Wohin führt der „Walk of Sport“ in Neubrandenburg? Ins Herz der Vier-Tore-Stadt, könnte man mit Blick auf die Steine im Bürgersteig samt Bronzeplatten für berühmte und weniger berühmte Athleten und Athletinnen erzählen. In alte Zeiten, behaupten andere. André Rohloff gehört zu ihnen. Nicht, dass er den „Walk of Sport“ grundsätzlich ablehnt. Ehre, wem Ehre gebührt. Er stößt sich an der Auswahl. Ehemalige Doper sind darunter, auch mal eine inoffizielle Mitarbeiterin der Stasi. Im Frühjahr versuchte er, mit Leserbriefen auf den krassen Widerspruch hinzuweisen. „Wie kann man Doper und Stasi-Mitarbeiter als Vorbilder präsentieren?“, fragt Rohloff, Landesvorsitzender der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) in Mecklenburg-Vorpommern, rhetorisch. Vergeblich. Am 11. Dezember verlängerte die Stadtvertretung mit großer Mehrheit den „Walk of Sport“. Im Frühjahr werden Gedenkplatten zur Ehrung der früheren Sprinterinnen Katrin Krabbe und Grit Breuer im Trottoir versenkt. Diese Formulierung hat die CDUplus-Fraktion erweitert. Diesmal antwortete sie auf die Fragen der F.A.Z. Immerhin. Andere, die dem Ehrungsantrag zustimmten, schafften es nicht, innerhalb von vier Tagen auch nur zu reagieren. Die CDUplus-Fraktion schreibt: „Katrin Krabbe und Grit Breuer sollen daher nicht trotz, sondern auch wegen der Brüche ihrer Biographien Teil des Walk of Sport sein.“ Brüche in ihren Biographien? Katrin Krabbe: schnell, erfolgreich, schön Rückblende: Die beiden zählten zu den schnellsten Sprinterinnen, Krabbe über die Kurzstrecken, Breuer auf 400 Meter. Die Mauer war gerade gefallen, die DDR der Bundesrepublik beigetreten. Katrin Krabbe galt als das Gesicht des Sports der Vereinigung: schnell, erfolgreich, schön; Europameisterin, Weltmeisterin über einhundert und zweihundert Meter. Schon hing ihr in Gedanken eine Medaille der Sommerspiele 1992 um den Hals. Die CDUplus-Fraktion will die Ehrung, weil „beide Athletinnen zu den erfolgreichsten Sportlerinnen gehören, die Neubrandenburg hervorgebracht hat. Ihre internationalen Titel und Medaillen haben die Stadt über Jahre hinweg weltweit bekannt gemacht und sind ein Teil der Sportgeschichte Neubrandenburgs.“ Auch wenn die SPD, die Grünen, die Linken schwiegen, darf man ihnen diese Begründung unterstellen. So steht es im Antrag, es geht um Titel, Medaillen. Ein Hinweis auf die „Brüche in den Biographien“ fehlt. Hier die Kurzform: Die Trainingsgruppe Krabbe, Breuer & Co. fiel 1991 mit einem kurzfristigen Quartierwechsel in der Ferne auf. Damals gab es kein weltweites (bis heute löchriges) Kontrollnetz. Der bundesdeutsche Sport hatte eher widerwillig zwei Jahre vorher Trainingskontrollen (in einem vergleichsweise lächerlichen Ausmaß) beschlossen. Bei Analysen von Urinproben der Trainingsgruppe ergab sich ein erstaunlicher Befund. Alle identisch, obwohl die Frauen unterschiedliche Ovulationshemmer angegeben hatten. Mit Fremdurin gefüllte Kondome wurden aufgeschlitzt Von einer Sensation der Wissenschaft – bislang waren identische Urine unbekannt – wollte die Anti-Doping-Fraktion in Deutschland aber nichts wissen. Sie konstatierte: Fremdurin von einer einzigen Person. Wie das? Schulterzucken bei den Betroffenen, Ahnungslosigkeit und nach dem ersten Aufschrei eine Rechtsprechung des Sports zu ihren Gunsten. Aufhebung der Suspendierung im Frühjahr 1992: Weil nicht ausgeschlossen werden konnte, dass Dritte die Proben manipuliert hätten. Was etwas unter den Tisch fiel oder gar fallen sollte, wenn schon Verschwörungstheorien mitspielten: Die Analysten verwiesen auf mehrere identische Urinproben der Trainingsgruppe zu verschiedenen Zeiten. Später wurde bekannt, dass andere Athletinnen eine perfide Methode benutzten, um Manipulationen zu kaschieren. Sie schlitzten während der Kontrolle vorher mit Fremdurin gefüllte, eingeführte Kondome auf. Damals wurden Dopingkontrollen einen Tag vorher angekündigt. Spuren des Kälbermastmittels Clenbuterol Deutsche Anti-Doping-Kämpfer glaubten sich bestätigt fühlen zu dürfen, als wenige Monate später ein positiver Befund die Trainingsgruppe erfasste und die Leichtathletik weltweit durchschüttelte: Spuren von Clenbuterol, einem Kälbermastmittel, hielten Kritiker für den Beweis. Doch der Stoff, weit verbreitet in der Dopingszene, stand nicht auf der Anti-Doping-Liste des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Wegen „Medikamentenmissbrauchs“ wurden unter anderen Krabbe und Breuer für ein Jahr gesperrt. Der Weltverband verlängerte auf drei Jahre. Während Breuer annahm, wehrte sich Katrin Krabbe – vom Leistungssport zurückgetreten – gegen die Verlängerung und klagte sich durch die Instanzen. Sie gewann. Ihr wurde Schadenersatz in Höhe von 1,2 Millionen D-Mark zugesprochen. Schattenseiten des DDR-Leistungssports Der CDUplus-Fraktion, das schreibt sie der F.A.Z., ist „bewusst, dass diese Biographien nicht losgelöst von den Schattenseiten des DDR-Leistungssports und den später bekannt gewordenen Dopingfällen betrachtet werden können. Diese Aspekte gehören zur historischen Wahrheit und dürfen weder verschwiegen noch verharmlost werden“. Aber einem Gedenkstein im „Walk of Sport“ steht dieser Teil der Vita nicht entgegen: Denn „eine Ehrung bedeutet aus unserer Sicht daher keine unkritische Glorifizierung, sondern eine bewusste und differenzierte Auseinandersetzung mit sportlichen Leistungen und ihren historischen Rahmenbedingungen“. Der „Walk of Sport“ soll „ausdrücklich kein Ort der Verklärung, sondern ein Ort der Erinnerung und Einordnung“ sein. Wie man den geneigten Bürger informiert? Mit einer Informations- und Mediensäule am „Walk of Sport“ nehme man eine „kritische Kontextualisierung“ vor, heißt es in der Antwort der CDUplus-Fraktion. So werde Transparenz geschaffen und eine zeitgemäße Erinnerungskultur ermöglicht. Die Geschichte der Trainingsgruppe auf einer Säule? Bislang würden die Erklärungen von Krabbe und Breuer nicht viel Platz einnehmen. Mehr als ein Bedauern über die Einnahme eines Mittels ohne Rezept, wie Krabbe dem NDR sagte, ist in all den Jahren nicht zu hören gewesen. Das sei ein Fehler gewesen. Gleichzeitig stellt die CDUplus-Fraktion fest, dass „offen über Fehler, Verantwortung und Konsequenzen“ zu sprechen, den Anspruch von Vorbildfunktion in einer neuen, reflektierten Form erfülle. „Die NADA sieht die Ehrung kritisch“ Andere können keine Vorbildfunktion erkennen. Dazu zählen Experten, die sich rund um die Uhr mit dem Kampf gegen Doping beschäftigen, wie die Nationale Anti-Doping-Agentur (NADA): „Die NADA sieht die Ehrung kritisch“, schrieb sie der F.A.Z.: „Sie setzt ein falsches Signal – insbesondere auch aus präventiver Sicht.“ Denn was sollen sich junge Athleten und Athletinnen abschauen? Dass Katrin Krabbe, wie sie sinngemäß sagt, hart gearbeitet habe und deshalb die Auszeichnung verdiene? Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes kann die Ehrung nicht nachvollziehen: „Athletinnen und Athleten wirken als Vorbilder in der Gesellschaft, insbesondere für Kinder und Jugendliche, sie stehen für Werte wie Fairness sowie Respekt“, lässt Thomas Weikert auf Anfrage mitteilen: „Selbstverständlich hat jeder Mensch nach einem Fehlverhalten wie einem Dopingvergehen eine zweite Chance verdient, aber vorbildliches Verhalten im Sinne des Sports und der Gesellschaft ist hier nicht erkennbar.“ Die Verlängerung des „Walk of Sport“ wird der DOSB-Präsident kaum verhindern. Vielleicht auch nicht den nächsten Schritt. Eine Ehrung dessen, der untrennbar mit der Geschichte von Katrin Krabbe und Grit Breuer verbunden ist: Trainer Thomas Springstein führte die Trainingsgruppe mit seiner späteren Frau Grit Breuer aus der DDR mit ihrem geheimen Zwangsdoping, wie es auch beim SC Neubrandenburg praktiziert wurde, ins vereinigte Deutschland. 2006 verurteilt ihn ein ordentliches Gericht zu einer Bewährungsstrafe, 16 Monate: wegen Dopings einer Minderjährigen.
