Am Leipziger Schauspielhaus wird 2027 die mit dann vierzehn Jahren ungewöhnlich lange Intendanz von Enrico Lübbe zu Ende gehen, die intern nicht ohne Reibereien verlaufen ist, aber extern zuletzt geradezu Wunderkräfte entfaltete. Nach dem Corona-Einbruch steht das Haus glänzend da: Auslastungszahlen wie noch nie und eines der jüngsten Theaterpublika der Republik – Durchschnittsalter unter vierzig. Doch was gut ist, kann ja immer noch besser werden. Deshalb strebt Leipzig eine ungewöhnliche Nachfolge an: eine „Team-Intendanz“, bestehend aus der Regisseurin Clara Weyde, dem Kostümbildner Bastian Lomsché und dem Dramaturgen Clemens Leander. Seit 2022 hat das Trio als kollektive Schauspieldirektion am Theater Magdeburg Aufmerksamkeit erregt, weil dort zeitgenössische Stoffe für die Bühne entdeckt (etwa Kim de Horizons „Blutbuch“) und klassische gegen den Strich gebürstet und damit zeitgeistkompatibel gemacht werden: divers, genderfluid, queer – you name it. Im vergangenen Jahr brachte das ihrem Haus den Titel „Theater des Jahres“ im deutschsprachigen Raum ein. Und im kommenden ihnen selbst die Leipziger Intendanz – wenn der Stadtrat zustimmt. Schlagzeugerin Maria Moling und Band Wobei derartiges Theater auch in Leipzig längst geboten wird, und zufälligerweise kann man in der ersten Premiere nach Bekanntwerden der erhofften Lübbe-Nachfolge jetzt noch einmal die Probe darauf machen. Pia Richter hat Shakespeares „Was ihr wollt“ inszeniert, eine 1602 erstmals aufgeführte Verwechslungskomödie, die über die Scharnierfigur des Narren bereits jene Melancholie ahnen lässt, die Shakespeares spätes Komödienwerk prägen sollte. Aber den Narren gibt es nicht in Leipzig. Er heißt in Richters Deutung Taylor und ist eine Frau, gespielt und vor allem gesungen von Juli Niemann. Taylor wie Taylor Swift, deren Liedtexten die Regisseurin vorab Verwechslungspotential mit Shakespeares Versen attestiert hatte – eine Verwechslungskomödie der anderen Art. Jedenfalls hebt das Stück schon gleich mit „Mirrorball“ an, anfangs von Spinettklängen begleitet und durch Niemann im Englisch der Shakespeare-Zeit intoniert, mit der bezeichnenden Zeile „I’ll show you every version of yourself tonight“, doch dann öffnet sich der Vorhang, und es wird rockig, denn während der ganzen Aufführung sitzt unter Leitung der Schlagzeugerin Maria Moling eine dreiköpfige Rockformation auf der Bühne, für die es einiges zu tun gibt. Georg Hensel, unvergessener Theaterkritiker dieser Zeitung, hat „Was ihr wollt“ einmal „Shakespeares musikalischstes Stück“ genannt. Herzog Orsino liebt Musik, sein erster Satz, der erste überhaupt der Komödie (in Leipzig etwas später eingesetzt), lautet: „Wenn Musik der Liebe Nahrung ist, spielt weiter.“ Und ganz zum Schluss singt bei Shakespeare der Narr. In Leipzig singen ganz zum Schluss alle. Natürlich Taylor Swift: „Shake it off“ mit der bezeichnenden Zeile „And the fakers gonna fake fake fake fake fake“. Ja, sie haben alle kräftig falschgespielt zuvor. Das wird nicht falsch, sondern sehr gut gespielt vom auf sieben Rollen reduzierten Leipziger Ensemble: Die schiffbrüchige Viola (Vanessa Czapla) hat sich auf Anraten von Taylor als Mann verkleidet, aber in Orsino (Nicolas Streit) verliebt, der den vermeintlichen Knaben als seinen Liebesboten zur Gräfin Olivia (Teresa Schergast) schickt, aber auch ihm zu Beginn bereits begehrliche Blicke zuwirft. Violas Mission scheitert an Olivias Bedienstetem Malvolio (Denis Petković), der in seine Herrin verliebt ist. Shakespeare im Tiktok-Tempo Und schließlich sorgt Violas seit dem Schiffsunglück verschollener Zwillingsbruder Sebastian (Samuel Sandriesser) für Unruhe in Illyrien, weil er von der Freibeuterin Antonia (Emmeline Puntsch in dieser bei Shakespeare eigentlich männlichen Rolle) gerettet wurde, mit der Orsino noch ein Hühnchen zu rupfen hat. Für alle erwartbaren Kalamitäten dieser Konstellation nimmt Pia Richter sich keine anderthalb Stunden (entfallen sind schließlich alle burlesken Szenen um die betrunkenen Edelleute und das böswillige Hauspersonal, damit auch die subtile Balance des Stücks zwischen gebundener und prosaischer Sprache). Von dieser Digest-Länge geht noch etwa eine Viertelstunde Taylor-Swift-Lieder ab – so kommen wir auf Shakespeare im Tiktok-Tempo. Andererseits sind auch die verbalen Schlagabtäusche von höchstem Tempo, was dem Bühnengeschehen guttut, das sich ansonsten etwas zu monoton auf einem dreistöckigen Rondell abspielt (gebaut von Julia Nussbaumer), das zu vielerlei Kraxelei und Posiererei einlädt, die mehr Auf und Ab der Handlung suggerieren, als tatsächlich stattfindet. Überragend ist Vanessa Czapla, die ihrer Hosenrolle gerecht wird (und zudem ihrem Zwillingsbruder wirklich ähnlich sieht – Lise Kruses Kostüme und die Maske sind famos). Dagegen neigen Denis Petković und Nicolas Streit zum Überkandidelten, was allerdings Richters Rollenverständnis nur gerecht wird: Männer sind lächerliche Figuren; kein Wunder, dass der edle Antonio zur edlen Antonia mutiert ist. Aber auch Schergast wird zu sehr aufs Skurrile reduziert. Ernst nimmt die Regisseurin nur die Närrin – oder besser: deren Lieder. Und den Schluss. Pia Richters Schluss, muss man sagen, denn natürlich kann es bei ihr kein heterosexuelles Happy ending geben. Der Liebesreigen nimmt kein Ende Als das bereits vollzogen scheint und der Beifall anhebt, geht der Vorhang noch einmal auf, eine Intervention der Akteure selbst setzt den Liebesreigen weiter fort, und es gesellt sich Gleich zu Gleich. Motiviert wird das mit Taylor Swift – „Shake it off“ eben. Was macht es da, dass Sebastian und Olivia kurz vorher noch geheiratet haben? Ein Shakespeare ist ja kein bürgerliches Trauerspiel. Begeisterung (viel größer als beim ersten Vorhang) im Saal, der selbst bei der Premiere wieder einmal reichlich jung gefüllt ist und bekommt, was er erwartet hat. Womöglich sollte es aber gerade das nicht sein, was Theater anstrebt. Man darf gespannt sein, wie es in sieben Wochen in Magdeburg zugehen wird, wenn auch dort „Was ihr wollt“ neu inszeniert auf die Bühne kommt: unter Beteiligung des kompletten künftigen Leipziger Dreigestirns.
