FAZ 05.12.2025
10:50 Uhr

Wandertipp: Handwerk mit Tradition


Die Lebkuchenbäcker und „Gäulschesmacher“ von ­Beerfurth sind die Letzten ihres Fachs. Bei Herstellung, Zutaten und Technik sind sie sich ebenso treu geblieben wie mit überlieferten Formen.

Wandertipp: Handwerk mit Tradition

Es soll Leute geben, die besuchen Weihnachtsmärkte in Frank­furt, Darmstadt oder Michelstadt nur wegen dieser Lebkuchen. Sie zeichnet eine bräunlich-glänzende Tönung ohne Zuckerlasur oder Schokoüberzug aus. Entsprechend fühlt sich das Gebäck fester an und schmeckt auch anders als Industrieware, da die Gewürzküchlein täglich frisch von einem Odenwälder Unternehmen gebacken und geliefert werden. Seit 240 Jahren, in der elften Generation, stellt Familie Baumann aus Reichelsheim-Beerfurth nach geheimer Rezeptur Lebkuchen in der hauseigenen Backstube her und verkauft sie auch im Ort. Dabei ist die Eigenwerbung ebenso bescheiden wie die Holzhütte, die saisonal hinter dem hohen Hoftor öffnet. Reklame in eigener Sache braucht es fast nicht. Medien und Kundschaft honorieren, dass man sich bei Herstellung und Zutaten ebenso treu geblieben ist wie mit den ursprünglichen Formen: rechteckig oder in Herzgestalt, mit einer Mandel verziert und mit Kartoffelstärke zum Glänzen gebracht. Nur auf größere Lebkuchen kommen Motive, eingedrückt mit Holzmodeln von der Urgroßvätergeneration. Die Baumanns gehören zu den letzten der ehemals mehr als 20 „Lebküchler“ im ­Beerfurther Raum. Familiärer Zusammenhalt und der landwirtschaftliche Betrieb ließen die Tradition nie enden. Ob sie die zwölfte, gerade schulpflichtig gewordene Generation fortführt, ist allerdings noch nicht entschieden. Mit „Eberhardt“ besteht ein zweiter, bis ins 19. Jahrhundert reichender Betrieb, der wie zu Großmutters Zeiten Lebkuchen – von außen einsehbar – und Plätzchen backt. Der Schwerpunkt liegt aber auf der Produktion von Weihnachtsmännern und Osterhasen aus Schokolade. Personalintensität und die rustikalen Maschinen lassen erahnen, dass Tradition nur wachsen kann, indem man an Bewährtem festhält. Das heißt auch hier: weitgehender Verzicht auf Zusätze unter Verwendung von besten Rohstoffen. Den im angeschlossenen Laden verkauften, fingerkleinen bis kniehohen Figuren darf man die Herkunft des Kakaos aus Südamerika ansehen. Sie werden nicht in Stanniol gewickelt. Es gibt noch einen Dritten im Bunde, für den die Gemeinde Beerfurth offenkundig Verpflichtung und Antrieb ist, das Althergebrachte zu erhalten – den letzten „Gäulschesmacher“ im Odenwald. Die Holzpferdchen, deren Herstellung einst Bauern und Handwerkern in Wintermonaten Beschäftigung bot, avancierten wie die Lebkuchen längst zu Imageträgern der Region. Die Kreisverwaltung verschenkt sie zu offiziellen Anlässen, und so fand einer der auf Rollen laufenden Apfelschimmel selbst zum japanischen Kaiser Akihito. Im Laden für Holzspielzeug von Familie Kremer-Boos können sie erworben werden. Alle drei Traditionsbetriebe sind zudem auf dem kleinen Weihnachtsmarkt Beerfurths an diesem Wochenende vertreten. Wegbeschreibung Als Ausgangspunkt wurde das mit einem intakten Ortsbild aufwartende Reichelsheim gewählt. Von zwei Großparkplätzen, an der Reichenberghalle und an der Beerfurther Straße (Richtung „Feuerwehr“), gelangt man rasch in das Quartier zwischen gotisch-barocker Pfarrkirche und dem Alten Rathaus mit Regionalmuseum. In die Wanderrunde beiderseits der Gersprenz wird entgegengesetzt eingestiegen. Mit den Markierungen gelber Strich und R 3 (weiß) folgt man kurz der Beerfurther Straße zum Hofweg, um dann nahtlos in die offene Talung des Flüsschens zu gelangen. Der Asphalt setzt sich noch ein Stück fort und endet am Frohnhof mit seinen mächtigen Scheunen vergangener Tage. An der Richtung ändert dies nichts; nur folgt man allein dem Strich. Auch er hat bald, nach dem Linksbogen und der Passage unterhalb eines bewachsenen Hangs, seine Schuldigkeit getan, wenn auf der anderen Seite Bockenrod auftaucht. Bevor man über das Flüsschen und die Bundesstraße geht, lohnt die kleine Schleife um das nahe Fachwerkensemble einer ehemaligen Mühle. Zwar war sie lediglich eines der rund 50 Mahlwerke an der Gersprenz bis zur Mainmündung bei Stockstadt. Doch nirgends erinnert man sich so originell an die schon im 15. Jahrhundert nachweisbaren Müller. Holzplastik eines Meisters samt Mehlschaufel Seit der Umwandlung in eine Wohnanlage 2015 verblieben nicht nur einige Mauern und eiserne Mühlräder. Mit der übergroßen Holzplastik eines Meisters samt Mehlschaufel gedenkt man auch der „vielen Generationen, die hier bis 1960 das Müllerhandwerk ausübten“. In Bockenrod schwenkt man nach rechts zur Nibelungenstraße, und vor dem großen Gehöft mit Laden geht es nach links, wo das Zeichen Bo 1 relevant wird. Bald beginnt der Weg zu steigen, fortgesetzt im Wiesenhang und nicht unterbrochen beim Übergang in Wald. Nach gut 600 Metern stößt man auf einen breiten Weg. Schon mit Bo 1 ließe sich hier gen Beerfurth absteigen. Dann würde man allerdings die Fels- und Ruinenlandschaft am Burgberg versäumen. Dafür wurde eigens ein Verbindungsweg angelegt. Sein Zeichen gelbes V führt hinauf. Moderater, vermehrt von Kiefern begleitet, ist nach gut einem Kilometer kurz vor dem Gipfel der nächste Zeichenwechsel zu beachten: hinter der Kreuzung nach links mit dem gelben Quadrat, das knapp unterhalb des Burgberggipfels entlangführt. Name und horizontal aufliegende Granitfelsen führen etwas in die Irre. Die Ruine Beerfurther Schlösschen steht nicht hier, sondern versteckt eine Etage tiefer. Richtungshinweise fehlen, aber die bald nach rechts abbiegenden Zeichen R 7 und gelbe 5 leiten auf schmalem Pfad hinüber; nach 200 Metern links. Geradeaus lässt sich auch beim Quadrat verharren, zumal ein Erklimmen des Schuttkegels der ins 11. Jahrhundert reichenden Turmburg Trittfestigkeit erfordert. Tiefer unten lädt eine Schutzhütte zur Rast, ehe links davon der Abstieg einsetzt – zunächst durch dichte Vegetation, dann steil im Freien, wobei sich das schlossgekrönte Reichelsheim ins Bild schiebt. Zwischen den ersten Häusern von Beerfurth tastet man sich abwärts bis an die Bundesstraße. Der alte Kern liegt jenseits und mittendrin die Baumannsche Lebkuchenbäckerei. Zur Wegzehrung kann selbst am Wochenende eine Packung erstanden werden. Täglich außer sonntags hat auch „Eber­hardt“ geöffnet. An seiner Verkaufsstelle kommt man vorbei, nachdem links, unverändert dem gelben Quadrat folgend, auf die Schwimmbadstraße gewechselt wurde. Voraus zeichnet sich die Silhouette von Schloss Reichenberg auf erhöhter Warte ab. Durch Wiesen und Äcker lotst die Markierung bis an den bewaldeten Bergsockel; dort geht es links unter Bäume und rechts kurz bergauf. Von der Waldspitze an geht es bei Hinzunahme der Zeichen R 1 und 7 (grün) links an Bäumen und Gärten entlang zur Schlosseinfahrt. Weil von einer christlichen Kommunität bewohnt, ist die mit viel Eigenleistung restaurierte Anlage unzugänglich, nicht jedoch der Innenhof, die gotische Kapelle und die aussichtsreiche Terrasse. Das hauseigene Café ist allerdings dauerhaft geschlossen. Retour, nutzt man kurz das Sträßchen hinab, bevor die beiden R rechts auf einen Pfad weisen, unterbrochen von einer Haarnadelkurve. Dort teilen sie sich: R 1 zeigt nach rechts und weist mit dem Quadrat über die Zufahrt talwärts, während R 7, links, Unvermutetes bietet: Begleitet von einem auf spielerisches Entdecken ausgelegten Naturlehrpfad, führt es an verwilderten Kleingärten und, hinter der scharfen Rechtskurve, an Ziegenweiden vorbei. Die Schlusspassage zum Parkplatz verläuft wieder auf dem Sträßchen. Anfahrt Reichelsheim liegt an den parallel verlaufenden Bundesstraßen 38 und 47. Dorthin gelangt man aus Westen über die A 5, ­Ausfahrt ­Bensheim, und weiter via Lindenfels auf der B 47; oder von Norden auf der B 38 über Reinheim. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln bestehen Bahnverbindungen via Reinheim und Bus 693 oder Michelstadt und die Linie 665 E; Haltestelle Reichenberghalle. Sehenswert Augenfälligstes Bauwerk der Region ist die hoch über der Gersprenz thronende Burg Reichenberg. Von deren Terrasse sind die bedeutend­sten ­Reichelsheimer Bauwerke ­erkennbar – der gotische Turm der Pfarrkirche, eines Saalbaus von 1725, und das frühere Fachwerk-Rathaus aus dem 16. Jahrhundert mit Regionalmuseum. Öffnungszeiten Die Bäckereien „Baumann“, Marktplatz 8, und „Eberhardt“, Schwimmbadstraße 3, haben von 8 bis 12 Uhr geöffnet und von 13 ­respektive 13.30 Uhr bis 17 ­beziehungsweise 18 Uhr. Am ­Wochenende hat „Baumann“ jeweils von 9 bis 16 Uhr, „Eberhardt“ ­samstags bis 15 Uhr ­geöffnet und sonntags geschlossen. Der Spielzeugladen mit den „Gäulschen“ liegt neben der ­Tankstelle an der B 38, Siegfriedstraße 60, und ist täglich außer dienstags und sonntags von 9 bis 18, samstags bis 14 Uhr geöffnet. Das Regionalmuseum in Reichelsheim öffnet jeden zweiten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr (nicht am zweiten ­Advent und im Januar).