FAZ 31.12.2025
13:30 Uhr

Was noch zu tun ist: Das hätten wir uns von Wissenschaftlern und Künstlern noch gewünscht


Autoren kündigen Romane an, die sie nicht vollenden. Architekten entwerfen Gebäude, deren Bauherren der Mut verlässt. Regisseure müssen auf Stoffe aufmerksam gemacht werden: Zum Jahreswechsel schicken wir Mahnschreiben an Säumige und Hoffnungsträger.

Was noch zu tun ist: Das hätten wir uns von Wissenschaftlern und Künstlern noch gewünscht

Malerei: Keine Konkurrenz Zugegeben: Es ist nicht ganz fair, die künstlerische Potenz der Künstlichen Intelligenz ausgerechnet am Renaissancemaler Hans Baldung Grien zu messen. Verdanken wir ihm doch so viel Ungewöhnliches, Hochartifizielles, Einzigartiges; etwa seine sehr freizügig und furchtlos agierenden Hexen, Madonnen, die mit Papagei auf der Schulter an eine Piraten-Jenny erinnern, irre gewordene Pferde. Auf seinem Sebastiansaltar im Germanischen Nationalmuseum stellt er sich im spitznamengebenden grellgrünen Mantel in die Schussbahn der für den Pestheiligen und inoffiziellen Patron der Homosexuellen gedachten Pfeile. Sein Holzschnitt „Sankt Sebastian“ von 1514 ist nicht minder provokant: Der gänzlich nackte Heilige mit langem Haar hängt so tot wie attraktiv von Pfeilen perforiert „in den Seilen“ von einem Baum herab, während Engel ihn bitter beweinen. Wollen wir doch einmal sehen, was dran sein könnte an der Rede von der KI-Gefahr, die Künstler schon bald arbeitslos machen werde, weil der geistiges Eigentum entrechtende Bildstaubstauger in Sekunden und „gratis“ tolle Bilder liefere. Also per Prompt die Erstellung einer aktuellen und richtlinienkonformen (wegen Nacktheit in der Vorlage liefert die KI ohne diese Selbstzensur nämlich erst einmal: nichts) Version des Heiligen Sebastian und der Hexenbilder angefordert. Im Nu spuckt das Programm seinen Sebastian aus, angetan mit einer Jeans, aber durchaus nicht weniger aufreizend. Durchbohrt wird er sehr heutig von Laserstrahlen in Rot und Blau, also von der dunklen Seite der Macht und der hellen gleichermaßen, und überwacht durchs göttliche Auge von sieben Kameras oben auf dem Marterpfahl. Ein wichtiger Kritikpunkt an KI, sie generiere aus dem Pool der eingespeisten Bilder nur Varianten des Bekannten ohne nennenswerte Eigenleistung, findet sich erst einmal nicht bestätigt. Denn am Fuß des Marterholzes brauen nun ebenso heutig gekleidete Hexen etwas im Topf und hantieren mit einem Totenschädel vor der klar zu identifizierenden Kulisse von Frankfurt, umschwebt von Social-Media-Symbolen wie Likes und Freundschaftsanfragen. Die Schwächen liegen anderswo: die Laserpfeile sind eine unplausible Ableitung der Laserschwerter aus „Star Wars“, von den teils verdoppelten und grässlich verunstalteten Händen der Hexen ganz zu schweigen. Derartige Fehler mögen menschlich sein, sie sind aber nicht künstlerisch. Nimmt man eine neurologische Studie des Mauritshuis in Den Haag hinzu, wonach originale Kunstwerke das Gehirn bis zu zehnmal stärker stimulieren als das Betrachten einer Reproduktion, also auch von KI-Bildern, ist klar: Wir bleiben bei Grien und den anderen alten Meistern. (Stefan Trinks) Architektur: Oben und unten ohne Ende Die klassische Architekturlehre besagt, dass ein Hochhaus aus drei Elementen zu bestehen habe: Sockel, Schaft und Kapitell. Diesem am Aufbau von Säulen orientierten Prinzip folgen bis heute die meisten Architekten. Insbesondere amerikanische Baumeister legten Wert auf eine klare Markierung von Anfang und Ende eines Turms, hat der französische Architekt Jean Nouvel einmal mit spöttischem Unterton gesagt. Um hinzuzufügen, dass es sich seinem Verständnis nach bei Hochhäusern um metaphysische Objekte handele, weil sich mit ihnen die Frage nach Grenzsetzungen stelle. Die Amerikaner, sollte das wohl heißen, wichen den großen Fragen der Architektur aus oder beantworteten sie auf denkbar konventionelle Weise. Nouvel, ausgestattet mit dem womöglich französischen Hang zur philosophischen Steigerung des eigenen Tuns, zielte höher und tiefer zugleich, als er sich Ende der Achtzigerjahre am Wettbewerb für einen Büroturm im Viertel La Défense nahe Paris beteiligte. Er gewann mit dem Vorschlag, auf einem bis dahin als Parkplatz genutzten kleinen Grundstück neben der Grande Arche einen 425 Meter hohen, zylindrischen Turm zu platzieren. So schlicht die Grundform auch ausfiel, alles andere an dem Turm war raffiniert. „Tour sans fins“ nannte Nouvel seinen Entwurf, Turm ohne Enden. Der Plural ist wichtig, denn der Wolkenkratzer sollte oben wie unten unbegrenzt erscheinen. Er sollte in einer Art Krater stehen, um den Eindruck zu erzeugen, dass er viel tiefer in die Erde reiche als irgendein Bau sonst. Der Architekt zielte auf die Assoziation, es mit einer Ausgrabung zu tun zu haben. Zur Zeit sollte hier also der Raum werden. Unten ganz in massivem Schwarz gehalten, wurde der Turm mit zunehmender Höhe immer transparenter. Dieser Effekt wurde erzielt, indem der im unteren Teil der Fassade verwendete Granit von Schwarz in immer leichtere Grautöne überging, während nach oben immer transparentere Glassorten verwendet wurden. Wer von unten nach oben schaute, sollte den Eindruck haben, dass sich der Turm im Himmel auflöste, umgekehrt sollte der Eindruck entstehen, der Turm verschwinde in einer schwarzen Leere. Der Turm wäre seinerzeit das höchste Hochhaus in Europa geworden. Wegen der Wirtschaftskrise der frühen Neunzigerjahre wurde das Projekt aufgegeben. Mancher mag sich an den Turmbau zu Babel erinnert gefühlt haben: Dem hochmütigen Nouvel war es nicht beschieden, auf seine Art an den Himmel heranzureichen. Es ist schade drum: Um einen Turm, der die übliche Gedanken­armut in der Immobilienbranche transzendiert hätte. (Matthias Alexander) Alte Geschichte: Alternative zur Krise Dass Wissenschaftler Bücher schreiben, die sowohl in ihrem Fach als auch in einer breiteren Öffentlichkeit Wirkung entfalten, ist selten. Besonders selten ist es bei Altertumswissenschaftlern, denn anders als bei Zeithistorikern ist ihr Gegenstand den meisten Menschen fremd und aufgrund der Quellenlage schwer fassbar, so dass es für den Laien zahlreicher Erklärungen und Vereinfachungen bedarf, während sich Fachdiskurse eher an Detailfragen entspinnen. Dem Althistoriker Aloys Winterling ist dennoch ein solches Werk gelungen. Seine Caligula-Biographie von 2003 bietet nicht nur den besten Überblick über das Leben des berüchtigten, von 37 bis 41 nach Christus regierenden Kaisers, sie hat auch die Sicht der Forschung auf ihn und seine Zeit entscheidend verändert. Caligula sei keineswegs geisteskrank gewesen, argumentiert Winterling, sondern von römischen Aristokraten dazu erklärt worden, weil diese sich von seiner rationalen, Widersprüche des Systems ausnutzenden Machtentfaltung bedroht sahen. Nun schreibt Winterling, so ist zu hören, seit vielen Jahren an einer Biographie von Caligulas noch berühmterem Ahnen Gaius Julius Caesar. Caesar ist, je nach Sichtweise, der letzte Staatsmann der römischen Republik oder der erste Repräsentant der Kaiserzeit, und in Bezug auf jenen Übergang zwischen zwei politischen und gesellschaftlichen Formationen verspricht seine Biographie grundlegend neue Erkenntnisse. Schließlich gehört Winterling seit Jahrzehnten zu denjenigen Althistorikern, die am grundsätzlichsten über angemessene Beschreibungen antiker Gesellschaftsordnungen nachdenken, nicht selten mit Hilfe der Soziologie Niklas Luhmanns. Die bislang maßgebliche Caesar-Biographie stammt von Christian Meier, einem weiteren wirkmächtigen Althistoriker der vergangenen Jahrzehnte. In seinem 1982 erschienenen Werk popularisierte Meier seine These einer „Krise ohne Alternative“, ei­nes systemimmanenten und deshalb zwangsläufigen Untergangs der römischen Republik, für den Caesar nur ein Vehikel gewesen sei. Die Diagnose ist seitdem immer wieder auf die Demokratien der Gegenwart angewandt worden. Ob Winterling der Republik größere Überlebenschancen und Caesar größere Handlungsspielräume einräumen wird? Erste Vorarbeiten, erschienen in Form von Aufsätzen, geben keinen Anlass zu solchem Optimismus. Darin spricht Winterling von einer „Involution“, einer Selbstzerstörung der politisch-sozialen Ordnung, die sich in der Kaiserzeit sogar noch fortgesetzt habe. Von Caesar ist überliefert, dass er aus Ehrgeiz und Zeitnot zwei Schreiber gleichzeitig in Anspruch genommen und Briefe sogar beim Reiten diktiert habe. Da Winterling seit 2021 emeritiert ist, wird er solcher Anstrengungen hoffentlich nicht bedürfen, um seine Caesar-Biographie zu Ende zu bringen. (Jannis Koltermann) Popmusik: Ins Schwarze Der Elefant im Raum, wenn es um unvollendete Werke geht, ist in der Popmusik besonders groß. Denn seit sich bekannte Stimmen mittels KI täuschend echt nachahmen lassen, sind der Phantasie beziehungsweise dem Albtraum keine Grenzen mehr gesetzt. Immer wieder hört man sogar von „neuen“ Songs mit den Stimmen längst Verstorbener. Schindluder zu verhindern war das ausdrückliche Ansinnen des damaligen England-Chefs von Universal Music, als er letzte Aufnahmen der 2011 im Alter von 27 Jahren gestorbenen Sängerin Amy Winehouse, die für ihr drittes Album gedacht waren, vernichten ließ. David Joseph erklärte es 2015 der Zeitschrift „Billboard“ so: Aus unfertigen Resten Musik zu produzieren sei etwas, das unter seiner Aufsicht nie passieren werde. Nun könne es auch unter keiner anderen Aufsicht passieren. Da denkt man zunächst: Uff, also wenn so alle Nachlassverwalter handelten (Max Brod mit den Kafka-Manuskripten etwa), würde uns aber viel Kultur fehlen! Andererseits hatte David Joseph vielleicht Beispiele der Resteverwertung vor Augen wie jenes des „Beatles-Songs“ namens „Free As A Bird“, der 1995 kompiliert wurde. Ist es also gut, dass Amy Winehouse solches erspart blieb? Ihr nächstes Album hätte laut dem britischen „Telegraph“ äußerst persönliche Stücke über gebrochene Herzen und die schwierige Ehe mit dem schwierigen Blake Fielder-Civil enthalten sollen. Sogar Titel kursierten schon, darunter „Ambulance Man“, „Not a Penny“, „Gutter“ und „You Always Hurt the Ones You Love“ – allein die Reihung scheint eine biopichafte Erzählung zu bergen. Von ihnen habe es schon Demo-Aufnahmen gegeben, heißt es. Hätten sie wieder so geklungen wie der Sixties-Soul von „Back to Black“? Tatsächlich erschienen ist nach Winehouses Tod noch die Kompilation „Lioness: Hidden Trea­sures“, auf der sie gewiss schön sang, vor allem schon Bekanntes – aber bei allem Respekt: Ihre Version von „The Girl From Ipanema“ hätte die Welt nicht unbedingt gebraucht. Dann doch lieber träumen von dem, was niemals sein kann. Längst lassen sich gruseligerweise mit KI-Chatbots Gespräche führen, die mit der Stimme von Amy Winehouse antworten („Ask me about my struggles with addiction and mental health“). Und längst kursieren KI-­Fakesongs mit angeblich Winehouse-ähnlicher Singstimme, die zum Weglaufen schlimm klingen. Da bleibt es doch am Schönsten, sich die verlorenen Werke der Sängerin, deren Timbre und Diktion so markant sind wie sonst in der Jazz- und Popmusikgeschichte nur die von Billie Holiday und Janis Joplin, nur vorzustellen. (Jan Wiele) Film: Gefährliche Ideen Manche Bücher sind gefährlich. Liest man „Wir haben keine Antimemetik-Abteilung“ von Sam Hughes zum Beispiel an einem Flughafen, kann es durchaus passieren, dass man sein Ziel niemals erreicht, weil man, tief in Hughes’ Welt versunken, den Aufruf zum Boarding verpasst hat. Der britische Programmierer und Science-Fiction-Autor Hughes hatte seine Geschichten zunächst unter dem Namen qntm (gesprochen Quantum) im Internet veröffentlicht – acht Millionen Leser haben sie verschlungen, dann wurden die ersten Verlage auf ihn aufmerksam. Dank der SF-Abteilung bei Heyne kann man die Abenteuer der Antimemetik-Abteilung seit einigen Wochen mittlerweile als Roman sogar auf Deutsch lesen. Worum geht’s? Antimemes sind gefährliche Ideen, Monster, die Erinnerungen fressen, manchmal sogar Teile der Persönlichkeit der Menschen anknabbern, denen sie begegnen (das Gegenteil eines Memes also, an das man sich erinnert, ohne seinen Ursprung kennen zu müssen). Marie Quinn leitet die Antimemetik-Abteilung. Ihre Leute versuchen die gefährlichsten Ideen, die ganze Zivilisationen verschlingen könnten, von dieser Welt fernzuhalten. Das ist nicht einfach, denn eine Agentin kann einem solchen Unding begegnen und im nächsten Moment vergessen haben, dass sie sich mit ihm im gleichen Raum befindet, während das Monster die Erinnerung vom ersten Date mit der Liebe ihres Lebens futtert. Danach erkennt sie ihren Ehemann nicht mehr. In jedem Kapitel stehen Quinns Agenten wieder vor der Frage, wie sie einen Krieg gewinnen sollen, wenn sie sich nicht einmal an die Existenz des Gegners erinnern können. Die Actionszenen sind hier so düster und spannend wie in „Batman Begins“, die Handlung ist so komplex und verschachtelt wie in „Inception“; man würde das sofort im Kino anschauen – und traut es nur einem Regisseur zu: Christopher Nolan. Ja, wir wissen schon, er ist gerade dabei, ein anderes Buch zu verfilmen, das schwer verfilmbar scheint, nämlich Homers „Odyssee“. Und alles, was von den Dreharbeiten an die Öffentlichkeit gelangt, sieht auch schon sehr vielversprechend aus. Von der hochkarätigen Besetzung wollen wir gar nicht erst reden. Aber wenn wir den Mann, der in seiner Raumfahrtgeschichte „Interstellar“ für die Rettung der Menschheit ein Bücherregal zum Kommunikationsmittel umfunktionierte und in „Tenet“ für eine CIA-Operation mittels Entropieumkehr die Zeitebenen verrückte, wenn wir diesen SF-Künstler also um einen dritten Film solcher Größenordnung bitten dürften, dann fiele unsere Wahl auf die Antimemetik-Abteilung. Wem sonst würde man mit ruhigem Gewissen solch gefährliches Material anvertrauen? (Maria Wiesner) Musik: Schrödingers Operette Katia Tchemberdji zählt zu den begabtesten Frauen, die in unserem Land leben. Sie zeichnet, entwirft drolliges Spielzeug, spielt phantastisch Klavier, kann pointiert dichten, vor allem aber komponiert sie. Ihr Oratorium „Die Fragen des Bartholomäus“ nach apokryphen Texten aus den Qumran-Rollen sollte dringend wieder aufgeführt werden. Ein Requiem nach Texten von Joseph Brodsky liegt ­ungespielt in ihrer Schublade. Bei allen schweren Themen, denen sie nicht ausweicht, kann sie – in ihrem „Weltübergangstango“ gegen Weltuntergangsstimmung – der Verzweiflung mit Witz begegnen. In einem ihrer Chansons zerstört ein von menschlichem Gezänk genervter später „Dinosau’r“ eine frühsteinzeitliche Behausung zu den Schlussversen: „Denn Lärmbelästigung und Stress sind hinderlich für den Progress“. Seit Jahren kreist in Tchemberdjis Kopf die Idee zu einer Operette über Schrödingers Katze herum. Also über das gedankliche Experiment des Physikers Erwin Schrödinger, die Erkenntnisse der Quantenmechanik auf unsere tastbare Alltagswelt zu übertragen. Dabei gerät ebenjene Katze in einen „verschwommenen Zustand“, bei dem sie zugleich zerfallen und nicht zerfallen, also in ein und denselben Moment lebendig und tot sein müsste. Was mag da wohl in der Katze vorgehen? Ulla Hahn, die – willkommen, Eule, in Athen! – auch sehr pointiert dichten kann, sympathisiert seit Längerem mit Schrödingers Katze. In ihrem letzten Roman „Tage in Vitopia“ (von 2022) mit dem Bericht des Eichhörnchens Wendel Kretzschnuss über eine Klimakonferenz der Tiere fällt kurz die Bemerkung: „Schrödingers Katze war mal hier und nicht hier, und da war sie auch nicht, tot oder lebendig.“ Katia Tchemberdji, die zwar zu ihrer Kinderoper „Rettet Pluto!“ das Libretto selbst schrieb, wünscht sich für „Schrödingers Katze“ eine Autorin oder einen Autor an ihrer Seite. Hahn und Tchemberdji haben den gleichen beherzten, menschenfreundlichen Witz, unserer katastrophalen Zukunft ins Auge zu schauen. „Schrödingers Katze“ als Operette von beiden – das wäre ein Traum! (Jan Brachmann) Zoologie: Das Nashorn aus der Flasche Das Sterben der Tier- und Pflanzenarten verläuft still – und schnell. Die Populationen schrumpfen, weil der Mensch Lebensräume verschmutzt, zerstört, weil er wildert und mit Exoten handelt. Die Vielfalt in allen Organismenklassen sinkt, um so wichtiger sind Schutz und Restauration der Lebensräume. Und für die Spezies, die kurz vor der Ausrottung stehen, wäre Hilfe aus der synthetischen Biologie dringend nötig. Der Mensch sollte mit modernen Techniken aus dem Labor aushelfen, bis die Wildnis wieder zum Lebensraum taugt. Ein Veterinär aus Berlin, Thomas Hildebrand vom Institut für Zoo- und Wildtierforschung, versucht das seit Jahren. Sein Ziel: die künstliche Befruchtung von Nashörnern. Damit will er Ceratotherium simum cottoni, das Nördliche Breitmaulnashorn, retten. Diese Unterart gilt als funktional ausgestorben, es leben nur noch zwei unfruchtbare Weibchen, Najin und Fatu, in einem Reservat in Kenia. Die Idee: Aus eingefrorenen Ei- und Samenzellen wird im Labor der Embryo eines Nördlichen Breitmaulnashorns erzeugt und dann der Kuh eines Südlichen Breitmaulnashorns implantiert. Eine Leihmutter für eine andere Unterart. Das könnte klappen, da das Südliche und das Nördliche Breitmaulnashorn sehr eng verwandt sind. Der Weg zum Nashorn aus dem Labor ist lang, Veterinäre müssen die Methode von der Embryonenerzeugung in der Pe­trischale bis zum Transfer des Embryos erst entwickeln. In-vitro-Fertilisation, beim Menschen seit der Geburt des ersten „Retortenbabys“ Louise Brown vor knapp fünfzig Jahren längst Routine, ist bei Nashörnern Neuland. Embryonen zu erzeugen, ging schnell und gut, im Herbst 2023 glückte der erste Transfer, allerdings nur von einen Südlichen Nashornembryo in eine südliche Leihmutter. Seither sind die Versuche weitergegangen. Erste Embryonen des Nördlichen Breitmaulnashorns wurden in Leihmütter der Schwesterunterart verpflanzt. Doch bislang erfolglos. Noch hat kein IVF-Nashorn das Licht der Welt erblickt. Möge es im neuen Jahr klappen. (Pia Heinemann) Literatur: Held des Widerstands Philip Roth hat sich den Nobelpreis immer gewünscht, und viele Menschen waren sich einig, dass er ihn verdient gehabt hätte. Der Roman, mit dem Roth endlich die höchste Ehre aus Stockholm erhalten hätte, würde vielleicht in Newark, seiner Geburtsstadt, spielen. Wir wären in der zweiten Amtszeit von Präsident J. D. ­Vance, und die alte Industriestadt läge nach einem Wirbelsturm halb unter Wasser. Die Bracke aus den Wassern des Passaic River, der Kanalisation und dem Hafenbecken ist überall. Das Ministerium für familienfreundliche Kulturproduktion muss deshalb seinen Besuch bei Jules Z. absagen, einem 95 Jahre alten, chronisch missgelaunten und inkontinenten Autor, der vor dreißig Jahren einmal berühmt war. Jules Z. sitzt in seinem hundert Jahre alten Holzhaus, dem Haus seiner Kindheit, und hört das unablässige Brummen des Mega-Rechenzentrums „Liberty Cloud“ direkt nebenan, das jetzt mit Diesel betrieben werden muss, während Menschen mit Schlauchbooten daran vorbeipaddeln. Manche rufen weinend nach ihren Hunden und Katzen, ­Jules macht sich eine Notiz. Leider hat er die Angewohnheit, dabei laut zu murmeln, nie loswerden können. Und so hört Jules den Thermostat leise piepen, den alle Anwohner bekommen haben, als die neue Pflicht-Kohleheizung vor sechs Jahren, gleich nach dem Amtsantritt von Vance, eingebaut wurde. Jeder weiß, dass diese Thermostate alles, was im Haus gesagt, im Netz gesucht, geschrieben, am Handy getextet, und vermutlich auch alles, war nur gedacht wird, an das Department of Family Friendly Culture übertragen können. Die neue Sittenpolizei ist ein Algorithmus, Vances Familienfreundlichkeits-Grid scannt Bibliotheksausleihen, Streaming, Mails, Druckerwarteschleifen – wer ihn oft triggert, verliert Jobchancen, Rentenpunkte, Krankenversicherung. Jules, der in seiner Jugend und im mittleren Alter berühmt für als obszön klassifizierte, aber auch bejubelte Bücher war, hat nichts mehr von alledem. Deswegen hat seine Haushälterin Anna, die gleichzeitig seine letzte Liebe ist und die er nun vor ICE im Keller versteckt, bis zu den Stürmen auch Gemüse im Garten angebaut. Im Laufe des Romans, der zu großen Teilen aus E-Mail-Fragmenten, ChatGPT-Antworten, Behördennotizen und Gerichtsprotokollen besteht, verkauft Jules sein Lebenswerk und die Rechte am eigenen Namen und Bild an die Regierung, die damit eine Warn-KI gegen obszöne Gedanken entwickelt. Außerdem wird wöchentlich unter dem Namen des berühmten Schriftstellers eine geläuterte Deepfake-Moral-Videokolumne im Staatsfernsehen CNN veröffentlicht. Im Laufe der Handlung wird Jules zu einem Helden des Widerstands. Angesichts seiner geistigen Enteignung hat er sich entschieden, neue Romane zu veröffentlichen, die nur als Mails kursieren. Diese sind so absurd unanständig, dass kein Bot sie lesen oder imitieren kann. Jules und Anna gehen am Ende buchstäblich in den Untergrund, zu den „mole people“, die gegen Vance und drei verschiedene, von Vance abtrünnige Milizen kämpfen – wahrscheinlich aussichtslos. (Frauke Steffens) Film: Das Allerletzte Zehn Filme wollte er drehen, dann aufhören. Das war eine seiner typischen, auf leicht rührende und zugleich leicht leidige Art koketten Ideen, genau wie der Titel des zehnten Films, den er angefangen und dann abgebrochen hat: „The Movie Critic“. Ein Wink ans Fachpublikum, mit brennendem Zaunpfahl: Meine Geschichten gehören euch nicht, selbst eure gehören mir. Seit er Filme dreht, lebt Quentin Tarantino von dem Ruf, als Kind in einen Kessel voll Kino gefallen zu sein. Das war, sagt die Legende, in einer Videothek namens „Video Archives“ in Manhattan Beach, Kalifornien. Viele Szenen in vielen seiner Filme beziehen sich auf viele Szenen in vielen Filmen von irgendwann. Die Methode könnte „Was kostet die Welt?“ heißen, oder: „In den Warenkorb“. Das geht gut, bis man stutzt: Denkt er jetzt wirklich, er wäre Peckinpah? Leone? Woo? De Palma? Oder sind das Verbeugungen? Spätestens als er Bruce Lee in einer wahrhaft widerwärtigen Szene seiner mäßig erregenden Klamotte „Once Upon a Time In . . . Hollywood“ (2019) von der alten angebrannten Käsenudel Brad Pitt verhöhnen und verhauen ließ, war Tarantino reif für ein Löffelchen Schamtherapie. Dass er dem cleveren Interview-Bauernfänger Krishnan Guru-Murthy schon 2013 in eine Falle gerannt war, aus der sich andere, etwa Robert Downey Jr., rechtzeitig zu verabschieden wussten, liegt auf der Gesamtlinie: Der Filmemacher lieferte dem Provokateur exakt das Dominanzgehabe, das jener aus ihm für Klicks herauskitzeln wollte. Tarantino kann nicht anders, er muss sich aufführen, als wär’s ein Film von ihm. Mit ein paar saftig unqualifizierten Abschätzigkeiten gegen phantastische Schauspielkräfte verdarb er sich’s Ende 2025 immerhin auch in der Branche wenigstens ein bisschen. Ein Mann, der es allen zeigen will? Gut, zeig’s halt, einmal noch. Und dann? Zurück in die Videothek – ein Museum, das auf dieses ewige Rumpelkind längst geduldig wartet. (Dietmar Dath) Philosophie: Die Lehre der Ritterschule Das Werk Joachim Ritters ist gleichzeitig weltberühmt und unbekannt. Weltberühmt, weil die Texte, die der Münsteraner Philosoph etwa zu Hegel geschrieben hat, nicht nur hierzulande, sondern auch im Ausland rauf und runter zitiert werden. Berühmt auch, weil seine Aufsätze zur Funktion der Landschaftsästhetik, zur Aufgabe der Geisteswissenschaften, zum menschlichen Lachen längst in den Kanon der deutschsprachigen Geisteswissenschaften aufgenommen wurden. Berühmt nicht zuletzt wegen Ritters dreizehnbändiger Herkulesleistung namens „Historisches Wörter­buch der Philosophie“. Und doch ist Joachim Ritter für viele ein Unbekannter. Die meisten bedienen sich an seinem Werk wie an einem Steinbruch: schlagen Einzelerkenntnisse, Thesen, Fragen, manchmal auch nur Formulierungen heraus, um damit anderes, oft Schlechteres zu tun. Der Ästhet interessiert sich für den Kunstbegriff, der Philosoph für Ritters Wort von der Entzweiung, der Ideenhistoriker für die Analyse von Hegels Frühschriften; manch einer liest im HWPh vielleicht das Lemma „Fortschritt“ oder „Glück“ und weiß hinterher nicht, wem er es zu verdanken hat. Allerdings trägt Ritter selbst Mitschuld an dieser Lage. Der 1974 Verstorbene hat nach dem Zweiten Weltkrieg ausschließlich Aufsätze und Sammelschriften vorgelegt; eine Monographie im strengen Sinne hat er uns nicht hinterlassen. So ist der Eindruck entstanden, sein Werk wäre im Einzelnen zwar lesenswert, ergäbe aber kein Gebäude, dessen Gesamtanblick sich lohnen würde. Zu unserer Freude haben das nicht alle so gesehen: Jens Hackes Studie zur „Philosophie der Bürgerlichkeit“, vor allem aber Mark Schwedas Buch „Entzweiung und Kompensation“ haben ein Bild der ritterschen Philosophie gemalt, das sie als eigenständiges und höchst lebendiges Denken zeigt. Beide präsentieren uns einen Philosophen, der in den ideologischen Wirrnissen der Weimarer Zeit einen Weg ­gebahnt hat, die konfliktträchtigen Gegensätze von Freiheit und Bindung, Individuum und bürgerlicher Gesellschaft, Tradition und Fortschritt zu vermitteln – ohne sich auf eine Seite schlagen zu müssen. Das ist eine Leistung, die in unserem neuen Zeitalter der Ideologien dringend gesucht wird, aber aus originaler Feder in gebundener, geschlossener Form schlichtweg nicht existiert. Man kann sich wünschen, es wäre anders. Und man kann lesen. Lesen, lesen, lesen. (Oliver Weber) Literatur: Die Tiefen des Wörtermeers Zweifelsfrei, so hieß es in der F.A.Z. vor zwölf Jahren, sei „Der bleiche König“ David Foster Wallaces „bester Roman“. Aber da ist kein Roman, nur eine Ansammlung von Szenen und Kapiteln, die sich um ein Finanzamt in Illinois und seine monotonen bürokratischen Prozeduren drehen. Das nachgelassene Typoskript des singulär begabten amerikanischen Schriftstellers, das sich am 12. September 2008 nach seinem Suizid auf dem Tisch in der Garage fand, lieferte nur die halbwegs zusammenhängenden Teile. Mehr Material fand sich unsortiert auf dem Computer des Autors. „Der bleiche König“, 2011 postum in den Vereinigten Staaten erschienen, wird ein ewiges Fragment bleiben. Da die deutsche Ausgabe in der Übersetzung von Ulrich Blumenbach mehr als 600 Seiten hat, ist das eine reizvolle Frage: Wie hätte der Roman am Ende ausgesehen? Und wie groß wäre er noch geworden? So dick wie das Hauptwerk „Unendlicher Spaß“ (1996), das es auf 1500 Seiten bringt? Sicher scheint jedenfalls, dass Wallace an seinem dritten Roman verzweifelt ist. Sein Problem sei, schrieb er wenige Jahre vor seinem Tod an den befreundeten Jonathan Franzen, „dass das ganze Ding einem Tornado gleicht, der nie lange genug innehält, dass ich das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden könnte, was zu dem Gedanken führt, ich müsste ein Manuskript mit 5000 Seiten schreiben und dann 90 % davon ausmisten, und schon bei der Vorstellung verkümmert etwas in mir . . .“. Das war seine persönliche Tragödie: Wo andere Autoren um Worte ringen, um auszudrücken, was sie sagen wollen, hatte David Foster Wallace zu viele davon. Jede seiner Reportagen wurde zu lang, manche seiner Erzählungen sind ausufernde, peinigende Monologe aus dem Inneren eines von Depressionen heimgesuchten Bewusstseins, und je länger er schrieb, desto öfter stieß er an die gläserne Grenze, hinter der „das abgeschlossene Kunstwerk“ wartete – nur nicht auf ihn. „Was in uns vorgeht, ist einfach zu schnell und zu riesig und zu vernetzt für Wörter“, hatte er Jahre zuvor in einer Erzählung geschrieben, die natürlich mit Wörtern und nur mit Wörtern gegen diesen Befund anzukämpfen versuchte. Am Ende fühlte er sich unfähig, eine glaubhafte Romanhandlung zu konstruieren, wie es den weniger Begabten mühelos gelingt, weil sie nicht gegen die Konvention rebellieren, sondern sich mit ihr verbünden. Gescheitert? Das mag Wallace sich selbst oft vorgeworfen haben. Für seine Leser aber gehören seine Bücher – auch der Torso mit dem Titel „Der bleiche König“ – zu den wenigen Werken, die ein strahlendes Licht in die unbeleuchteten Zonen der Tiefsee werfen. (Paul Ingendaay) Comic: Auf der Nachtseite Als Yves Chaland am 18. Juli 1990, starb, war er 33 Jahre alt. Da haben Autoren im Regelfall noch mehrere produktive Jahrzehnte vor sich. Chaland hatte ein überaus produktives Jahrzehnt hinter sich, in der er zum Jungstar des französischen Comics geworden war. Nicht als Revolutionär, sondern indem er die Tradition der großen Altmeister erneuerte. Als ihn 1978 die Nachricht erreicht hatte, dass einer dieser Altmeister, Maurice Tillieux, bei einem Autounfall getötet worden war, schrieb der damals noch unbekannte Chaland mitten auf die Seite, an der er gerade zeichnete: „Til­lieux est mort. Merde!“ und ließ den spontanen Eintrag später mit veröffentlichen. Zwölf Jahre später starb er auf die gleiche Weise wie Tillieux und mit ihm auch seine dreijährige Tochter. Und es starb die Hoffnung seiner Leser, dass es einen Abschluss von Chalands größter Leidenschaft geben würde. Die galt dem belgischen Comic­zyklus „Spirou“, und Chaland hat sich nicht weniger als dreimal daran versucht, einen eigenen Beitrag zu dieser seit 1938 laufenden Serie zu leisten. Das erste Mal, 1982, scheiterte er an Verlagsintrigen und musste das Abenteuer „Cœurs d’acier“ mitten in der Handlung abbrechen; immerhin hat er es vor seinem Tod noch zu Ende erzählt, aber aus recht­lichen Gründen durfte er die Hauptfiguren nicht zeichnen. Beim letzten Mal, 1987, dachte er sich eine Geschichte um den Titelhelden Spirou im Zweiten Weltkrieg aus: „Le groom vert-de-gris“ hätte den Hotelpagen als Helfer des Widerstands gegen die Deutschen gezeigt, aber auch damit fand er kein Interesse. Pikanterweise wurde Chalands Konzept 2008 von ­Émile Bravo aufgenommen und zu einem der größten Erfolge, die „Spirou“ je erlebt hat. Und dann gibt es eine Geschichte, für die Chaland 1986 nur zwei Seiten fertig gezeichnet hatte, bis ihm signalisiert wurde, dass sie nicht akzeptiert würde: „Moustique Journal“, eine Schaudererzählung aus dem nächtlichen Brüssel. Drei Jahre nach seinem Tod wurde das dazu erhaltene Material im Nachlassband „Les inachevés“ publiziert, aber noch immer hat sich niemand dieses Stoffs angenommen. Es ist, als läge ein Fluch auf dieser geheimnis- und verheißungsvoll­sten aller „Spirou“- Geschichten. (Andreas Platthaus) Film: Zeit und Werk „Chronos“ ist das alte griechische Wort für die vergehende Zeit. „Chronik“ leitet sich davon ab. „Chronos“ ist aber auch der Name, den der Geograph Claudius Ptolemäus im zweiten Jahrhundert einem Fluss gab, von dem man inzwischen annimmt, er habe damit den Pregel gemeint. Der mündet unweit vom heutigen Kaliningrad, dem einstigen Königsberg, in die Ostsee. Als der Filmemacher Volker Koepp 75 Jahre alt wurde, schenkten ihm Freunde eine alte Landkarte Sarmatiens, jener historischen Landschaft zwischen Ostsee und Schwarzmeer, die Johannes Bobrowski in seinem Gedichtband „Sarmatische Zeit“ besang und die vielfach als Name für Großpolen-Litauen benutzt wurde, ein Reich, das sich vom heutigen Estland bis ins heutige Rumänien erstreckte. Auf dieser Landkarte heißt der Pregel noch Chronos. Landschaft und Zeitläufte zusammenzudenken, durch die Augen der Kunst hindurch, ist schon lange das Thema von Koepps Filmen. Seit 2020 sitzt er an „Chronos“, der den filmisch vermessenen Raum Sarmatiens noch einmal durchschreiten soll als Chronik der eigenen filmischen Kunst Koepps. Corona unterbrach zuerst die Arbeit daran. Die Ausweitung des Ukrainekrieges durch Russland erschwerte sie seit 2022 noch mehr. Die Öffnung einer Landschaft nach dem Untergang der Sowjetunion, die in den Neunzigerjahren so viel Anlass zu Hoffnung gab, scheint zu einer historischen Episode zu verkümmern. Die Kaliningrader Oblast, in der Koepp einst „Holunderblüte“ drehte, ist für ihn nicht mehr betretbar, die Mündung des Chronos in den Sarmatischen Ozean seinem filmischen Blick entrissen. Koepp grübelt seit Jahren darüber nach, wie sich Zeit und Werk ins rechte Verhältnis setzen lassen. Der Film müsse sich erst noch sortieren, sagte er zu seinem achtzigsten Geburtstag. Das Material muss seine Ordnung finden, während die Zeit dieser Ordnung gerade Tag für Tag entgegenarbeitet. Koepp steht vor der Entscheidung, sein Werk, das die Zeit erfassen will, der Zeit und deren Fluss zu entreißen. Wir warten auf den Film über Zeit und Fluss. Wir warten auf „Chronos“. (Jan Brachmann) Literatur: Vom Liebesverrat Eine talentierte Frau mit gebrochenem Herzen legt an einem Wintertag den Kopf in den Backofen und dreht den Gashahn auf. Sylvia Plath nahm sich am 11. Februar 1963 das Leben, im Alter von dreißig Jahren. Wenige Wochen zuvor ist ihr Roman „Die Glasglocke“ unter dem Pseudonym Victoria Lucas erschienen, der später zum Klassiker und unter ihrem Namen publiziert wurde. Er erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die der Eintritt in die schillernde New Yorker Welt in eine existenzielle Tiefe zieht. Ein Höllensommer, in dem sie versucht, sich das Leben zu nehmen, und in der Psych­iatrie mit Elek­troschocks behandelt wird. Plath wusste, wovon sie schrieb. Sie tänzelte am Abgrund. In ihrem Gedicht „Lady Lazarus“ heißt es: „Sterben ist eine Kunst, wie alles andere auch. Ich kann es besonders gut.“ Ted Hughes, von dem Plath getrennt lebte, seit sie von seiner Affäre mit Assia Wevill erfahren hatte, verwaltete den literarischen Nachlass seiner Frau – und zwar allein. Er sichtete, edierte und ordnete Texte. Er entschied über deren Veröffentlichungen und darüber, was mit Plaths Tagebüchern geschehen sollte. Er kuratierte ihr Leben. Was die Öffentlichkeit auch über ihn zu sehen bekam – und was nicht –, lag in seiner Macht. Ihr letztes Tagebuch hat Hughes vernichtet, um, wie er sagte, die beiden Kinder zu schützen. Aber was ist aus Sylvia Plaths zweitem Roman „Double Exposure“ geworden, an dem sie gearbeitet hat und der ebenfalls autobiographisch geprägt gewesen sein soll? Es ging darin offenbar um die Liebesgeschichte mit Ted Hughes und deren entsetzliches Ende. Hughes sagte über das unvollendete Werk, Sylvia habe etwa 130 Seiten eines weiteren Romans mit dem vorläufigen Titel „Double Expo­sure“ getippt. Dieses Manuskript sei irgendwann um 1970 verschwunden. Wohin verschwunden? Hat Hughes den Text versteckt? Hat er ihn vernichtet, weil er darin schlecht wegkam? Es bleibt unserer eigenen Phantasie überlassen, wie Sylvia Plaths Roman den Liebesverrat und dessen Überwindung erzählt haben könnte. Wir hätten ihn gerne gelesen. (Melanie Mühl) Kinderbuch: Frankfurts Geheimnisse Dieter Bartetzko, geboren 1949, schrieb in dieser Zeitung viele Jahre lang als Feuilletonredakteur über Kunst und Musik, über die Antike und vor allem über Architektur. Er war der angenehmste Kollege, den man sich denken kann, reich an Wissen und ohne jeden Dünkel, interessiert an den entlegensten Dingen und herzwärmend freundlich, ungeduldig nur gegenüber angemaßter Würde und Arroganz. Man hörte ihm gern zu, ob er erzählte oder als Sänger mit seiner Band musizierte, was zu wunderbaren Auftritten und mindestens zwei CDs führte. Dass es ihm als Autor gelungen war, tatsächlich einen eigenen Stil auszubilden, einen Ton, an dem man seine Texte vom ersten Absatz an leicht erkennen konnte, prägt auch seine Bücher, etwa seine Hommage an die sonst gern geschmähten Hochhäuser oder sein großes Pompeji-Buch, zu dem Edgar Lissel die Fotos beisteuerte. Eines seiner letzten Bücher erschien 2008 unter dem Titel „Türme, Paläste und Kathedralen“. Diese „Zeitreise durch die Geschichte der Architektur“, so der Untertitel, richtete sich an ein Publikum, für das er sonst nicht geschrieben hatte – es ist ein Kinderbuch, und zwei Kinder, Iris und Martin, sind auch die Protagonisten. Sie leben in Frankfurt, ihr Vater ist Architekt und arbeitet gerade an einem Projekt in Dubai. Dann geraten sie – der Autor muss gar nicht erklären, wie – unversehens in vergangene Zeiten und ferne Orte, überall dorthin, wo bedeutende Bauten der Menschheitsgeschichte errichtet werden, von den Pyramiden über die Hagia Sophia, das Heidelberger Schloss und die Paulskirche bis in die Gegenwart. Auf jeder Baustelle begegnet ihnen ein Gleichaltriger, der daran mitwirkt und dem die Begeisterung aus den Augen leuchtet, auch einigermaßen burleske Götter stellen sich ein und begleiten Iris und Martin durch die Zeiten. Bartetzko war als Kind noch durch die Trümmerfelder zerstörter Städte gelaufen, besonders Frankfurts Zustand vor und nach dem rigorosen Wiederaufbau hatte sich ihm eingeprägt. Als seine „Zeitreise“ erschienen war, entwickelte er einen Plan für ein zweites Kinderbuch. Diesmal sollte es um Frankfurt gehen. Wieder sollten Kinder durch die Zeit reisen, aber die Wege zwischen einzelnen Epochen sollten sich durch die Ein- und Ausgänge historischer Keller ergeben: Wer etwa im Mittelalter in ein Gewölbe geht und einem Gang folgt, kommt an anderer Stelle in der frühen Neuzeit wieder ans Tageslicht. Der Schauplatz aber wäre immer die Stadt, die Bartetzko so gut kannte und liebte. Er hat davon erzählt, noch in seiner Krankheit, vielleicht auch daran geschrieben. Das Buch fehlt. Sein Autor sowieso. (Tilman Spreckelsen)