FAZ 12.01.2026
15:00 Uhr

Wehrdienst in Frankreich: Nicht jeder darf in dieser Armee dienen


Frankreich schlägt beim Thema Wehrdienst einen anderen Weg ein als die Bundeswehr. Die Regierung will die Armee mit einer Art Bestenauslese stärken. Kann das funktionieren?

Wehrdienst in Frankreich: Nicht jeder darf in dieser Armee dienen

Frankreich drückt aufs Tempo bei der Einführung eines freiwilligen Wehrdienstes: Am Montag hat die Rekrutierungskampagne in den sozialen Netzwerken begonnen. Bis April können sich junge Frauen und Männer im Alter zwischen 18 und 25 Jahren um einen der 3000 Plätze bewerben. Die Bewerbung erfolgt online. Spätestens Anfang Juli sollen die Kandidaten eine Antwort erhalten und Anfang September in die Kasernen einziehen. Sie erhalten Kost und Logis frei sowie einen Sold von 800 Euro monatlich. Das wie in Deutschland bevorzugte Verfahren mit Online-Fragebögen hat in Paris nicht überzeugt. Man habe sich auch das Vorgehen in anderen Ländern im Norden Europas angesehen, sagte Verteidigungsministerin Catherine Vautrin bei einer Pressekonferenz zum Auftakt der Rekrutierungskampagne. In Frankreich sollen die Bewerber in persönlichen Gesprächen und über eine Musterung ausgewählt werden. In die engere Auswahl kommen diejenigen, die durch Motivation, gesundheitliche Eignung und eine geeignete berufliche Vorausbildung positiv auffallen. Der Auswahlprozess sei selektiv, sagte Vautrin. Auch um die Frauen wirbt die Regierung in Paris Ohnehin werden in Frankreich bereits alle jungen Leute mit Erreichen der Volljährigkeit zu einem sogenannten Tag des Appells an einen Militärstandort einberufen. An dem Tag werden die Personaldaten aufgenommen und Lese- und Schreibkenntnisse kontrolliert. Auch gibt es einen Gesundheitscheck für alle Achtzehnjährigen. An dem Tag werden auch die beruflichen Angebote bei der Armee vorgestellt. Der Nachweis über Teilnahme an diesem Tag ist notwendig, um das Abitur abzulegen, ein Studium zu beginnen oder die Führerscheinprüfung zu machen. Eine sofortige Rückkehr zur allgemeinen Wehrpflicht würde aber die Aufnahmekapazitäten der Armee sprengen, die seit Anfang der Nullerjahre viele Standorte aufgegeben und Kasernen verkauft hat. Der Generalstabschef der Armee, General Fabien Mandon, rechnet damit, dass nicht alle Bewerber für den freiwilligen Wehrdienst genommen werden können. „Es gibt in der jungen Generation ein starkes Bedürfnis, sich für die Nation nützlich zu machen“, sagte er bei der Pressekonferenz im Armeeministerium in Paris. Wer dieses Jahr kein Angebot erhalte, könne sich im nächsten Jahr wieder bewerben, sagte Mandon. Die französische Armee lockt die jungen Leute mit einer Verwendung in den französischen Überseegebieten. Ob in der Karibik, im Pazifik oder in Südamerika (Französisch-Guyana), in den Überseegebieten habe die Armee viele Einsätze, sagte der Generalstabschef. Einsätze in Kampfgebieten sind für die freiwillig Wehrdienstleistenden hingegen tabu. Vautrin betonte, dass junge Frauen sich genauso wie junge Männer angesprochen fühlen sollten. Das Angebot richte sich an Medizinstudenten, angehende Ingenieure und KI-Spezialisten, die ihr Studium mit einem Bonus nach dem Dienstjahr fortsetzen könnten. Der Frauenanteil in der französischen Berufsarmee ist mit gut 20 Prozent vergleichsweise hoch. Der Generalstabschef stellte klar, dass die allgemeine Wehrpflicht nur für Männer aus „einer anderen Zeit“ stamme. Frankreich zählt derzeit etwa 200.000 Berufssoldaten in seinen Streitkräften und verfügt nach Polen über die zweitgrößte Armee der EU. Das Durchschnittsalter der Soldaten liegt bei 32 Jahren, die durchschnittliche Dienstzeit bei sechseinhalb Jahren. Der freiwillige Wehrdienst soll die Verbindung zwischen Armee und Nation stärken, wie die Armeeministerin betonte. Ein Monat Ausbildung, neun Monate Einsatz Die Zahl der Wehrdienstleistenden soll schrittweise erhöht werden, auf 4000 im Jahr 2027 bis zu 10.000 im Jahr 2030. 2035 könnte man dann bei 43.500 sein, hieß es. Die Wehrdienstleistenden können auch bei der Gendarmerie eingesetzt werden, die polizeiliche Aufgaben wahrnimmt. In Frankreich trägt die Armee auch zum Schutz vor Terrorismus bei und verstärkt im Rahmen der Operation Sentinelle die Überwachung von Flughäfen, Bahnhöfen, Synagogen und anderen gefährdeten Orten. 1800 Wehrdienstleistende sollen im Heer angeworben und im September auf 60 Garnisonen verteilt werden, wie der Generalstabschefs des Heeres, General Pierre Schill, erläuterte. Die Einsatzbereiche seien sehr weit gefasst und reichten von einer Einheit für Cybersicherheit in Hagenau im Elsass bis zu Katastrophenhilfe nach einem Zyklon auf der Karibikinsel Martinique, sagte Schill. Marine und Luftwaffe halten jeweils 600 Plätze für Wehrdienstleistende bereit. Gefragt seien junge Leute mit einem Ausbildungsberuf, wie etwa Mechaniker oder Bäcker. Frankreich hatte bereits 1996 die Wehrpflicht für junge Männer ausgesetzt. Der freiwillige Dienst soll eine einmonatige Grundausbildung und einen neun Monate langen Einsatz umfassen. Es werde kein Unterschied zwischen Berufssoldaten und Wehrdienstleistenden gemacht werden, sagte der Generalstabschef. „Es handelt sich um eine einmalige Erfahrung“, sagte die Armeeministerin. Frankreich hat bereits zuvor mit einem freiwilligen Dienst an der Nation experimentiert, eine Art Mischform aus Zivil- und Wehrdienst. Es gab viel Kritik daran, und Präsident Emmanuel Macron verzichtete auf eine Ausweitung. Das neue, rein militärische Angebot an die Jugend sei den veränderten geopolitischen Umständen angepasst. Generalstabschef Mandon hatte Aufsehen erregt, als er vor den versammelten Bürgermeistern Frankreichs eine stärkere Wehrhaftigkeit einforderte. „Wenn unser Land schwach ist, wenn es nicht bereit ist, seine Kinder zu verlieren, dann sind wir in Gefahr“, sagte er. Am Montag äußerte er sich vorsichtiger: „Jeder Wehrdienstleistende wird ein wichtiges Glied in unserer Armee sein.“