FAZ 28.11.2025
12:20 Uhr

Wang Shu und Lu Wenyu: Chinesisches Architektenpaar leitet die Venedig-Biennale


Wang Shu und Lu Wenyu werden die Leiter der nächsten Architekturbiennale von Venedig sein. Weithin bekannt wurden sie mit dem Museum von Ningbo, doch auch die allgemeine Zustimmung für viele andere ihrer Projekte ist groß.

Wang Shu und Lu Wenyu: Chinesisches Architektenpaar leitet die Venedig-Biennale

Die Berufung von Wang Shu und Lu Wenyu zu künstlerischen Leitern der nächsten, im Jahr 2027 anstehenden Architekturbiennale von Venedig dürfte breiter Zustimmung sicher sein. Denn die Institution der Biennale mit ihren sechs Sparten bekennt sich mit dieser Wahl zu einer Professionalität – manche werden vielleicht sagen Verengung –, die in jüngerer Zeit etwas außer Sicht geraten war, da man nicht davor gefeit war, in der Architekturbiennale viel Kunst und umgekehrt in der Kunstbiennale mancherlei Architektur vorzufinden. Die Auswahl des chinesischen Architektenpaares, der Begründer des in schöner Untertreibung „Amateur Architecture Studio“ genannten Büros, hebt das Innerste der Profession, die Baukunst, ins Licht der Öffentlichkeit, das in Venedig noch immer so hell strahlt wie an keinem zweiten Ort. Um Wang Shu und seine Frau Lu Wenyu ist es zuletzt ruhiger geworden. Es gab einige Jahre lang einen regelrechten Hype um die beiden und ihre Praxis, gipfelnd in der Verleihung des Pritzker-Preises an den damals achtundvierzigjährigen Wang Shu im Jahr 2012. Er war der zu diesem Zeitpunkt zweitjüngste Empfänger der hochrühmlichen Auszeichnung und der erste aus der Volksrepublik China. Es war besonders ein Gebäude, das Wang Shu – und mit ihm Lu Wenyu – bekannt gemacht hatte: das Museum in Ningbo, 2008 eröffnet und ihr bis dahin umfangreichstes Vorhaben. Seine Besonderheit ist die Materialwahl. Die Wände sind aus den typischen grauen Ziegeln historischer Wohnbauten gefügt, von Abrisshäusern, die dem radikalen Wandel Chinas zum Industriegiganten zum Opfer gefallen waren. Diese flachen, unregelmäßigen Ziegel sind in traditioneller Technik zu Außenwänden des Gebäudes geschichtet und verbunden, wobei die Architekten in höchst unregelmäßiger Anordnung Fenster eingepasst haben. Im Ganzen evoziert das Bauwerk Berge und Täler wie auch die Wellen des Ostchinesischen Meeres, an dem die heutige Neun-Millionen-Stadt Ningbo gelegen ist. Elf Jahre zuvor hatten Wang Shu und Lu Wenyu ihr Büro mit dem ungewöhnlichen Namen gegründet. „Für mich persönlich ist ein Handwerker oder Kunsthandwerker ein Amateur oder fast dasselbe“, erklärte Wang Shu dazu, und indem der „Amateur“ wörtlich als der Liebhaber einer Sache um ihrer selbst und nicht des Profits oder anderer Ziele willen verstanden wurde, bildete sich um das Büro eine regelrechte Aura. Hier waren Architekten, die sich der brachialen Modernisierung Chinas verweigerten, dem Drang nach Rekorden jeglicher Art, ablesbar an der Höhe der Hochhäuser. Die traditionellen Hofhäuser Chinas, die großflächig dem Abriss preisgegeben wurden – und mit ihnen die traditionellen Sozialbeziehungen –, bildeten durch die Neuverwendung ihres Materials in Gestalt des Museums einen fortdauernden Widerspruch. Es ist das Museum denn auch in Ningbo auf Kritik gestoßen, als wollten die Architekten die Stadt in ihrer Vergangenheit festzurren, statt den Aufbruch in die neue Zeit zu feiern. Das Gegenteil von offizieller Disney-Nostalgie Es versteht sich, dass der moderne-kritische Ansatz von Wang Shu im moderne-skeptischen Westen Beifall fand, kulminierend eben in der Verleihung des Pritzker-Preises. Dessen Begründung weist ausdrücklich auf die frühe Beschäftigung des Architekten mit traditionellen Bauten hin. Bald reihten sich Ehrungen und Aufnahmen in Akademien aneinander. In Europa machte eine 2017 vom Louisiana Museum bei Kopenhagen ausgehende Wanderausstellung mit dem Werk des Büros bekannt. In Berlin wurde Wang Shu mit der Ausgestaltung des chinesischen Thronsaales des Ethnologischen Museums im Humboldt-Forum beauftragt. Er baute einen Dachstuhl aus kurzen, gegeneinander abgewinkelten Holzstäben ein, wie er seit dem 2013 errichteten Gästehaus der Universität in Hangzhou gleichermaßen zu einem Erkennungsbild des Büros geworden ist. Auch in China selbst erfuhr die vernakuläre Architektur zunehmende Wertschätzung. Wang Shu, Lu Wenyu und ihre Büropraxis haben viel dazu beigetragen, dieser Wertschätzung ein Fundament zu geben. Mit dem Bau des Ningbo-Museums zeigten sie einen Weg, Hergebrachtes fruchtbar zu machen, jenseits der Disneyland-Nostalgie, wie sie offizielle Stellen mit dem Nachbau abgerissener Straßenzüge etwa in Peking inszenieren. Ebendiese Sicht auf das Werk der Architekten teilen die Biennale-Verantwortlichen. Ihre Berufung des Architektenpaares begründen sie mit deren Ansatz, sich „auf vorhandene Materialien, die Spuren des Alltagslebens gewöhnlicher Menschen (. . .) sowie die Arbeitsweise und Handwerkskunst der Handwerker auf der Baustelle“ zu fokussieren. Zugleich befürworteten sie „radikale Experimente, die im lokalen Kontext und in der traditionellen Bauweise verwurzelt sind“. Daran dürfte sich die Erwartung knüpfen, dass Wang Shu und Lu Wenyu die kommende Biennale wieder zu einem Forum für beispielhaftes Bauen machen. „Angesichts der realen Krise dieser Welt“ – werden die beiden von der Biennale zitiert – „hat das Beharren auf einem einfachen und wahrhaftigen Konzept von Architektur einen besonderen Wert.“ Denn nicht zu bauen, ist keine Alternative. Sondern nur, verantwortungsvoll zu bauen. Und nicht zuletzt mit Liebe.