, freundliche Schwester oder Vertraute ihres Partners Wilfried W. aus. Von 2011 bis 2016 lockte das Paar Frauen über Kontaktanzeigen in ihr Haus im ostwestfälischen Bosseborn bei Höxter. Im Keller des Hauses hielten sie mehrere Frauen gefangen, quälten und folterten sie. Infolge der Misshandlungen starben zwei Frauen. Der minder intelligente und von seiner Mutter dominierte Wilfried W. und Angelika W. ergänzten sich offenbar perfekt. Die forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh, die Angelika W. begutachtete, attestierte ihr ein „hohes Maß an Mitleidlosigkeit“. In einem Gespräch mit Angelika W. sagte Saimeh zu ihr, sie wäre eine gute KZ-Wächterin gewesen. Angelika W. fühlte sich geschmeichelt. Das Zusammenspiel mit Wilfried W. formulierte Saimeh einmal so: „Er setzt die Regeln, wie Mutti sie vorgegeben hat. Sie akzeptiert das vorbehaltlos, aber sie perfektioniert das System. Und beide verschwören sich gegen eine dritte schwächere Person.“ „Frauen, die andere Frauen quälen, sind misogyn“ Im Gespräch mit dieser Zeitung sagt Nahlah Saimeh, Angelika W. habe damals erzählt, ihrem Mann Frauen beschafft zu haben, um selbst von ihm in Ruhe gelassen zu werden. „Doch wenn man sich die Videos und die Tatschilderungen von Angelika W. anschaut, dann ist das nicht plausibel. Wenn Frauen sich aktiv an der Zuführung von anderen Mädchen oder Frauen als potentielle Opfer von Sexual- oder Gewalttaten beteiligen, dann ist es durchaus möglich, dass die Frauen sich selbst schützen wollen, aber vor allem ist es eine Ebene von Macht und Kontrolle über die Sexualität ihres Partners. Dadurch, dass sie Opfer herbeischaffen, sind sie gewissermaßen Teil seiner Promiskuität.“ Frauen, die andere Frauen quälten, seien letztlich misogyn, und dies wiederum verweise in der Regel auf eine sehr frühe Beschädigung der eigenen Identitätsentwicklung. Gesteigert wird die Perversion in jenen Fällen, in denen sich Paare gemeinsam sexuell an ihren Kindern vergehen. Eine Mutter und ihr Lebensgefährte aus Staufen im Breisgau missbrauchten den zu Beginn des Martyriums siebenjährigen Sohn der Frau sowie ein dreijähriges Mädchen. Im Netz bot das Paar den Jungen zum Missbrauch an. Als der Fall 2018 an die Öffentlichkeit kam, sagte der Präsident des deutschen Kinderschutzbundes der „taz“: „Dass eine Mutter hilft, ihren leiblichen Sohn Freiern im Netz zum Missbrauch anzubieten, habe ich mir bisher auch nicht vorstellen können.“ Es komme vor, dass Mütter vor dem Missbrauch in der Familie die Augen verschließen, das sei bei Missbrauchsfällen ein gängiges Muster. Aber für diese Art von krimineller Energie bei einer leiblichen Mutter habe ihm auch nach fünfundzwanzig Jahren, die er sich mit solchen Fällen beschäftige, die Phantasie gefehlt. Marc Dutroux war ihr „Gott“ 2019 erschien eine kriminologische Studie der Universität Tübingen, die untersucht, wie sich weibliche und männliche Sexualstraftäter in ihrem Tatvorgehen und der Opferwahl unterscheiden. Mehr als die Hälfte der Täterinnen haben ihre Verbrechen gemeinsam mit einer zweiten Person begangen – in 95 Prozent der Fälle handelte es sich um Männer. Während es bei Männern fast ausschließlich um die Befriedigung der eigenen sexuellen Triebe ging, nannten die Frauen als Motive beispielsweise „die sexuelle Befriedigung der Mittäter, ihre Liebesbeziehung zu diesen sowie das eigene Bedürfnis nach Nähe“. Hand an die Opfer legten sie selbst jedoch nur selten. Sie sahen bei den Taten zu und forderten ihren Partner zum sexuellen Missbrauch auf. Weibliche Mittäterschaft ist ein komplexes Geflecht aus emotionaler Abhängigkeit, Angst, Unterwerfung, Identifikation, Eigeninteresse, Loyalität und der Entscheidung, sich auf die Täterseite zu schlagen. Erstaunlich ist, wie sehr Frauen ihre gewalttätigen Partner bisweilen überhöhten. Den Mörder und Sexualstraftäter Marc Dutroux bezeichnete dessen Ex-Frau Michelle Martin vor Gericht als ihren einstigen „Gott“. Dutroux entführte zwischen 1995 und 1996 sechs Mädchen, hielt sie wochen- oder monatelang im Kellerverlies des Hauses in Marcinelle gefangen und vergewaltigte sie. Vier Opfer starben. Die Macht von Marc Dutroux über Michelle Martin sei derart groß gewesen, dass ihr Wille gebrochen worden sei – so beschrieben es Psychologen, so erklärte Martin ihre Tatenlosigkeit. Dutroux, nun ein Dämon, habe ihr „Gehirn komplett ausgelöscht“. War Martin lediglich die unterdrückte, willenlose Ehefrau? Die Fakten lassen dies bezweifeln. Als Dutroux wegen Autodiebstahls mehrere Monate im Gefängnis saß, verhungerten und verdursteten im Keller die achtjährigen Mädchen Julie und Melissa. Martin hätte sie retten können. Ihr Mann stellte keinerlei Bedrohung für sie dar. Doch Martin fuhr zu ihrer Mutter in den Urlaub. Es existiert ein Foto aus jener Zeit, das vor Gericht eine Rolle spielte: Es zeigt Martin mit einem ihrer drei Kinder auf einem Ausflugsboot auf der Maas. Die Fälle Epstein, Höxter, Staufen und Dutroux liegen sowohl geographisch als auch sozial und historisch weit auseinander. Doch in jedem dieser Fälle spielten Frauen aus unterschiedlichen Gründen als Mittäterinnen und Komplizinnen eine Rolle. Sie rekrutierten Opfer, duldeten deren Misshandlung, beteiligten sich daran, profitierten, sahen zu oder schwiegen. Die Taten der Männer verlieren dadurch keinen Deut an Grausamkeit. Die Statistik zeigt, dass die meisten schweren Straftaten Männer begehen. Als Mittäterinnen können Frauen jedoch innerhalb des gemeinsam geschaffenen Gewaltsystems mit derselben Kälte und Entschlossenheit herrschen und handeln wie Männer.