FAZ 26.01.2026
08:01 Uhr

Wegen US-Präsident Trump: Sollte der deutsche Fußball über einen WM-Boykott nachdenken?


Die Fußballwelt als Staffage: An Donald Trumps Politik wird auch die Weltmeisterschaft nichts ändern. Die Positionierung des DFB scheint klar.

Wegen US-Präsident Trump: Sollte der deutsche Fußball über einen WM-Boykott nachdenken?

Achtung, zukünftige Weltmeister des Fußballs. Halten Sie den Pokal nach der feierlichen Übergabe am 19. Juli im Metlife-Stadion von New Jersey gut fest! Donald Trump, das erklärte der Präsident des Weltfußballverbands (FIFA), Gianni Infantino, unmissverständlich, soll ihn zum Ende des WM-Turniers in den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko überreichen: 18 Karat Gold mit Malachitstreifen am Sockel, 6,175 Kilogramm schwer; die Gelegenheit ist günstig und die Vorerfahrung gut. Als Trump im Sommer 2025 entschied, die Klub-WM-Trophäe in seinen Besitz zu nehmen, kündigte die FIFA an, eine Kopie herstellen zu lassen. Trumps Probleme mit Mein und Dein führten nicht zu einer öffentlich ausgetragenen Verstimmung mit der FIFA. Im Gegenteil. Im Dezember überreichte ihm Infantino servil den flugs erfundenen Friedenspreis seines Verbands. Trump beschimpft, droht, spaltet und erpresst, wann es ihm passt Inzwischen greift Trump sich anderer Leute Präsidenten, beansprucht die größte Insel der Welt friedlicher Nachbarn, schickt schießwütige Schergen durch sein Land, beschimpft, droht, spaltet, erpresst, wann es ihm passt, und lässt bei Gelegenheit etwa den Deutschen empfehlen, eine in Teilen rechtsradikale Partei zu wählen. Der nächste Preis des Sports dafür? Die Teilnahme an der mit 48 Teams größten WM der Geschichte. Trump wird sie zum größten Sportereignis der Geschichte erklären – dank des Größten unter der Sonne. Und dank der Lust der Mitspieler, ihm die Bühne dafür zu bieten: die Fußballwelt als willfährige Staffage. Das ist der Plan. Wer hinschaut, kann bislang nichts anderes erkennen als den vollständigen Kotau, die Beugung aller Ideale des Sports vor den Stiefeln, die sie in den Staub treten. Vor vier Jahren noch gefiel sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) als Kritiker von Menschenrechtsverletzungen in Qatar. Ein dilettantisch organisierter Protest fiel zwar auf, aber durch. Der Emir von Qatar wird sich heute fragen, welche Maßstäbe etwa die Deutschen wählen, wenn sie doch damals aus seiner Sicht krakeelten und mit Symbolen provozierten, während sie heute mehr oder weniger schweigen. Dass aus den Reihen der DFB-Funktionäre allein Vizepräsident Oke Göttlich einen Vorstoß wagte in diesen Tagen, spricht eher für ein Solo als für eine konzertierte Aktion. Zumal der Präsident des FC St. Pauli in seiner Aufforderung zu einer Diskussion ein Tabu ansprach: Boykott? Um Gottes willen! Ist an diesen Gegenargumenten etwas dran? Sportfunktionäre reagieren allergisch auf diesen Begriff. Es folgt in der Regel eine Kaskade erdrückend erscheinender Gegenargumente: Sport müsse strikt von Politik getrennt werden. Der Streit werde auf dem Rücken der Athleten ausgetragen. Wettkämpfe dienten der Völkerverständigung, so ein Weltereignis schaffe Wandel durch Annäherung. Ist das so? Wer Trump während der WM schweigend zur Seite steht, nimmt ihr nicht die politische Aufladung. Wer so tut, als seien Erwachsene, in diesem Fall wirtschaftlich weitgehend unabhängige Profis, nicht selbstverantwortlich, erniedrigt sie zu Spielfiguren. Wer behauptet, Länderspiele, zum Beispiel zwischen Deutschland und den Niederlanden oder Argentinien und Brasilien, förderten die Freundschaft, hat nie hingesehen oder hingehört. Wer immer noch glaubt, Chinas (2008/2022) oder Russlands Führung (2014/2018) hätten durch Olympische Spiele oder eine Fußball-WM auch nur einen Hauch mehr Grundrechte für ihre Bürger erlaubt, ignoriert die Realität nach dem Erlöschen der Flammen: Verfolgung, Zensur, Angriffe, Bomben, Morde. Vom DFB ist nichts zu erwarten Die WM-Spiele werden nichts an Trumps Politik ändern. Warum also nicht über einen Boykott nachdenken, versuchen, eine Allianz zu schmieden mit den besten europäischen Fußballnationen? Denn die rote Linie hat Trump längst überschritten. Aber Sportfunktionäre rührt das kaum. Ihre Vorgänger huldigten schon Massenmördern mit der Teilnahme an WM-Turnieren und Olympischen Spielen, falls das Geschäft groß genug wirkte. Sie werden, zumindest in Deutschland, auf die Autonomie des Sports pochen. Der DFB entscheidet. Und wird an seine Zukunft denken, an das, was er braucht von der FIFA, etwa für künftige Ausrichterambitionen. Von ihm ist nichts zu erwarten, abgesehen von Widerspruch, wenn es auch nur um den Gedanken an einen Boykott ginge. Etwa dieses Totschlagargument: „Bringt doch nichts!“ Weil Trump, beim Golf ein Hochstapler und Betrüger, der Fußball und das Turnier letztlich unwichtig sind mit Blick auf seine Agenda, nur ein Spielzeug, das er ersetzt wie ein beleidigtes Kind es würde? Das Ego des Präsidenten spricht dagegen, seine Sprunghaftigkeit dafür. Aber bei der Frage nach der Wirkung ist die Perspektive entscheidend. Wer sich verweigert, wer nicht hingeht zum Fest, weil er nicht Gehilfe sein will, weil er nicht den Eindruck erwecken möchte, das Treiben eines Despoten zu würdigen, der hat zwar nichts gewonnen, aber vor allem nichts von dem verloren, was ihm heilig sein müsste, weit über das Spiel hinaus.