FAZ 18.02.2026
12:22 Uhr

Wasserman und Epstein: Eine amerikanische Olympia-Affäre


Trotz einer früheren Verbindung zu Jeffrey Epstein möchte Casey Wasserman Organisationschef der Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles bleiben. Ist der Sport nachsichtiger als die Musikbranche?

Wasserman und Epstein: Eine amerikanische Olympia-Affäre

Wenn es um den Prestigewert einer Villa in den Wohngegenden der Reichen und Berühmten von Los Angeles geht, ist nicht nur die Lage von Belang. Häuser, die wegen ihres Baustils für Aufsehen gesorgt haben, gehören in Kalifornien ganz oben auf die Liste der Begehrlichkeiten. Und natürlich ist die opulente Ausstattung wichtig. Garage für mehr als vier Autos. Swimmingpool, Kino. Fitnessraum. Tanzstudio. So kommt man schnell auf mehr als tausend Quadratmeter Wohnraum. Aber Casey Wasserman muss selbst in solchen Dimensionen nicht aufs Geld achten. Sein Privatvermögen wird auf 400 Millionen Dollar (derzeit etwa 338 Millionen Euro) geschätzt. Und sein Gespür für ertragreiche Immobilien ist ziemlich profitabel. Als er seinen jüngsten Besitz im September zum Verkauf auf den Markt brachte, billigte er sich mal eben 50 Prozent Aufschlag auf seinen Anschaffungspreis von 2020 zu – damals umgerechnet rund 20 Millionen Euro. Die Beziehung zu Epstein und Maxwell tue ihm „unglaublich leid“ Wenn es ums rein Geschäftliche geht, hatte der 51-Jährige, der zu einer kleinen Gruppe von extrem erfolgreichen Agenten sowohl in der amerikanischen Entertainment-Industrie als auch im Profisport gehört, schon immer ein ziemlich gutes Händchen. Was unter anderem daran liegen dürfte, dass er als Enkel von Lew Wasserman, dem mächtigsten Mann im Hollywood der Nachkriegsjahrzehnte, bereits eine gute Einstimmung erhielt. Zuletzt repräsentierte er mehr als 4000 Kunden, darunter allein 2700 aus dem Sport. Etwas anderes sind sein Gespür für menschliche Beziehungen und jener moralische Kompass, an dem sich die meisten Menschen in ihrem sozialen Verhalten orientieren. Unlängst trat dieses Defizit einmal mehr zutage. Da sah Wasserman – inzwischen im Nebenberuf Vorsitzender des Organisationskomitees der Olympischen Spiele 2028 in seiner Heimatstadt Los Angeles – sich gezwungen, sich von einem 22 Jahre alten E-Mail-Flirt voller mehrdeutiger Anspielungen mit der prominenten Sexualstraftäterin Ghislaine Maxwell zu distanzieren. „Es tut mir unglaublich leid“, teilte er in einer schriftlichen Stellungnahme mit, „irgendeine Beziehung zu beiden“ gehabt zu haben. Also nicht nur zu Maxwell, die nachweislich in jener Zeit minderjährige Mädchen angeworben und rekrutiert hatte, die Opfer sexuellen Missbrauchs wurden. Sondern auch zu Jeffrey Epstein, ihrem Partner und Kopf des spinnennetzartigen, riesigen Komplotts, der sich 2019 in Untersuchungshaft das Leben nahm, während Ghislaine Maxwell 2022 zu zwanzig Jahren Haft verurteilt wurde. Wassermans knappe Erklärung zu dieser Episode, die durch die Publikation der Epstein-Akten publik wurde, sorgte bei amerikanischen Sportfunktionären für keinerlei Irritation. Es gab sowohl Rückendeckung vom amerikanischen Olympischen Komitee (USOPC) als auch vom Vorstand der Ausrichter-Organisation LA28: „Herr Wasserman sollte LA28 auch weiterhin führen und sichere und erfolgreiche Spiele ausrichten.“ Er hatte bereits die erfolgreiche Bewerbungskampagne der Stadt angeführt. In der Musikbranche gab es weit größere Sensibilität Doch nachdem Wasserman nun dem wachsenden Druck von einer anderen Seite nachgegeben hat, wachsen Zweifel daran: Am Freitag kündigte er in einem internen Memo an die Mitarbeiter den Rückzug aus seiner Agentur an. Er schrieb von „früheren persönlichen Fehlern“, die er bedaure und die nun zu einer „Störung“ der Arbeit der Agentur geführt hätten. Auch der Verkauf dürfte noch ein einträgliches Geschäft werden. Fürs Erste ist aber bemerkenswert, aus welcher Richtung der Druck kam – und aus welcher eben nicht. Während sich aus dem Netzwerk der von Wasserman vertretenen Sportler nur eine – die ehemalige Fußball-Nationalspielerin Abby Wambach – losgesagt hatte („Ich weiß, was ich weiß, und ich folge meinem Bauchgefühl und meinen Werten. Ich werde unter seiner Führung an keinerlei Geschäftsbeziehungen teilnehmen.“), zeichnete sich in der Musik, vor allem bei den Künstlerinnen, weit größere Sensibilität ab. Sängerin Billie Eilish hatte bereits nach Bekanntwerden eines Eheskandals 2024 Konsequenzen gezogen. Damals hatte ein britisches Boulevardblatt („Daily Mail“) etliche Details über eine Serie von Affären mit Assistentinnen in seiner Agentur und einer Flugbegleiterin auf seinem Gulfstream-Privatjet publiziert – eine Geschichte, die im Übrigen auch zu Spekulationen geführt hatte, wie eine Liaison zu einer ehemaligen Sekretärin dieser danach zu einem hoch dotierten Job im Stab des Olympia-Organisationskomitees verholfen haben könnte. Da schienen Wassermans Teflon-Qualitäten ihn noch vor weitergehenden Konsequenzen zu schützen. Nun folgte Grammy-Gewinnerin Chappell Roan („Kein Künstler, Agent oder Angestellter sollte dazu verpflichtet werden, Handlungen zu verteidigen oder zu ignorieren, die so tiefgreifend mit unseren eigenen moralischen Werten in Konflikt stehen.“). Rockgruppen wie Phish und Dave Matthews Band schienen ebenfalls auf dem Sprung. Viele Musikmanager, die für Wasserman arbeiten, sollen hinter vorgehaltener Hand über ähnliche Schritte nachgedacht haben. Eine Entwicklung, die den Firmeneigentümer zwang, diesmal nicht nur sein Haus, sondern sein geschäftliches Imperium abzustoßen. „Casey Wasserman muss zurücktreten“ Dass er sich auch vom Sportsegment trennen würde, das er seit zwei Jahrzehnten betrieb, hatte indes kaum einer geglaubt. Die „Los Angeles Times“ hatte vor Wassermans Ankündigung geschrieben, der Sport sei „vielleicht das nachsichtigere Milieu“, die Klienten „weit weniger kritisch eingestellt“ als in der „relativ progressiven Musikindustrie“. Letztlich bewahrheitete sich das ja auch, wenn auch ein bisschen anders als gedacht. Vielleicht aber gab es im Sport insgeheim auch Erleichterung, dass von anderer Seite etwas bewirkt wurde, ohne dass er selbst groß in Erscheinung treten musste. Die Frage aber, die man sich nun nicht nur in Los Angeles stellt, lautet, was aus Wassermans Rolle als Organisationschef werden soll. Kritik aus der Lokalpolitik hatte es vorher schon gegeben. So sagte Janice Hahn, Mitglied im fünfköpfigen obersten Verwaltungsgremium des Los Angeles County: „Casey Wasserman muss zurücktreten. Dass er uns auf der Weltbühne repräsentiert, lenkt zu sehr von unseren Athleten und den enormen Anstrengungen in der Vorbereitung auf 2028 ab.“ Nun meldete sich auch Karen Bass, die Bürgermeisterin von Los Angeles, und forderte den Organisationschef der Olympischen Spiele 2028 zum Rücktritt auf. Sie könne Wasserman zwar nicht entlassen, aber ihrer Meinung nach sollte er zurücktreten, sagte die 72 Jahre alte Demokratin in einem CNN-Interview. „Der Vorstand hat eine Entscheidung getroffen. Ich finde das bedauerlich. Ich unterstütze diese Entscheidung nicht. Ich denke, wir müssen uns die Führungsriege genauer ansehen“, sagte Bass. Wasserman selbst selbst gab der jüngsten Entwicklung einen anderen Spin: Er werde nun „volle Aufmerksamkeit“ der Aufgabe widmen, Los Angeles Spiele zu liefern, die dieser außergewöhnlichen Stadt würdig seien.