FAZ 12.12.2025
15:54 Uhr

Wandertipp: Wettstreit um die schönste und größte Kirche


Wandertipp zu den Kirchtürmen von Bad Homburg

Wandertipp: Wettstreit um die schönste und größte Kirche

Erst die Preußen, dann der europäische Geburts- und Geldadel: Mit der Beschaulichkeit Homburgs ist es vorbei gewesen, nachdem die Hohenzollern das Taunusstädtchen zu einem der führenden Bäder gemacht hatten. Kaiser Wilhelm II. nutzte das Schloss der Homburger Landgrafen faktisch sogar als Zweitresidenz. Die Heilquellen und die viel zitierte „Champagnerluft“ waren aber vermutlich nicht entscheidend dafür, dass es den Monarchen in die kleine, bis 1866 bestehende Landgrafschaft Hessen-Homburg zog. Stärker dürfte  Wilhelms Hang zu geschichtlicher Überhöhung mitgeschwungen haben: Der kleistsche „Prinz von Homburg“, Landgraf Friedrich II., war es, dem der Große Kurfürst in der Schlacht bei Fehrbellin 1675 seinen Sieg und den Aufstieg Preußens mit verdankte. Daran hatten Glaubensflüchtlinge aus Frankreich einen nicht geringen Anteil. Auch darin sah sich der Kaiser den Landgrafen verbunden. Hatte doch Homburg Ende des 17. Jahrhunderts gleichfalls „Hugenotten“ aufgenommen – woran ein 1906 von Wilhelm gestiftetes Denkmal im Kurpark erinnert. Nur war es mit der wechselseitigen Toleranz zwischen Protestanten und Katholiken weniger gut bestellt. Wie hier die Dinge in Bewegung gerieten, zeigt Homburg auf eindrucksvolle Weise – erkennbar an seinen Kirchtürmen. Von oben, dem naturgeschützten Kirdorfer Feld, aus betrachtet, wirkt das Ensemble zwar aus einer Zeit hinübergerettet, als Glockentürme in jeder Hinsicht Orientierung gaben: die vier romanischen der Erlöserkirche sowie der gotische von St. Marien und im Vordergrund die Doppelturmfassade der Kirdorfer St.-Johannes-Kirche und die einer Festung Gottes gleichende Portalfront der Gedächtniskirche. Das eindringliche Bild ist ein jedoch nachgeholtes, idealisierendes. Keines der Gotteshäuser entstammt den Epochen, die ihre Architektur erwarten lässt. Alle entstanden in den Jahrzehnten um 1900, als man wie vielerorts in einen mehr oder weniger bewussten Wettstreit um die schönste und größte Kirche trat. Letztmalig spiegelte er die Rivalität der beiden großen Konfessionen wider, zugleich stand er für ihre gewachsene Duldung.  Kurgäste und der Zuzug Andersgläubiger führten im rein katholischen Kirdorf 1913 zu dem Bau der evangelischen Gedächtniskirche; während Preußen mit der Marienkirche 1894 eine katholische Niederlassung in der Kernstadt gestattete. Zuvor mussten Katholiken in das 1902 eingemeindete Kirdorf ausweichen. Raum genug gab es. Der 1500-Seelen-Ort schuf bis 1862 mit St. Johannes ein monumentales Gotteshaus mit mehr als 500 Plätzen, bald „Taunusdom“ genannt. Das ringsum verlaufende Bildprogramm vollendete allerdings erst vor 100 Jahren der Offenburger Künstler Augustin Kolb. Es zeigt in einer eigenwilligen Mischung aus Beuroner Schule und Jugendstil das ungewöhnliche Sujet der sieben Sakramente am Beispiel heilsgeschichtlicher Ereignisse. So ist Bonifatius zu sehen, wie er Germanen – mit geflügeltem Helm – als Sinnbild der Taufe dem Christentum zuführt. Wegbeschreibung Die beengten Verhältnisse in Kirdorf gestatten nur wenige Parkplätze. Autos können dort zurückbleiben, wo auch die vom Bad Homburger Bahnhof kommenden Busnutzer entsteigen: am Kirdorfer Kreuz in der Bach-, Ecke Friedensstraße. Mit dem Gang durch das historische Quartier soll die Wanderrunde ausklingen. Den Anfang macht der Blick über das große Ganze vom Kirdorfer Feld aus. Nach dem Überqueren der Friedensstraße nimmt man die Markierung schwarzer Strich auf. Sie weist auf einen Pfad neben dem Kirdorfer Bach. Dieses naturbelassene Tälchen ist eine Rarität inmitten Homburger Gebietes; jahreszeitbedingt kann es aber rutschig werden. Kaum weniger bemerkenswert dürfte der Erhalt des weiträumigen Kirdorfer Feldes sein, gewissermaßen in Bestlage oberhalb der Kurstadt. Am Sportzentrum wird das Wanderzeichen zurückgelassen, nachdem hinter dem Parkplatz rechts zwischen Reit- und Fußballanlagen eingebogen wurde.  Den Zugang in das Naturschutzgebiet markiert ein weißer Pavillon gegenüber mit Hinweisen auf die Vorzüge von Streuobstwiesen, annonciert als „Apfelbaummuseum“. Das ist zwar etwas in die Jahre gekommen, doch auch so erschließt der aufgelockerte Bestand an Kirsch-, Birn- und Apfelbäumen die ökologische Bedeutung des 133 Hektar großen Areals. Das Fehlen von Blättern und Früchten eröffnet im Winter eine besondere Zugabe – den Blick über die sakralen Türme Homburgs zu den profanen Frankfurts. Nach längerem Geradeaus biegt der Hauptweg nach rechts und 300 Meter weiter nach links ab. Er endet am Rotlaufweg. Zum Hotel-Restaurant Molitor hält man sich kurz rechts; ansonsten geht es unverändert geradeaus unter Bäumen und damit in die Gemarkung von Friedrichsdorf. Der zuvor schon  aufgetretene blaue Punkt des Hugenotten- und Waldenserpfads berührt natürlich die 1687 von Hugenotten gegründete Gemeinde. Man folgt dem „Pfad“ in den Rechtsabzweig nach 700 Metern zwischen Offenland und dichtem Wuchs; unten, bei Erreichen der Landstraße, aber nicht seinem Linksknick. Vielmehr geht es rechts 250 Meter auf breitem Weg neben der Fahrbahn weiter, ehe die Landstraße in Höhe der Seulbach-Talung zu queren ist. Nach 300 Metern wird sie hinter der Kreuzung zurückgelassen zugunsten des von prächtigen Laubbäumen geprägten Hardtwaldes. Mit dem jetzt gültigen Zeichen weißer Strich (schwarz gerahmt) läuft man rechts leicht bergan unter die Buchen und Eichen. Oben wird der schnurgerade Höhenweg gekreuzt, und kurz darauf weist die Markierung – neben rotem und grünem Strich – links auf einen unscheinbaren Schlängelpfad zum Hardtwald-Hotel. Wer dort nicht unter Auslassen des Kurparks direkt zur Höllsteinstraße geht, läuft links und gegenüber der Reithalle halb rechts in einen weiteren naturnahen Parcours. Der Wald endet vor Klinikgebäuden und großzügigen Anwesen am Wingertsberg, fast nahtlos in den Kurpark übergehend. Ursprünglich von Peter Joseph Lenné um 1855 im englischen Landschaftsstil auf 50 Hektar angelegt, entwickelte er sich nach Einzug der Preußen zu einem regelrechten Geschichtsalmanach. Zahlreiche Büsten, Denkmäler und entsprechend benannte Brunnen lassen keine Persönlichkeit und kein Ereignis aus. Sie alle zu würdigen, würde leicht zwei Stunden in Anspruch nehmen. Genannt seien das Landgrafen-Denkmal im östlichen Teil oder stadtseitig Wilhelms Eltern auf hohen Podesten, das Kaiserpaar Friedrich III. und Victoria. Organisch schließt sich im Nordwesten der sogenannte Jubiläumspark an. Er kam auf Initiative der „getreuen Stadt Bad Homburg und ihrer dankbaren Bürgerschaft“ 1913 zum silbernen Thronjubiläum Wilhelms hinzu, woran ein schlichter Gesteinsblock erinnert (das vorgesehene Denkmal verhinderte der Kriegsausbruch 1914). Mit der begrenzenden Castillostraße hält man sich rechts zur Höllsteinstraße und links hinüber zur Einmündung in die Dietigheimer Straße. An ihr geht es dann rechts entlang, bis nach kaum 100 Metern auf der anderen Seite die Möglichkeit besteht, zu einer Grünanlage abzusteigen. Rund 400 Meter folgt man ihr und biegt vor einem Spielplatz nach links über den Bach in die Raiffeisenstraße für die Verbindung zum historischen Quartier von Kirdorf. Erst noch verdeckt, ragen dann umso monumentaler die Doppeltürme der Johanneskirche aus dem engen Gewinkel. Wie einen mittelalterlichen Dom setzte man sie zwischen die dicht stehenden Gebäude. Nur dürfte selbst dieses Gotteshaus, das von den Bewohnern in unentgeltlicher Arbeit errichtet wurde, seine Funktion als gemeinschaftlicher Mittelpunkt verloren haben. Bei Betrachten der Ausmalungen liegt eine fast meditative Stille über dem weiten Langhaus. Die Straße Am Kirchberg bildet das Schlussstück hinüber zum 1807 gestifteten Kreuz an der Bachstraße. Anfahrt Über die A 661; Ausfahrt Oberursel/Bad Homburg gen Zentrum, Abzweig Kirdorf. Als öffentliche Verkehrsmittel nimmt man die S 5 bis Bahnhof Bad Homburg und steigt in Fahrzeuge der Buslinien 2 oder 12, die alle halbe Stunde zur Haltestelle Kirdorfer Kreuz an der Bachstraße fahren. Sehenswert Für das kleine Homburg erwies sich als doppelter Glücksfall, dass es 1622 zur Landgrafschaft wurde und, nach ihrem Ende 1866, die Gunst Preußens fand. Das kam dem Aufstieg zu einem mondänen Bad zugute, ideell beglaubigt durch die gemeinsame Aufnahme von Hugenotten. Das 1906 von Kaiser Wilhelm II. gestiftete Landgrafen-Denkmal im Kurpark manifestierte es, wie es auch sonst nicht an Erinnerungen, Regenten und Ereignissen im Kurpark und Ortsbild mangelt. Augenfälligstes Kennzeichen der Zeit ist der Kirchenbau. Die monumentalen, architektonisch die Vergangenheit zitierenden Gotteshäuser stehen aber auch für wechselseitige Duldung der Konfessionen. Das protestantische Homburg erhielt mit der Marienkirche 1894 ein katholisches Gotteshaus und das katholische Kirdorf ein evangelisches in Gestalt der Gedächtniskirche (1913). Noch mit der 1862 geweihten St.-Johannes-Kirche hatte das erst 1902 eingemeindete Kirdorf ein selbstbewusstes Zeichen gesetzt. Inmitten der engen Gassen erhebt sich der 50 Meter lange, mit Doppelturmfassade versehene Bau. Die Planung im sogenannten spätklassizistisch-byzantinischen Rundbogenstil besorgte der Mainzer Dombaumeister Ignaz Opfermann. Die Ausmalung erfolgte erst hundert Jahre später durch Augustin Kolb und seine Söhne. Ein umlaufender Fries zeigt in einer Mischung aus Beuroner Schule und Jugendstil das ungewöhnliche Sujet der sieben Sakramente am Beispiel heilsgeschichtlicher Ereignisse.