In einem Hochhaus in Yangon betreibt die Partei des früheren Studentenführers Ko Ko Gyi ihre Zentrale. Es gibt gerade keinen Strom, also geht es zu Fuß und im Schein der Handy-Taschenlampe in den neunten Stock hinauf. Hinter einer mit einem Schloss gesicherten Gittertür geht es überaus geschäftig zu. Grund der Aufregung: Zum ersten Mal seit dem Militärputsch am 1. Februar 2021 wird in Myanmar wieder ein Parlament gewählt. Und die People’s Party (PP), die hier in Myanmars größter Stadt ihre Zentrale hat, ist eine von sechs Parteien, die landesweit antreten – ein Umstand, für den sie und ihr Gründer von vielen Demokratieaktivisten als Verräter gesehen wird. Denn wie Menschenrechtler kritisieren, steht der Gewinner dieser „Scheinwahl“ schon lange fest. Einem Sprecher zufolge hat die mit dem Militärregime verbundene Union Solidarity and Development Party (USDP) in den ersten Wahlphasen am 28. Dezember und 11. Januar schon mehr als 80 Prozent der jeweils verfügbaren Sitze erhalten. Die anderen Parteien sind chancenlos, darunter auch die PP, die bisher erst einen einzigen Sitz errungen hat. Daran wird auch die letzte Wahletappe an diesem Sonntag nichts Grundsätzliches ändern. Der Parteichef sitzt in ein weißes Hemd mit Stehkragen gekleidet an seinem Schreibtisch. Ko Ko Gyi erklärt als Erstes, dass der Strom im Haus täglich nur für ein paar Stunden zu bestimmten Zeiten läuft. „Aber wenn sie Bescheid sagen, geben wir dem Wächter Geld, und er macht für den Fahrstuhl den Generator an“, so der Parteichef. Dann erklärt der ehemalige Studentenführer, es sei eine „sehr schwere Entscheidung“ gewesen, an der Wahl teilzunehmen. Auch unter den Parteimitgliedern habe es unterschiedliche Meinungen gegeben. Verhilft er dem Militär zu Legitimität? So hatten sich andere Parteien wie die Nationalliga für Demokratie (NLD) der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi geweigert, sich unter einem von dem Militärregime erlassenen neuen Wahlgesetz für den Urnengang zu registrieren. Sie gehörte zu 40 Parteien, die daraufhin vom Regime aufgelöst wurden. Da außerdem Menschen zur Teilnahme gezwungen werden, bezeichnen Beobachter die Wahl als weder frei noch fair. Ko Ko Gyi verfolgt einen pragmatischeren Kurs. „Wir können keine hundertprozentige Freiheit und Fairness erwarten“, sagt er. Eine Zusammenarbeit mit dem Regime sei „unvermeidlich“. Für viele Demokratieaktivisten verhilft er damit den Putschgenerälen genau zu der Legitimität, die sie durch die Wahl zu erlangen versuchen. Sie lehnen jede Zusammenarbeit mit dem Regime, das fast 8000 Menschen getötet und 30.000 inhaftiert hat, ab. Die PP hat das auch schon auf drastische Weise zu spüren bekommen. Im Dezember war vor dem Hochhaus eine Bombe explodiert. Verletzt wurde niemand. Aber der Sprengsatz, den eine Guerillagruppe gelegt haben will, zerstörte ein großes Wahlplakat der Partei. Der heute 64 Jahre alte Ko Ko Gyi hatte einst der „Generation 88“ angehört, die den Studentenprotest des Jahres 1988 anführte. Das Militär schlug die Demonstrationen mit Gewalt nieder. Damals seien seine Kameraden erschossen worden, viele Menschen seien in der Haft gestorben oder verrückt geworden, erinnert sich Ko Ko Gyi. Trotzdem habe Aung San Suu Kyi bei der Wahl im Jahr 1990 teilgenommen und mehr als 80 Prozent der Sitze gewonnen. „Wir hatten Verständnis für ihre Entscheidung. Auch aus pragmatischen Gründen“, sagt Ko Ko Gyi. Damals wurde das Wahlergebnis vom Militär nicht anerkannt. Im Jahr 2012 hatte die NLD dann wieder an Wahlen teilgenommen. Warum soll seine Partei es nicht genauso halten? Ko Ko Gyi gefällt die Situation auch nicht Dabei räumt er ein, dass die Lage heute nicht mehr die gleiche ist wie vor fast 15 Jahren, als Myanmars Generäle ihren Reformkurs begonnen hatten. Nun tobe in großen Teilen des Landes ein gewalttätiger Konflikt zwischen Militär und bewaffneten Widerstandsgruppen. Die mittlerweile 80 Jahre alte Aung San Suu Kyi befindet sich seit dem Putsch in Haft. Ko Ko Gyi sagt, seine Priorität seien Friedensverhandlungen. Und er setzt auf eine Demokratisierung in kleinen Schritten. Aber dieser Prozess könne zwanzig Jahre oder mehr in Anspruch nehmen könne. Auch ihm gefalle die Situation seit dem Putsch nicht, sagt Ko Ko Gyi. Doch fragt er, was „die bessere Alternative“ sei, als mit dem Regime zu arbeiten. Das klingt so, als habe er nur das Wohl des Landes im Sinn. Aber der Parteichef wird auch von persönlichen Motiven getrieben. Seiner eigenen Rechnung nach verbrachte er 19 Jahre im Gefängnis. Nach seiner Freilassung wollte er bei der Parlamentswahl 2015 für die NLD antreten. Doch sein Name fand sich nicht auf der Kandidatenliste. Er wandte sich enttäuscht ab und gründete seine eigene Partei. Danach fiel er etwa dadurch auf, dass er den muslimischen Rohingya, die in Myanmar blutiger Verfolgung ausgesetzt sind, das Recht auf Staatsbürgerschaft absprach. Die Menschen kaufen ihm aber offenbar auch seinen jetzigen Kurs nicht ab. Bei der letzten Wahl im Jahr 2020 erreichte seine Partei nur etwas mehr als zwei Prozent der Stimmen. Vor zwei Jahren ließ sich Ko Ko Gyi auch noch vom Regime zum Abendessen einladen und schüttelte dem Machthaber Min Aung Hlaing die Hand. Dabei gehen er und seine Parteifreunde mit der Teilnahme an der „Wahl“ auch ein Risiko ein. Die PP schwebt in Gefahr, den Ärger der Militärdiktatur auf sich zu ziehen. Einer seiner PP-Kandidaten wird strafrechtlich verfolgt, weil er die Demonstrationen gegen den Putsch 2021 als „Revolution“ bezeichnet hatte. Das Gebiet Lanmadaw im Zentrum Yangons, in dem Ko Ko Gyi für einen Abgeordnetensitz kandidiert, wird erst an diesem Sonntag an die Urnen treten. Große Chancen werden ihm nicht eingeräumt. Aber er und seine Parteifreunde, die sich am Ende des Gesprächs an einem Tisch zum Mittagessen versammelt haben, machen trotzdem weiter. Ob sein pragmatischer Kurs mehr erreichen kann als der bewaffnete Widerstand der Oppositionsgruppen, ist fraglich. Diese haben dazu aufgerufen, nicht an dieser „Wahl-Farce“ teilzunehmen. Ko Ko Gyi sieht auch diese Boykottaufrufe kritisch. Dadurch würden genau die Wählerschichten abgehalten, die „demokratische“ Parteien wie seine People’s Party bevorzugten.
