Maria Achrait hat sich mit ihrer Nominierung darauf eingestellt, angefeindet zu werden. Das sagt die Vierunddreißigjährige so, als wäre es etwas ganz Selbstverständliches. Sie kandidiert für die Frankfurter SPD als Spitzenkandidatin für die Kommunale Ausländervertretung (KAV) am 15. März. Gleichzeitig steht sie auf Listenplatz 38 für die Stadtverordnetenversammlung. Was sie von allen anderen Kandidaten der etablierten Parteien auf den Wahlplakaten unterscheidet, ist eine Äußerlichkeit: Achrait trägt Kopftuch. Wenn sie an Infoständen die Menschen mit Inhalten und ihren Themen überzeugen will, muss sie sich des Öfteren für ihre Identität verteidigen. „Ich kriege schon sehr oft gesagt: Du mit deinem Kopftuch willst uns hier Politik erklären? Nie wieder SPD. Oder: Jetzt erst recht nicht“, berichtet sie. Frankfurter SPD-Vorsitzende stellen sich vor Maria Achrait Dazu sind ihre Wahlplakate mit rassistischen und antimuslimischen Parolen beschmiert oder abgerissen worden. Auf einer Facebook-Seite ist ein Bild ihres Wahlplakats mit der Überschrift „Die klassische Arbeiterpartei“ geteilt geworden. Mehr als 4000 hasserfüllte, rassistische Kommentare stehen darunter. Wie viel davon echt ist und wie vieles mit KI generiert wurde, ist unklar. Schon 2016 hat sie auf ähnliche Weise Hass erfahren. Damals hatte sie als Vorstandsmitglied des SPD-Ortsvereins Westend ein Video auf Facebook hochgeladen, um die Leute zum Wählen zu motivieren. Es sei ebenfalls oft geteilt und rassistisch kommentiert worden. „Es waren aber noch nicht so viele Internettrolle wie heute“, sagt Achrait. Der Hass habe sie getroffen und sei nicht spurlos an ihr vorbeigegangen. Der Rückhalt und die Unterstützung, die sie erfahren habe, sei jedoch viel größer und habe sie überwältigt. Die SPD-Ko-Vorsitzende und Kulturdezernentin Ina Hartwig teilte mit: „Dass sie wegen ihres Aussehens oder ihres Glaubens herabgewürdigt wird, ist beschämend für die Urheber dieser Taten. Wir lassen nicht zu, dass engagierte Frauen durch Hassrede und Vandalismus aus dem öffentlichen Diskurs gedrängt werden. Vielfalt ist kein Makel, sondern die Stärke Frankfurts.“ Auch Grünen-Politiker Telyakar berichtet von Rassismus Auch Hartwigs Ko-Vorsitzender und SPD-Spitzenkandidat Kolja Müller meldet sich zu Wort: „Wer Wahlplakate beschmiert und Menschen im Netz diffamiert, zeigt nur die eigene geistige Armut und den mangelnden Respekt vor unseren demokratischen Prozessen. Wir stehen solidarisch an der Seite von Maria Achrait.“ CDU, FDP und Linke sind indes keine rassistischen Vorfälle bekannt, die sich gegen ihre Parteimitglieder richten. Der diversitätspolitische Sprecher der Grünen, Emre Telyakar, bekommt Rassismus „vor allem im digitalen Raum mit“. Auf Instagram hat er vor wenigen Wochen ein Bild vom Plakateaufhängen mit Frankfurter Abiturienten hochgeladen, die wie er selbst eine Migrationsgeschichte haben. Darunter habe er dann Kommentare lesen müssen wie: „Remigration jetzt“ oder „Geht zurück in euer Land“. Er habe das in den vergangenen Jahren mehrfach erlebt und sei dagegen mittlerweile abgestumpft. Rassismus hat Maria Achrait schon in der Schule erlebt. „Eine Lehrerin hat mal gesagt: Warum bemühst du dich überhaupt? Ihr werdet doch sowieso alle zwangsverheiratet.“ Auch kürzlich sei jemand mit dem Rad an ihr vorbeigefahren und hätte ihr zugerufen: „Scheiß Moslem, geh zurück nach Mekka.“ Achrait studiert Humanmedizin, davor hat sie Jura studiert Als Jugendliche habe sie das stärker getroffen, „weil ich nicht darauf reduziert werden wollte“. Mittlerweile pralle es meist an ihr ab, und sie nehme es sich nicht mehr so zu Herzen wie einst. Es sind jedoch nicht nur rassistische Parolen aus der rechten Ecke, die sie erreichen. Ab und zu kommen auch radikal eingestellte Muslime an Infoständen auf sie zu und fragten, warum sie sich überhaupt zur Wahl stelle. Ihre Antwort ist immer die gleiche: „Es ist unsere Pflicht, Verantwortung für unsere Gesellschaft zu zeigen.“ Frankfurt sei eine vielfältige Stadt, und diese Vielfalt müsse man auch repräsentieren. „Wir sind Teil des Stadtbildes“, sagt sie. Sie lasse sich von keiner Seite einschüchtern. Achrait bezeichnet sich selbst als Weltbürgerin. Sie ist in Casablanca, in Marokko geboren, wo Maria auch für muslimische Mädchen als Vorname verwendet wird. Ihr Vater war als Ortskraft in marokkanischen Konsulaten tätig, so zog die Familie zunächst in die Niederlande. Mit sechs Jahren kam Achrait nach Deutschland. Sie habe sich schon früh engagiert, im Debattierklub ihrer Schule oder bei Aktionen von Amnesty International. Mitglieder der Jusos habe sie kennengelernt, als sie sich für die Model United Nations bewarb. Das sind Planspiele für Studenten, bei denen die Teilnehmer in die Rolle von Delegierten bei den Vereinten Nationen schlüpfen. Das klappte seinerzeit zwar nicht, dafür trat sie 2015 in die SPD ein. Achrait spricht neben Arabisch und Deutsch auch Englisch, Französisch und Italienisch. „Ich liebe Sprachen“, sagt sie. Achrait hat ein Grundstudium Jura mit Schwerpunkt Internationales Recht und Europäisches Recht abgeschlossen. In der Zeit habe sie als Tutorin gearbeitet. Das war der Akademikerin nicht genug, derzeit studiert sie Humanmedizin. Dazu hat sie zwei Jobs. Zum einen ist sie als Werkstudentin die Kommunikationsbeauftragte der SPD im Kreis Groß-Gerau. Zweimal in der Woche gibt sie zudem Sprach- und Integrationskurse für Flüchtlinge in Höchst bei Smart Work. „Wir haben sehr lange Wartelisten“, sagt sie. Die geplanten Kürzungen des Bundes für Freiwillige Integrationskurse erschwerten die Integration der Menschen noch weiter, sagt sie. Bildungsgerechtigkeit und Gesundheitspolitik sind die Themen für ihren Wahlkampf. Damit will sie in den nächsten Wochen die Menschen für sich und ihre Partei überzeugen. „Ich engagiere mich gerne. Ich liebe Frankfurt. Ich bin Frankfurterin durch und durch. Ich lasse mir das nicht kaputt machen“, sagt Achrait.
