FAZ 20.12.2025
19:33 Uhr

Wandfarben von „Heureka“: Das Rot aus dem Ohrläppchen von Immanuel Kant


Frank Leder übersetzt deutsche Geschichten in 24 Farbtöne – von Goethes Grün bis zum Schwarz eines Münchner Darkrooms. „Heureka“ macht Wandfarbe zum Erzählmedium.

Wandfarben von „Heureka“: Das Rot aus dem Ohrläppchen von Immanuel Kant

In welchem Blauton leuchtete das Farbband von Arno Schmidt? In welcher Grauschattierung schimmert das Fell eines Weimaraners? Wie tief war das Schwarz eines Darkrooms während der wilden Münchner Jahre? Fragen wie diese kann sich in Deutschland wohl nur einer stellen: Frank Leder, der Modedesigner und Archäologe des Deutschen. In mehr als 50 Modekollektionen hat der gebürtige Franke und langjährige Berliner erforscht, was es eigentlich ist, dieses Deutsche, das häufig mulmige Gefühle hervorruft. Wenn Leder seine Herrenkleidung entwirft, stolzieren Wandergesellen mit ihrem Stenz durchs Atelier, werden Kleinstädte erkundet, wird zur Jagd geblasen und Beute gemacht. Er ist immer auf der Suche nach dem, was die Essenz dieses Landes ausmachen könnte. Blau, Schwarz, Geheimnisvoll: Jede Nuance ein Abenteuer Jetzt kleidet der Designer auch Räume ein. Gemeinsam mit Jörn Apel hat er Heureka kreiert, eine Kollektion von 24 Farben für das Interieur, und jeder Ton erzählt eine Geschichte. Denn wie immer bei Leder war da zuerst eine Idee im Notizbuch, eine Spur, ein Bild, ein Ort. So bringen die 24 satten Schattierungen das Grün von Goethes Gartenhaus, das Braun der Kneipe „Alt Berlin“ und das Weiß der Rügener Kreidefelsen auf Wände, Möbel und Vertäfelungen. „Der Name Heureka beschreibt wunderbar den Moment, in dem eine Idee plötzlich wie ein Blitz über einen kommt“, sagt Frank Leder beim Gespräch in seinem Berliner Atelier. „Wenn etwas ans Licht kommt, was vorher so noch nicht greifbar war“, ergänzt sein Geschäftspartner, der Ingenieur und Unternehmer Jörn Apel. „Man probiert herum, und irgendwann stimmt es.“ Die Heureka-Farben gibt es in zwei Varianten, einmal als Lehmfarbe für Wände und Decken, einmal als Kreidefarbe für die hölzernen Oberflächen von Möbeln, Fensterrahmen, Türen und Wandvertäfelungen. Abgefüllt in recycelbaren Blecheimern und plastikfrei bis hin zum Klebeband der Versandverpackung, das war Frank Leder und Jörn Apel wichtig. „Wenn man heute noch neue Produkte erfindet, dann müssen sie einfach besser sein als alles, was es gibt“, sagt Apel. „Das bestmögliche Produkt anbieten und mit schönen Geschichten aufladen“, fügt Leder hinzu. „Bis jetzt bin ich mit Ehrlichkeit immer super gefahren.“ Plastikfrei ist ein wichtiges Stichwort: Viele Interieurfarben auch im Premiumsegment sind Dispersionsfarben mit Bindemitteln auf Kunstharzbasis. Kunstharze sorgen für einfache Verarbeitung, Haltbarkeit und Leuchtkraft – zugleich versiegeln sie aber die Oberflächen, die Wände können nicht atmen und die Luftfeuchtigkeit regulieren. Anders Lehmfarben, die zum großen Teil aus in Deutschland abgebautem Grubenlehm bestehen, dazu Pigmenten und Harzen natürlichen Ursprungs. Im getrockneten Zustand auf der Wand besteht etwa die Hälfte der Farbmasse aus Lehm. Das ergibt eine matte, pudrige Oberfläche, die robust ist, atmungsaktiv und sich auch ausbessern lässt. „Lehm ist völlig unterschätzt“, sagt Jörn Apel. Die Kreidefarben wiederum ersetzen herkömmliche Holzlacke und bestechen ebenfalls durch mattes Finish. Allerdings: Für besonders beanspruchte Flächen, etwa bei Küchenmöbeln, sind sie nur bedingt geeignet und sollten zusätzlich mit Wachs versiegelt werden. Inspiriert von einer Briefmarke Doch warum Wandfarben? Der Auslöser war, wie so oft, ein eigener Bedarf. In Frank Leders wunderkammerartiger Charlottenburger Atelierwohnung gab es einen Ofen, der nach einem neuen Anstrich verlangte. Am Ofen lehnte ein Brief der Deutschen Reichspost von 1926 mit einer Briefmarke. Ein befreundeter Fotograf hatte ein Gerät entwickelt, mit dem sich tief in ein Objekt hinein fotografieren lässt. Damit holte Frank Leder das Rot aus der Briefmarke. Genauer: das Rot aus dem Ohrläppchen von Immanuel Kant, der als Stich die Marke zierte. Für Frank Leder ein Heureka-Moment, aus dem der Farbton für den Ofen geboren wurde – und die Idee, neben der Bekleidung und der Kosmetiklinie Tradition auch in Farben zu produzieren. Jörn Apel ließ sich als pragmatischer Doppelpartner gewinnen, und los ging die Reise, ganz konkret: zu den Orten aus Leders Notizbuch, um die richtigen Nuancen zu den Geschichten zu finden. Die Produkte von Heureka sind online erhältlich auf einer eigenen Website (www.heurekafarben.de), nach und nach soll es sie auch in ausgewählten Geschäften geben. Im Deckel jedes Eimers findet sich eine per Hand gestrichene Probe der originalen Farbe. Das Etikett wiederum erzählt die Geschichte hinter dem jeweiligen Ton mit einem kurzen Text, mehr literarische Miniatur als herkömmliche Produktbeschreibung. Da erfährt der interessierte Kunde, dass bei Arno Schmidt blau gleich tief bedeutete, dass das graue Haarkleid des Weimaraners wie geölt glänzt und ins Silbrige und Bläuliche changiert. Und der Farbton Darkroom Schwarz wird mit einer Ode an ein einst oft von Homosexuellen frequentiertes Münchner Hinterzimmer besungen. Alle weiteren Details lassen wir an dieser Stelle im Dunkeln.