So hochgestimmt sollte jede Tour starten. Keine Viertelstunde wandere ich durch den Scheinbuchenwald, als Happy-Birthday-Gesang aus der Schlucht heraufweht. Dort unten paddeln junge, bestens gelaunte Kiwis in Schlauchbooten den jadegrünen Fluss hinab. Und hier oben auf dem Waldweg sind anfangs so viele Wanderer unterwegs, dass ich kurzzeitig um meinen Schlafplatz in der Hütte bange. Die meisten Touristen haben noch nie von den Greenstone and Caples Tracks gehört, Einheimische aber lieben den sanften Rundweg durch zwei Täler der neuseeländischen Südalpen. Zumal er so leicht zu organisieren ist: einfach einen Shuttlebus aus Queenstown buchen und loslaufen. „Wir sind doch alle nur Affen“ Allein die Anfahrt um den türkisen Lake Wakatipu mit Blick auf die schneebedeckten Berge des Mount-Aspiring-Nationalparks war ein Augenschmaus. Und nun schlendere ich in der Morgensonne durch den lichten Wald oberhalb des Flusses. Zum Glück biegt eine große Gruppe Wanderer an der Hängebrücke auf den Lake Rere Loop ab. Dürfte doch klappen mit der Matratze. Ich wandere die Runde im Uhrzeigersinn, die erste Etappe ist kurz. Wo sich der Pfad wieder eng ans Ufer des Greenstone Rivers schmiegt, sehe ich vier junge Briten, die blankgezogen haben und aufgekratzt ins Wasser staksen. „Wir machen das auf jeder Wanderung“, ruft ein Rothaariger, „wir sind doch alle nur Affen.“ Wer nicht ganz so exponiert baden will, bekommt an der ersten Hütte seine Chance. „Waterhole“ steht auf einem kleinen, orangefarbenen Dreieck, das an einen Baumstamm genagelt ist. Ein kurzer Abstieg, dann steht man über einer Gumpe, wo ein Felsbrocken die Strömung bricht und man sorglos ins klare Türkis tauchen kann. Die Briten flunkerten nicht, der Fluss ist wärmer als erhofft – und doch extrem erfrischend. Ein australisches Paar streckt sich auf den warmen, rund geschmirgelten Felsen aus. Gerne würde ich mich daneben legen, doch die Sandflies haben uns schon gewittert. Fast frisch geduscht fühlt es sich an, als ich mich vor die Hütte setze. Der Wind vertreibt kurzzeitig die Mücken, die Lichtung schenkt freien Ausblick auf die grün-braunen Gipfel. Und selbst das gefriergetrocknete Chicken Tikka Masala schmeckt nun wie echtes Essen. Müde vom Wandern und Baden, schlüpfen die meisten schon vor 21 Uhr in ihre Schlafsäcke – und verpassen, wie drei Rehe vor den rot leuchtenden Gipfeln über die Lichtung laufen. Als ich aufwache, prasseln Tropfen aufs Blechdach. Aus der Küche tönen Stimmen, der Sound des Aufbruchs. Die Wettervorhersage hat angekündigt, dass der Regen im Laufe des Tages nachlässt, sich gar die Sonne zeigen wird. Also drehe ich mich um und genieße die Wärme des Schlafsacks. Es entspannt enorm, allein in der leeren Hütte zu frühstücken und beim Packen reinen Gewissens zu trödeln. Als ich irgendwann aufbrechen will, tritt ein junger Mann mit großem Rucksack und Holzstock herein. Er geht den Te Araroa, die 3000 Kilometer lange Mammuttour durch ganz Neuseeland. Als er die Hütte und ihre Toiletten mit Spülung sieht, ärgert er sich, am Vortag nicht weitergewandert zu sein. Tatsächlich sind die Hütten auf den Greenstone and Caples Tracks fast ebenso gut ausgestattet wie ihre Pendants auf den Great Walks. Nur die installierten Gaskocher fehlen. Die McKellar Hut wurde 2010 renoviert, die Mid Caples Hut 2014. Die neuen Hütten wurden notwendig, weil der Rundweg immer beliebter wurde. Manche hängen den Greenstone Track an den Routeburn Track dran, um sich die acht Stunden lange Fahrt über Te Anau zurück nach Queenstown zu sparen. Reservieren lassen sich die Schlafplätze auf den Hütten nicht. Vor Kurzem drängten sich an einem Feiertag mehr als 50 Wanderer in der McKellar Hut, die nur 24 Schlafplätze hat. Kein Problem, wird später ein Ranger am Wegesrand erzählen: Man habe eben die Tische zur Seite gerückt und Isomatten auf dem Boden ausgerollt. „Es war eine Fiesta-Stimmung.“ Als der Regen zum Nieseln abklingt, gehe ich los. Eine schmale Hängebrücke quert den Fluss, bald führt der Pfad hinaus auf Tussockwiesen, die an Savanne oder Prärie erinnern. Zu beiden Seiten ragen hohe Bergketten auf. Wolken hängen im dichten Bergwald, darüber stürzen Wasserfälle die braunen, von Felswänden gestuften Flanken der Livingstone Mountains herab. „Es könnte matschig sein“, warnte mich zwei Tage zuvor die freundliche Dame im Besucherzentrum des Department of Conservation in Queenstown. Langsam ahne ich, was sie meinte. Auf der Sumpfwiese sinken meine Stiefel manchmal knöcheltief ein, der Pfad hat sich stellenweise in einen Minibach verwandelt. Im Vergleich zu den Great Walks ist dieser Weg wild und rau, so wie viele Kiwis ihr Backcountry lieben – und doch ist er nur eine Kuschelversion berüchtigter Routen wie des Dusky Track. In den drei Sommern ab 2009 wurde er ausgebaut und streckenweise verlegt. Am oberen Caples River wären zuvor mehrere Wanderer beinahe ertrunken. Ein Schild zeigt den Beginn des Fiordland Nationalparks an, und so sieht der Zauberwald auch aus, durch den ich entlang des Lake McKellar laufe. Das Wasser glitzert durch die Äste, an denen Bartflechten im sanften Wind wehen. Ein sattgrüner Flickenteppich aus Moosen und Flechten polstert jeden Stamm, jeden Fels. Von überall zwitschert, trillert und piept es. Mithilfe Tausender Fallen und vieler Freiwilliger wurden in der Gegend Ratten, Hermeline und wilde Katzen so weit dezimiert, dass seltene Vogelarten angesiedelt werden können. Die Südinseltakahes, im August 2023 ausgewildert, hatten vor Kurzem die ersten Küken. Leider lassen sich die truthahngroßen Laufvögel, die lange als ausgestorben galten, an diesem Tag nicht blicken. Aber der Regenwald ist auch so schön genug. Und da es auf dieser Tour keine berühmten Gipfel zu erklimmen gibt und die Etappen maßvoll sind, darf ich ohne Zeitdruck umherstreifen. Anfangs begegnen mir noch ein paar Wanderer, dann aber gehe ich stundenlang allein dahin. Gleichmäßig steigt der geschotterte Pfad in Serpentinen bis zur Waldkante an. Bevor der Weg ausgebaut wurde, war diese Passage steil und ausgewaschen, streckenweise musste man über Wurzeln klettern. Dicht über der Waldgrenze markiert ein Steinhaufen den Beginn des McKellar Saddle. Über die gewundenen Äste der Mountain Beech schaue ich zurück auf die schneegefleckte Pyramide des Mount Christina. Nach all den Wald und Wiesen ein erhebender Anblick. Abtauchen in den Urwald Es lohnt sich, hier ein wenig zu verweilen. Denn die folgende alpine Passage über den Bergsattel währt nur eine halbe Stunde. Ein Plankenweg windet sich über das rötliche Hochmoor, die Felskuppen zu beiden Seiten lassen an die Berge Spaniens denken. Allzu bald taucht der Weg wieder in den Urwald ab, der auf der Ostseite weniger saftig-üppig ausfällt. Stunde um Stunde geht es nun sanft bergab, erst über Wurzelpfade, dann durch wogende Riesgräser, die an den Beinen kitzeln. Der Marsch zieht sich, Knie und Rücken beginnen zu schmerzen. Als die Hütte endlich erreicht ist, sinke ich erschöpft und hungrig auf eine Bank. Wie am Vortag ist Cara Douglas-Jones schon lange vor mir angekommen. „Es sind lange Tage, aber die Landschaft ist wunderschön“, sagt die 34-jährige Waliserin. Sie ist zum Teil in Neuseeland aufgewachsen und besucht alle paar Jahre ihre Schwester in Auckland. „Das war wahrscheinlich die Wanderung, auf der ich am wenigsten Leute getroffen habe“, sagt sie. „Und viel mehr Neuseeländer als auf den Great Walks.“ Die Frau allerdings, die sich nebenan auf der Holzterrasse sonnt, kommt aus Kalifornien. Begeistert erzählt sie vom Felspool, „nur zehn Minuten zu laufen“. Ich ringe hart mit dem Schweinehund. Und zwinge mich nach zwei Handvoll Nüssen und ein paar Fetzen Biltong, in die Sandalen zu schlüpfen und zum Fluss zu gehen. Der Naturpool ist tatsächlich fabelhaft: türkis, klar und tief. Obwohl ich sofort das Shirt ausziehe und ins Wasser klettere, beißen die Sandflies in Rücken und Arme. Egal, eines hilft immer: schnell abtauchen.
