Mittwoch Meer, Wellen, Strände: Ab Barth ist es damit vorüber. Auch der Wind, der bei Zingst noch tobte, hat nachgelassen. Seinetwegen hatten sich minus fünf Grad angefühlt wie minus zwanzig. Vereistes Wasser war als zäher Brei auf und ab geschwappt, wurde an Land gespült und blieb dort kleben wie ausgestreckte Zungen aus blankem Eis, oder er klammerte sich um die Buhnen, bis surreale Skulpturen die Bohlen umschmiegten. Dort aber, wo die Bodden beginnen – die flachen, schilfgesäumten Gewässer, die man anderswo Lagune nennt –, ist alles anders. Spiegelglatt breitet sich endlos das Eis aus. In den Häfen liegen die Boote festgefroren. Die Cafés sind geschlossen. Es ist noch immer kalt genug, dass man besser die Kapuze über die Wollmütze zieht. Die Wunder-Eiche im Wald vor Barth war der Startpunkt. In drei Meter Höhe bog sich an diesem Baum schon vor Hunderten von Jahren ein Ast so zurück zum Stamm, dass ein ovaler Durchschlupf entstand. Kaum hindurchgeklettert, sollen Gelähmte geheilt worden sein, so viele, dass der Baum einst mit Dutzenden Krücken dekoriert gewesen sein soll. Man hatte im 19. Jahrhundert eigens einen Aufgang samt Plattform gezimmert. Doch irgendwann entweihte ein Schäfer den Zauber mit seinem Hund. Und heute ist das Loch so weit zugewachsen, dass nicht einmal mehr der Hund hindurchpasste. Die Wunder-Eiche ist nicht die einzige Legende, mit der Barth wirbt. Die berühmtere gilt der Stadt Vineta, die hier vor mehr als tausend Jahren versunken sein soll. Die Bezeichnung Vineta-Stadt hat ein Bürgermeister schützen lassen, und jetzt findet sich der Name überall: für Hotels und Gaststätten, das Stadion, eine Perlenmanufaktur und ein Museum, in dem der Geschichte Vinetas nachgegangenen wird – leider ohne überzeugenden Beweis. Origineller sind zwei andere Namen im adretten Ortsbild der Barockstadt: Eine Hamburger-Bude heißt Vollbarth, der Barber Shop hingegen King. Hinter Barth dann links die Bodden und rechts Äcker bis zum Horizont, bedeckt von einer dünnen Schneeschicht wie mit einem Leichentuch – ein Eindruck, den das zarte Glimmen einer bleichen Sonnenscheibe durch den verhangenen Himmel unterstützt. Vom Fußweg hingegen hat der Wind allen Schnee fortgeblasen, und es pappen nur die festgetrampelten und zu Eis erstarrten Schuhabdrücke anderer Wanderer auf dem Asphalt. Ihnen folge ich. Es sind 25 Kilometer bis Schloss Hohendorf. Ich begegne zweimal Menschen. Donnerstag Wegen eines Bootsschadens hatte Manfred Kahl vor Groß-Mohrdorf festgesessen und war bei einem Ausflug an Schloss Hohendorf vorbeigekommen. Als er sechs Monate später von dessen Zwangsversteigerung erfuhr, kaufte er es kurzerhand und baute es zu einer Anlage mit 30 Ferienwohnungen aus. Die Idee, erzählt er, sei gewesen, alles Plüschige zu vermeiden. So treffen in dem von Lenné gestalteten Park der klassizistische Entwurf von Schinkel mit Zinnen, einem Türmchen sowie gehörig Stuck auf eine minimalistische Einrichtung nicht nur von puristischer Strenge, sondern auch Stille – unterbrochen nur von Konzertreihen, mit denen Christiane Hensel das Haus zu einem Kulturzentrum gemacht hat. Das Programm reicht von „Baltischer Winter“ bis „Una Noche Española“. Alles nur Mäzenatentum? Nun, gesteht Manfred Kahl, die Anlage erwirtschafte schon ein wenig mehr als nur eine emotionale Rendite. Als er vorschlägt, mich das kurze Stück zur Landspitze Barhöft zu fahren, nehme ich das Angebot gern an. Es grieselt so dicht vom Himmel, dass vom Aussichtsturm aus nur Rügens Küstenlinie zu sehen ist, aber keine der anderen ausgewiesenen Landmarken: nicht die Kirche von Barth, 21 Kilometer Luftlinie entfernt, und nicht die Nikolaikirche von Stralsund, wohin ich von hier aus gehen will, 14,5 Kilometer entfernt, ebenfalls Luftlinie. Die Schneeflocken werden dicker. Auf einem Rübenfeld sitzen 200 Schwäne beieinander, jeweils mit viel Platz um sich herum. Da sind Pinguine in der Evolution des sozialen Miteinanders weiter, wenn es um den Schutz vor Kälte geht. Auf dem silbrigen Eis des Boddens schiebt der Wind den Schnee zu Mustern, die mal aussehen wie die Tupfen eines Raubtierfells, mal wie Kontinente auf einer Landkarte. Als das Schneetreiben so dicht wird, dass ich fast die Orientierung verliere, bleibt hinter Parow ein Linienbus neben mir stehen. „Steigen Sie ein, um Gottes willen“, ruft der Fahrer. Im Bus schauen mich lauter erschreckte Gesichter an. Freitag Blitzeis! Im Radio heißt es, die Berliner Krankenhäuser seien wegen Arm- und Beinbrüchen völlig überlaufen. In Stralsund schiebe ich mich über spiegelglatte Bürgersteige zur Bushaltestelle und fahre zur Endstation Devin, einem der Strände vor der Stadt. Gehen ist auch hier so gut wie unmöglich. Der Weg zur Seebrücke gleicht einer Schlitterbahn, aber die Stufen zum Gasthaus sind gestreut. Unter der dichten Krone eines Baums aus Plastik esse ich die beste Fischsuppe der Welt und nehme anschließend den Bus zurück, steige aber unterwegs kurzentschlossen an einer Haltestelle namens „Brauerei“ aus. Zwischen modernen Brauanlagen hat Störtebecker im ältesten Gebäude des Ensembles ein Wirtshaus eingerichtet und nur ein paar Meter weiter einen Laden eröffnet, der dem Fanshop eines Fußballvereins gleicht, bloß dass auf T-Shirts und Kappen die Silhouette des Schiffs „Lisa“ prangt, das Logo der Brauerei. Die Geschichte des Biers in Stralsund ähnelt der anderer Hansestädte. Um 1800 soll es hier 70 Brauereien gegeben haben, aber 1827 verbanden sie sich zu einem Unternehmen und zogen 1899 aus der Stadt hinaus in das Gebäude, das heute das Wirtshaus ist. Die DDR hat es als VEB Stralsunder Vereinsbrauerei überdauert, und bis heute wird das traditionelle Pils als „Stralsunder“ vertrieben. Den Namen Störtebecker gibt es erst seit 2011, und seither kontert die Brauerei den Rückgang beim Bierkonsum erfolgreich mit immer neuen Sorten. Mittlerweile sind es 26: vom alkoholfreien Atlantik-Ale bis zum Eisbock Nordik-Porter mit 9.1 % Vol. Im Laden stehen sie nach Farben sortiert. Ich hoffe darauf, sie unterwegs noch probieren zu können. Und beschließe, mir im Ozeaneum anzuschauen, was vorhin so alles in der Fischsuppe geschwommen sein könnte. Beeindruckender als die phantasievoll eingerichteten Aquarien mit heimischer Fauna und Flora ist ein Schaukasten, in dem zu sehen ist, wie ungeheuer groß Scholle, Barsch und Heilbutt werden könnten, würden sie nicht gnadenlos gefischt. Der Schrecken sitzt bei mir so tief, dass ich mich am Abend für Ochsenbäckchen entscheide. Samstag Grödeln, die Spikes für jeden Schuh, gibt es nirgendwo in der Gegend zu kaufen. Dabei sieht es an der Ostsee aus wie am Arktischen Meer und am Bodden wie kurz vorm Nordpol. Bloß dass hier riesige Bäume am Ufer entlang stehen. Ein Forstwart prüft bei Stahlbrode die Situation und warnt davor, unter ihnen spazieren zu gehen. Das sei lebensgefährlich. Er empfiehlt eine kleine Straße nahebei, deren Belag allerdings gleicht dem einer Schlittschuhbahn, und eingedenk der Berliner Kliniken rechne ich mir aus, dass die Chance, sich die Knochen zu brechen, ungleich größer ist als die, von einem Ast erschlagen zu werden. Was keineswegs heißt, dass später nicht reichlich schwere Äste auf dem Wanderweg liegen, der an eine kunstfertig geschliffene Bobbahn erinnert. Manchmal stapeln sich darin angespülte Eisschollen, manchmal so viele herabgefallene Eiszapfen, als habe jemand lauter Altglascontainer ausgekippt. Wenn sie unter den Schuhen zerbrechen, knirscht es zart. Die Landschaft gleicht der Märchenwelt einer Eisprinzessin. Alles ist von Eis wie mit Glas überzogen. Es ummantelt Zweige, hüllt Schilfrohr so dick ein, dass es unter der Last am Boden liegt, und dort, wo es Grashalme überzieht, sieht es aus, als stünden lauter Reagenzgläser auf der Wiese. Ich schwanke, rutsche und wackele mich vorwärts. Das ist kein Gehen, das ist ein Eiertanz voller Slapstick-Einlagen. Aus der Ferne muss es aussehen wie Gehversuche nach der fünften Flasche Nordik-Porter. So erreiche ich Güstrow. Auf dem Friedhof hat man auf den Grabsteinen notiert, woran die Menschen gestorben sind: an Schwindsucht, im Alter von 56 Jahren, 1799. Im Brunnen zu Tode gefallen, 1810. Dass sich bei Glatteis jemand das Genick gebrochen hat, ist nirgendwo vermerkt. Als ich die Wiesen vor Greifswald erreiche, wird es dunkel. Alles ist weiß. Und bleich. Milchig irgendwie. Von hopsenden Pferden, wie Caspar David Friedrich sie 1821 vor die Silhouette der Stadt gesetzt hat, ist nichts zu sehen. Nur ein paar Krähen bohren mit den Schnäbeln im Schnee. In Sassnitz haben sich an dem Tag so viele Schaulustige um den von einem Eisbart überzogenen Leuchtturm versammelt, dass die Polizei den Ort sperrt. Aber das lese ich erst später in der „Ostsee Zeitung“ mit der Schlagzeile „Eis-Wahnsinn vor Rügen“. Irgendwer erzählt mir, dass jemand mit seinem Smart über das gefrorene Wiek von Freest nach Peenemünde gefahren sein soll. Sonntag Caspar David Friedrich kam in Greifswald zur Welt. Die Stadt weiß, was sie ihm schuldet. Nach einem Denkmal und Schautafeln folgte nun im Pommerschen Landesmuseum eine „Galerie der Romantik“, die nur über wenige Originale verfügt, aber sie so zu inszenieren versteht, dass einem die Kinnlade hinunterfällt. Es beginnt mit einer Lichtinstallation, die dem Besucher den Boden unter den Füßen fortzieht und ihn in den Glanz nebliger Morgenstunden stürzen lässt, um ein Gefühl von Unendlichkeit zu vermitteln. Dann wird es pädagogisch: Wie mit Theaterprospekten wird das Bild der Klosterruine Eldena vor einer Bergkette des Riesengebirges in elf Schichten zerlegt, um darzustellen, wie hemmungslos Friedrich Zeichnungen von irgendwo zu einem neuen Ganzen fügte. Dreht man sich um, blickt man auf das Originalgemälde, zelebriert in einem abgedunkelten Raum, wie zur Andacht aufgehängt. Kunst und Religion, da gab es schon für Caspar David Friedrich keinen großen Unterschied. Auch im Dom St. Nikolai, seiner Taufkirche, entkommt man dem Maler nicht. Hinter dem Altar erhebt sich das Ostfenster in faszinierender Buntheit, für die sich der Künstler Ólafur Elíasson am Himmelslicht auf Friedrichs Gemälde „Huttens Grab“ bezieht: Mit mehr als 3000 Glasscheiben und 65 Farbtönen simuliert er einen Dauersonnenaufgang, der durch Reflektorspiegel nie an Glanz verliert. Nur an diesem diesigen Tag kommt der Effekt leider nicht zum Tragen. Dafür schimmert das vierteilige Tafelbild „Domani Mattina“ von Thorsten Zwinger gegenüber umso verführerischer. Wie blankes Weiß wirkt das mehr als vier Meter hohe Bild zunächst. Bis man erkennt, mit welch bedingungsloser Radikalität Zwinger den Raum entleert hat für die Fülle des mit Ölfarbe Schicht für Schicht aufgetragenen Nichts einer Transparenz, die allmählich zu Flimmern beginnt wie das gespenstische Licht undurchdringlichen Nebels, das Endlosigkeit vorgibt und dabei einen Hauch von Göttlichkeit vermittelt. Dass zweimal im Jahr die Sonne exakt auf das Kreuz in der Mitte der Tafeln trifft, hatte niemand gewusst, als man sie über dem alten Westportal anbrachte. Dass es ausgerechnet am 7. September passiert, dem Tauftag Caspar David Friedrichs, sorgte für gehöriges Aufsehen. Noch zweimal kreuze ich Friedrichs Spuren an diesem Tag: in der Ruine des Klosters Eldena, die er in sechs Gemälden unterbrachte. Und in Schloss Ludwigsburg, das den Zustand der Ruine allmählich hinter sich lässt. Aber dort dauert es, bevor Gunnar Peters, der Vorsitzende des Fördervereins, auf den Maler zu sprechen kommt. Zunächst rollt er die Geschichte des Hauses aus bis zurück ins Jahr 1592, als es im Stil der Spätrenaissance errichtet worden war, bevor man es später barock überzog. Er erzählt von Bodenreform und Enteignung 1945 und vom Rückkauf durch einen ehemaligen Besitzer, der allerdings den Aufwand der Restaurierung erheblich unterschätzt hatte. Mittlerweile gehört das Schloss dem Land Mecklenburg-Vorpommern, Gelder sind gesichert, Baufirmen engagiert – doch als mich Peters durch völlig zerstörte Räume unter beeindruckenden Tonnenkreuzgewölben führt, wird klar, weshalb er glaubt, dass man für die Restaurierung noch zehn Jahre brauchen wird und 2028 bestenfalls erste kleine Erfolge präsentiert werden können. Dann möchte man den 250. Geburtstag des berühmtesten Bewohners feiern: Friedrich August von Klinkowström. Er hatte sich einige Zeit als Maler versucht, und weil er befreundet war mit Philipp Otto Runge und Schüler von Caspar David Friedrich, hätten sie ein Dreigestirn der norddeutschen Romantik bilden können. Doch Klinkowström warf die Malerei nach zehn Jahren hin, und wie genau man ihn zum Jubiläum herausstellen will, weiß Gunnar Peters auch noch nicht. Am Greifswalder Bodden entlang und an Kiefern vorüber, die mit ihren verbogenen Ästen einen eher surrealen denn romantischen Eindruck machen, gehe ich zum ersten Mal seit Zingst wieder über Strand. Es ist noch immer gefährlich glatt. Montag Das Heimatmuseum Freest hat geschlossen. Durchs Fenster ist eine alte Stube zu erkennen, dekoriert mit Fischerteppichen. Die hatte ich sehen wollen. Sie verdanken sich der Idee eines Lokalpolitikers, der vor 100 Jahren den Fischern zu einem besseren Auskommen verhelfen wollte: Wer Netze knüpfen kann, kann auch Teppiche knüpfen, dachte er und holte Rudolf Stundl aus Wien in den Ort. Der bildete sie aus und suchte maritime Muster zusammen, die bis heute gültig sind: Anker, Möwen und Wellen. Wenn ich Teppiche sehen wolle, müsse ich Frau Grabow besuchen, empfiehlt mir ein Arbeiter, der sich vorm Haus mit dem Schnee abplagt. Es sei nicht weit, und ihr Haus in Spandowerhagen leicht zu finden. „In den Ort rein, dann kurz links, dann gleich rechts. Es brennt immer Licht.“ Es dauert einen Moment, bis Frau Grabow aufs Klingeln reagiert, aber noch bevor ich ein Wort sage, lächelt sie und sagt in freundlichem Singsang: „Dann kommen Se mal rein.“ Die Schuhe könne ich anbehalten. „Is doch nur Schnee.“ In ihrem Atelier nimmt sie vor ihrem Knüpfstuhl Platz und setzt Knoten für Knoten, während sie erzählt. Seit 1986 mache sie das. Früher acht Stunden am Tag. Am Ende des Monats musste ein Quadratmeter geknüpft sein, das verlangte die PGH, die Produktionsgenossenschaft des Handwerks. Wolle bekam sie gebracht, bezahlt wurden ihr dreihundertnochwas Mark. Heute berechnet sie 1000 Euro für den Quadratmeter, was teuer klingt, aber es nicht ist, sie braucht dafür 160 Stunden. „Zwei Monate“ sagt sie, sie arbeite nur noch halbtags, „und manchmal auch gar nich, wenn Arzt ist“. Frau Grabow ist 76. Ein Lieblingsmuster habe sie nicht. Die Kunden bestellten, was ihnen gefällt. Das können auch die Wappen von Fußballvereinen sein. Da ist sie nicht kleinlich, obwohl das Handwerk 2023 von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe geadelt wurde. Im Moment sitzt sie an einem Teppich voller Dreifische. „Sie wissen schon: Glaube, Liebe, Hoffnung.“ Als ich frage, wie es weitergehe, zuckt sie mit den Schultern. Nicht ausgeschlossen, dass die Knüpferei aussterbe. Sie hat es nur den Enkeln beigebracht. „So aus Spaß.“ Dabei erscheinen die ständig gleichen Handgriffe eher mühsam. Auch in Peenemünde ist alles geschlossen. Wie ein gefesseltes Urtier liegt das russische U-Boot von Eis umklammert im verlassenen Hafen. Eine der Sehenswürdigkeiten von Usedom. Und kalt erhebt sich die Rakete auf dem ehemaligen Versuchsgelände aus dem Schnee. Noch so eine Sehenswürdigkeit. Menschen begegnen mir erst am Strand von Karlshagen. Die gefrorene See ist momentan die größte Attraktion. Die Hoteliers jubeln: So voll sei es im Winter schon lange nicht mehr gewesen. Viele Gäste haben Schlitten dabei und ziehen ihre Kinder oder Enkel über den Strand. Dass auf dem Achternwasser Eissegler unterwegs sind, sehe ich bloß auf Instagram. Ich poste Selfies, auf denen ich aussehe, als sei ich mit Fridjof Nansen unterwegs. Dienstag Der berühmteste Strandkorb der Welt stand 2007 vor dem Grand Hotel Heiligendamm. Das Foto vom Abschluss des G-8-Treffens ging als Familienbild der Weltpolitik um den Globus. Gebaut hatte ihn Dirk Mund mit seiner Firma Korbwerk. Nur ein Film erinnert im Verkaufsraum in Ückeritz noch daran. Davor steht die Kopie des ersten Strandkorbs überhaupt. Er sieht aus wie ein aufrecht stehender Wäschekorb. Seinen Siegeszug hatte sich deshalb 1882 wohl kaum jemand vorstellen können – und erst recht nicht, wohin er sich entwickelt. Etwa zur Wohlfühl-Oase „Baltic Empire“, für die so viele Extras angeboten werden wie für einen Kleinwagen. Zum etwa gleichen Preis. Jeder wird in Handarbeit geflochten, verschraubt und bezogen. Wie das geht, wissen immer weniger. Die Zahl der Arbeiter hinter dem Showroom kann man an einer Hand abzählen. Ihr Meisterstück steht in Heringsdorf: der größte Strandkorb der Welt. Er sei das am zweithäufigsten fotografierte Motiv im Ort, einmal mit 100 reingequetschten Menschen, sagt Manfred Pohl, der die Firma kürzlich übernommen hat und durch effektivere Zuarbeit die Produktion erhöhen möchte. Das klingt nach Vertrauen in die Zukunft. Auch bei Privatverkäufen. Gut vorstellen könnte man sich einen im Garten des Malers Otto Niemeyer-Holstein. Zwar ist er 1984 im Alter von 87 Jahren in Koserow gestorben. Aber sein abgeschiedenes Gartenidyll bei Lüttenort, an der schmalsten Stelle von Usedom, ist bis heute ein idealer Ort für Rückzug und Entspannung. Dabei hatte er sich hier 1933 niedergelassen, um schnell fliehen zu können. Sein Segelschiff lag stets abreisebereit im Hafen. Niemeyer-Holstein, Spross einer großbürgerlichen Familie, war mit einer „Halbjüdin“ verheiratet. Als erste Behausung bestellte er einen ausrangierten S-Bahn-Waggon aus Berlin, später umbaute er ihn mit einem Wohnhaus und Atelier, und noch später entwarf er eine gläserne Ausstellungshalle, deren Fertigstellung er nicht mehr erlebt hat. Heute ist sie Teil eines Museums, über dem noch immer das Ideal eines Freigeistes schwebt, der sich zwischen allen Extremen der Politik einzurichten verstand und jenseits der Abstraktion wie des sozialistischen Realismus der DDR beharrlich seinen Weg gegangenen ist. Teils expressionistisch, teils spätimpressionistisch malte er Stillleben, Akte und die Landschaft vor der Haustür. Was nicht heißt, dass er weltfremd lebte. Er hatte Kontakt ebenso zu Künstlern der DDR wie zu Künstlerkolonien von Ascona bis Worpswede. Sein Zuhause nannte er „einen Freiraum für die Kunst“. Wer in seinem Atelier steht, in dem es aussieht, als käme er gleich von einem Spaziergang am Strand zurück, „seiner großen Geliebten“, spürt, was damit gemeint war, und wundert sich nicht, dass es der Direktorin der Anlage, Franka Keil, gelungen ist, Wohnhaus und Atelier unter den Schirm der „European Federation of Artist’s Colonies“ zu bekommen. Nach Koserow ist es ein Katzensprung, und die Klippe am Ortsrand, die mit dem 58 Meter hohen Streckelsberg ihre höchste Stelle erreicht, hätte allenfalls Mark Twain zu einer Expedition samt Sherpas und Zwischenlagern angeregt. Ich denke nur „pff“, ohne zu ahnen, was die erhebliche Steigung bei Glatteis bedeutet. Am Ende muss ich mich an den Büschen im Unterholz nach oben ziehen. Die versprochene Aussicht bleibt im trüben Licht des Nachmittags aus. Runter geht es sehr schnell. Dennoch ist es wiederum Abend, bis ich Heringsdorf erreiche, wo mich das wunderbare Hotel Esplanade lehrt, dass eine Wanderung mehr sein kann als bloß der Umweg zu einem Bier, denn im Keller des eigenen Brauereigasthofes hat es sein Spa samt Pool und Saunen untergebracht. Ebenfalls einen Umweg wert. Mittwoch Früh am Morgen komme ich mit einem Mann ins Gespräch, der die Eiszapfen an der Seebrücke fotografiert. „Ach“, sagt er „das ist doch gar nichts.“ Und erzählt vom Winter 79/80. Binnen weniger Stunden war die Gegend mit drei Meter Schnee zugeschüttet. Die Kohlekraftwerke froren fast allesamt ein, und die halbe DDR musste vom Atomkraftwerk bei Lubmin mit Strom versorgt werden. Die Arbeiter schufteten rund um die Uhr, aber wegen des Schnees wären sie gar nicht vom Gelände gekommen. Etliche Menschen, die damals zu Fuß unterwegs waren, gingen einfach verloren. Ihre Körper fand man erst nach der Schneeschmelze. Der angekündigte Regen beschränkt sich auf ein Nieseln. Von den Dächern der phantasievoll gestalteten Hotels in den Kaiserbädern, hier Schwarzwaldhaus, dort eine verspielte Burg, klatschen Schneeplatten herunter. Von den Seebrücken aus kann man zuschauen, wie das Eis zerspringt. Der Schnee wird weich, zum ersten Mal geht es sich bequem am Strand. Der Wald rechts und das Meer links verschwinden mal wieder im Nebel. Aber das Wasser hört man vergnügt glucksen, als freue es sich über seine Befreiung. Hin und wieder tauchen als Schemen Spaziergänger auf. Als daraus eine Menschenmasse wird, begreife ich, dass ich die Promenade von Swinemünde erreicht habe und, ohne es zu merken, in Polen angekommen bin. Nur ein paar Schritte weiter ist der Strand wieder leer. Weil in diesem verzaubernden Licht des Nebels Strand und Himmel kaum noch zu unterscheiden sind, wirkt es, als sei ein Vorhang gefallen. Das Stück ist zu Ende. Informationen über die Orte entlang der Strecke gibt es unter www.auf-nach-mv.de. Die drei vorangegangenen Teile der Wanderung sind am 13. März, 12. Juni und 25. September 2025 erschienen.
