FAZ 04.02.2026
11:45 Uhr

Wahlkampf im Kosovo: Ist Osmani Trumps Kandidatin?


Wohl kein Land der Welt ist so proamerikanisch wie das Kosovo. Präsidentin Osmani will mithilfe des Trump-Clans ihre Wiederwahl sichern. Das kann aufgehen - muss aber nicht.

Wahlkampf im Kosovo: Ist Osmani Trumps Kandidatin?

Die kosovarische Präsidentin Vjosa Osmani versucht, durch demonstrative Nähe zur Trump-Familie ihre Wiederwahl als Staatsoberhaupt durchzusetzen. Doch ihr Kalkül könnte misslingen – auch wenn sie durchgesetzt hat, dass das Kosovo zu den Staaten gehörte, die unlängst in Davos Donald Trumps ominösem „Friedensrat“ beitraten. Osmani zeigte sich in der Schweiz stolz an der Seite des amerikanischen Präsidenten und spricht seither von der großen Errungenschaft, die es sei, ihr Land zu einem Gründungsmitglied dieses Gebildes gemacht zu haben. Ihren Vorstoß dazu unternahm sie nach inoffiziellen Informationen aus Pristina ohne Absprache mit dem kosovarischen Regierungschef Albin Kurti. Vielmehr soll es Albaniens Ministerpräsident Edi Rama gewesen sein, der Osmani das Entree zu Trump verschaffte. Rama hat Zugang zur amerikanischen Präsidentenfamilie, weil er Trumps Schwiegersohn Jared Kushner den Zuschlag für ein milliardenschweres Immobilienprojekt an der albanischen Mittelmeerküste gegeben hat. Albaniens Regierungschef kann Kurti, den beliebtesten politischen Führer aller Albaner des Balkans, nicht ausstehen. Deshalb nutzt er jede Chance, Osmani als Kurtis Konkurrentin zu stärken. Sie spielt ihr eigenes Spiel Osmani spielt unterdessen ihr eigenes Spiel. Ihr Mandat als Präsidentin läuft im März aus. Sie strebt eine weitere Amtszeit an und benötigt dazu Rückhalt im kosovarischen Parlament, dessen Abgeordnete das Staatsoberhaupt wählen. Diesen Rückhalt hat sie aber nicht. Es ist ihr in den vergangenen Jahren nicht gelungen, sich im Parlament große Unterstützung zu sichern. Sie wird in Pristina als persönlich schwierig geschildert. Viele enge Mitarbeiter, etwa ihr einstiger Kabinettschef Blerim Vela, haben es nicht lange mit ihr ausgehalten. Als Ersatz für den mangelnden Rückhalt im Inland versucht Osmani seit Wochen, sich als „Trumps Kandidatin“ zu inszenieren. Das Kalkül: Die USA sind im Kosovo, nicht nur durch ihren militärischen Stützpunkt Camp Bondsteel im Süden des Landes, sondern durch die ganze Geschichte des jungen Staates, ein dermaßen wichtiger Faktor, dass dieses Etikett ihr die ansonsten äußerst ungewisse Wiederwahl sichern könnte. Osmani geriere sich gegenüber der Öffentlichkeit sowie den Abgeordneten des Parlaments als Favoritin Trumps und drohe indirekt mit ihren (angeblich) guten Kontakten zu dessen Clan wie mit einer Keule, sagt ein gut vernetzter Gesprächspartner in Pris­tina. Die Drohung laute: „Wenn ihr mich nicht als Präsidentin wiederwählt, habt ihr Ärger mit den USA.“ Ohne die USA gäbe es keinen Staat Kosovo Vor einigen Jahren wäre ein solches Kalkül womöglich aufgegangen. Die kosovarische Verehrung der USA dürfte in der Staatenwelt keine Parallele haben. Das Kosovo ist der proamerikanischste Staat der Welt. Jedes kosovarische Kind weiß, dass erst der amerikanisch geführte Krieg der NATO gegen Serbien 1999 den serbischen Staat aus dem Kosovo vertrieben und die Unterdrückung der Albaner durch Belgrad beendet hat. Die Unabhängigkeitserklärung von 2008 wäre ohne US-Unterstützung nicht möglich gewesen. Proamerikanisch sind die Kosovo-Albaner weiterhin. Doch in erster Linie sind sie eben Kosovo-Albaner. Und man hat im Kosovo natürlich mitbekommen, dass Trumps Washington nicht mehr das von Bill Clinton und George W. Bush ist. Ein Beleg dafür, dass der amerikanische Trumpf nicht mehr unweigerlich sticht, ist Kurtis Erfolg bei der Parlamentswahl im Dezember. Kurtis Partei „Vetëvendosje“ (Selbstbestimmung) erhielt bei dieser Abstimmung, die ohne grobe Unregelmäßigkeiten ablief und deren Ergebnis von der Opposition umstandslos akzeptiert wurde, 51,1 Prozent der Stimmen. Der Triumph ist zwar auch auf die starke Unterstützung für Kurti bei den vielen Auslandskosovaren zurückzuführen, doch diese war nicht allein entscheidend. Erfolg Kurtis trotz Trumps Kritik Bemerkenswert ist die Dominanz von „Vetëvendosje“ auch deshalb, weil die Beziehungen Kurtis zu Trump tatsächlich nicht gut sind. Kurti hatte im US-Wahlkampf unverhohlen Joe Biden unterstützt und 2024 demonstrativ den Parteitag der Demokraten in Chicago besucht. Das war nach Trumps Wahlsieg alles andere als hilfreich für das Kosovo. Im vergangenen September ließ Trump einen geplanten amerikanisch-kosovarischen „strategischen Dialog“ auf unbestimmte Zeit aussetzen. Als Schuldiger wurde in einer Mitteilung der amerikanischen Botschaft in Pristina ausdrücklich Kurti genannt. Dessen „Maßnahmen und Aussagen“ hätten den „über viele Jahre erzielten Fortschritt“ in den Beziehungen zwischen Washington und Pristina „vor Herausforderungen gestellt“. Für die kosovarischen Oppositionsparteien war das eine perfekte Wahlkampfhilfe. Sie warnten in ihren Kampagnen nicht zum ersten Mal davor, Kurti gefährde die Beziehungen des Kosovos zu seiner wichtigsten Schutzmacht. Doch das Wahlresultat zeigt, dass diese Rhetorik im Kosovo nicht mehr wie einst verfängt. Eine absolute Mehrheit der Kosovaren vertraut Kurti, der als persönlich integer und nicht korrupt gilt. Was hat das Kosovo davon, in Trumps „Friedensrat“ zu sitzen? Auch deshalb ist fraglich, ob Osmani mit ihren Manövern Erfolg hat. Die Präsidentin, die in den USA Jura studierte und fließend amerikanisches Englisch spricht, erläuterte unlängst in einem Interview mit der BBC, warum sie Kosovos Mitgliedschaft in Trumps „Friedensrat“ für so wichtig hält. Als das Kosovo noch serbisch besetzt war, hätten die Albaner von den Vereinten Nationen nur Resolutionen erhalten: „Es waren nur ein paar Blatt Papier, es waren Worte – aber null Taten. Erst als die USA kamen, brachten sie die Welt hinter sich zusammen, um uns zu Hilfe zu kommen.“ Für die Kosovaren sei es historisch stets die richtige Entscheidung gewesen, sich den USA anzuschließen: „Wir vertrauen in die Führung der Vereinigten Staaten“, so die Präsidentin. Diese Sicht würden wohl immer noch sehr viele ihrer Landsleute unterschreiben. Unklar und ausweichend blieb Osmani allerdings bei einer anderen Frage. Sie lautete, ob das Kosovo, ein Staat von einst zwei, inzwischen aber nur noch etwa 1,6 Millionen Einwohnern, die von Trump für eine permanente Mitgliedschaft in seinem „Friedensrat“ geforderte Gebühr von einer Milliarde Dollar zahlen werde. Osmanis Vorstoß in Davos stieß im Kosovo auf ein geteiltes Echo. Es gab durchaus auch Verständnis dafür. Das Kosovo kann sich noch weniger als andere kleine Staaten in Europa leisten, Washington vor den Kopf zu stoßen. Ein Abzug der Soldaten aus dem Stützpunkt Bondsteel ist gleichsam die Atombombe der politischen Drohungen in der kosovarischen Politik. „Bondsteel“ wird dort parteiübergreifend als eine Art Lebensversicherung gegen die Gefahr einer Rückkehr des serbischen Staates und der serbischen Armee gesehen. Kurti hat ihm Paroli geboten In Trumps erster Amtszeit, als Kurti sich einem von Trumps damaligem Sonderbeauftragten Richard Grenell eilig zurechtgezimmerten „Friedensdeal“ mit Serbien widersetzte, wurde die Drohung einer Schließung von Bondsteel in Washington bereits einmal ausgesprochen. Kurtis erstes Kabinett, eine Koalition, zerfiel angesichts solcher Drohungen. Und so gibt es Stimmen im Kosovo, die in Osmanis Vorgehen nicht Anbiederung, sondern kluge Realpolitik sehen. Für andere Schritte der Präsidentin und ihrer Umgebung gilt das aber nicht. So stieß ein Vorstoß von Osmanis Ehemann Prindon Sadriu, einem Karrierediplomaten mit beträchtlichem Ehrgeiz, auf viel Spott. Sadriu hatte Trump auf der Plattform X vorgeschlagen, das noch aus jugo­slawischen Zeiten stammende ehemalige „Grand Hotel“ in Pristina, eine vielstöckige Ruine in der Innenstadt, in ein „Trump-Hotel“ umzuwandeln. Peinliches Anbiedern Wurde das noch als Kuriosität oder kleine Peinlichkeit am Rande abgetan, galt das nicht für den Entschluss der Präsidentin, einen großen Empfang zur Pristina-Premiere des Dokumentarfilms „Melania“ über Trumps Ehefrau auszurichten. Der Film sei im Kosovo mit großem Erfolg uraufgeführt worden „und brachte Künstler, Stars sowie Freunde des Kosovo und der USA zusammen, um eine mutige Darstellung der amerikanischen Präsidentenfamilie“ sowie der „außergewöhnlichen, wirkungsvollen Führungsstärke“ Melania Trumps zu erleben. Solche Äußerungen Osmanis wurden von vielen Kosovaren als bestenfalls unnötig kritisiert, von anderen als servil oder rückgratlos. Dazu kam die Frage auf, wie sich eine solche Anbiederung in Zeiten immer neuer Dokumente aus dem „Nachlass“ des Kinderschänders Jeffrey Epstein mit der frauenrechtlichen Agenda der Präsidentin vertrage. Dass auch „Melania“-Regisseur Brett Ratner Umgang mit Epstein hatte und Fotos ihn mit dem gerichtlich verurteilten, inzwischen verstorbenen Verbrecher zeigen, jeweils in Umarmung mit blutjungen Gespielinnen, ist dabei nur ein Detail von vielen. In einem Interview mit der F.A.Z. hatte Osmani im Jahr 2019 gesagt: „Für mich ist es wichtig, am Ende meines Mandats die Botschaft zu hinterlassen, dass kein Mädchen und keine Frau im Kosovo mehr glaubt, sie sei in irgendeiner Art unterlegen. Ich bin sicher, dass die Frauen und Mädchen im Kosovo am Ende meines Mandats wissen, dass es nichts gibt, was sie nicht tun können.“ In ihrem Bemühen um eine weitere Amtszeit demonstriert Osmani dieser Tage in den Augen vieler Kosovaren, dass sie tatsächlich längst alles kann, was Männer können – auch um der politischen Karriere willen rückgratlos sein.