Herr Prof. Wassilew, Lindsey Vonn hat sich einen Riss des vorderen Kreuzbandes im linken Knie zugezogen, ihrem bislang gesunden. Sie will aber trotzdem die Olympiaabfahrt am Sonntag (11.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia 2026, im ZDF und bei Eurosport) bestreiten. Wie ist so etwas möglich? Grundsätzlich geht es. Es gibt noch andere Stabilisatoren des Knies: die Seitenbänder, das hintere Kreuzband und die umfassende Muskulatur. Es besteht also nur eine Instabilität nach vorne und hinten: Der Unterschenkelknochen kann relativ zum Knie nach vorne gezogen werden. Trotzdem ist das doch problematisch? Ja, aber bei ihr geht es nicht mehr darum, eine ganze Saison zu bestreiten, sondern nur ein paar Rennen. Das Hauptproblem bei einer akuten Kreuzbandverletzung ist der Entzündungsprozess im Knie und die Schmerzen, die er verursacht. Kann man die Entzündung kontrollieren? Man kann den Bluterguss abziehen (mit einer Spritze/d.Red.) und versuchen, die Entzündung zu unterdrücken, mit Kortison-Präparaten. Die stehen aber grundsätzlich auf der Doping-Liste und sind bei einer intraartikularen Injektion meldepflichtig. Die führt man auch nicht unmittelbar vor dem Wettkampf durch, sondern einige Tage im Voraus, damit sich die entzündungshemmende Wirkung entfalten kann. Man probiert so, Ruhe reinzubringen. Aber es stellt natürlich ein Trauma für das Knie dar. Kann man ohne vorderes Kreuzband Sport treiben? Durch einen Kreuzbandriss ist die Rückmeldung an das Gehirn erst mal gestört. Das große Risiko für sie ist, dass sie sich durch die Instabilität einen noch größeren Schaden im Kniegelenk zuführt. Man kann jetzt eine individuelle Carbon-Orthese für sie anfertigen. Mit der Bandage probiert man, das Knie in den problematischen Bewegungsrichtungen zu stabilisieren. Also ist es grundsätzlich kein Wahnsinn, was sie vorhat? Naja, ein Wahnsinn ist es ja in jedem Fall, wenn man mit einer frischen Kreuzbandruptur versucht, innerhalb kürzester Zeit die Olympischen Spiele zu bestreiten. Aber weil es ihre letzte Chance ist, probiert sie es. Jetzt hat sie das Trainingsniveau, jetzt wird sie probieren, das Kniegelenk zu stabilisieren, das Leistungsniveau zu erhalten und den Schmerz zu unterdrücken. Sie setzt alles auf eine Karte, entweder es klappt oder es klappt nicht. Genau. Und es ist wahrscheinlich so, dass sie ein Ärzteteam hat, das ihr die Freigabe erteilt. Sie hat ein Ärzteteam um sich herum ... ... das sind meistens die Verbandsärzte und nicht der eigene Arzt. Denn den bequatscht man ja immer. Der Verbandsarzt schaut schon darauf, dass sie kein Risiko für den eigenen Körper eingeht. Sind Leistungssportler die besseren Patienten, weil sie mitarbeiten und den Willen haben, auf jeden Fall gesund zu werden? Nein. Es gibt keine schlechteren Patienten als Leistungssportler, denn die gehören garantiert nicht auf den Arzt. Leistungssportler haben ganz andere Ansprüche als andere Patienten. Ist Lindsey Vonns Beispiel für Normalsterbliche zu empfehlen? Nein, nein, nein. Natürlich nicht. Grundsätzlich, wenn das vordere Kreuzband gerissen ist und Sie treiben so einen exzessiven Sport, dann machen Sie sich die passiven anderen Stabilisatoren, die Puffer im Kniegelenk sukzessive kaputt und der Meniskus verschleißt. Dadurch entwickelt sich schnell eine Arthrose im Kniegelenk. Man kommt ohne vorderes Kreuzband zurecht, wenn man keinen Sport treibt, der genau dieses Muster hervorruft. Fahrradfahren geht. Aber man soll nicht mal joggen gehen.
