Der schlichte Saal in einem Gemeindezentrum des Stadtteils Setagaya in Tokio füllt sich schnell. Die Sitzreihen sind schon voll, doch es drängen sich immer mehr Besucher entlang der sperrholzvertäfelten Wände, bis vielleicht 300 Leute da sind. Der örtliche Spitzenkandidat der Liberaldemokratischen Partei (LDP), Kenji Wakamiya, hat zu einem Wahlkampfabend geladen. Dafür bekommt er Unterstützung von einem der Stars der Regierung von Ministerpräsidentin Sanae Takaichi: die Finanzministerin Satsuki Katayama. Sie ist die erste Frau in ihrem Amt und als Möglichmacherin all der Wohltaten, mit denen die Regierung ihre Wähler beglücken will, ständig in den Nachrichten zu sehen. Kandidat Wakamiya ist selbst ein altes Schlachtross der LDP. Im Jahr 2005 wurde er erstmals ins Parlament gewählt und war schon Verbraucherschutzminister, Staatssekretär im Außenministerium, im Verteidigungsministerium und im Sicherheitskabinett. Doch in der bislang letzten Unterhauswahl vor eineinhalb Jahren musste er sich den Kandidaten der Opposition geschlagen geben und seinen Sitz im Parlament aufgeben – wie so viele seiner Parteifreunde. Eine Schande sei es, ruft Finanzministerin Katayama dem Publikum zu, dass ein so erfahrener Politiker nicht mehr im Parlament sitze. Gerade jetzt brauche Japan Männer wie ihn, sagt sie und verweist vor allem auf seine langjährige Erfahrung in Verteidigungsfragen. „Seit Russland in die Ukraine eingefallen ist, leben wir in einer neuen Weltordnung“, sagt die 66 Jahre alte Politikerin, die an diesem Abend einen rosafarbenen Blazer über dem roten Pulli trägt und konstatiert: „Japan muss eine zentrale Rolle spielen in dieser Welt.“ Die Beziehungen zu China haben sich verschlechtert Damit ist der Ton gesetzt: Die LDP will ihre Macht zurück, und eines ihrer Hauptargumente ist, dass nur die konservative Partei Japan in dieser unruhigen Welt wieder stark machen könne. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat die LDP fast durchgehend die Regierung in Japan gestellt. Doch in den vergangenen beiden Wahlen hat sie sowohl im Unterhaus als auch im Oberhaus ihre Mehrheit verloren. Takaichi muss, seit sie im Oktober den Spitzenposten von ihrem glücklosen Vorgänger übernommen hat, in beiden Kammern mit einer Minderheit regieren. Mit der kurzfristig für den 8. Februar einberufenen Neuwahl will sie nun ein klares Mandat der Wähler erlangen für die großen politischen Schritte, die sie für notwendig hält. Japans Stellung in der Welt, und insbesondere in Asien, spielt dabei eine zentrale Rolle. Die Sorge ist groß, dass das Land in einer Welt der Großmächte zu deren Spielball werden könnte. Takaichi versucht daher vieles, um sich als klare Partnerin von US-Präsident Donald Trump zu positionieren. Dessen Besuch in Tokio im vergangenen Herbst konnte sie mit viel Charme, einem Mitflug in dessen Helikopter Marine 1 und einem gemeinsamen Fototermin auf einem in Japan stationierten amerikanischen Flugzeugträger als diplomatischen Erfolg verbuchen. Ihren Gegenbesuch in Washington plant sie nun für März – also vor einer möglichen Reise Trumps zu Chinas Staatspräsident Xi Jinping. Die Beziehungen Tokios zu Peking haben sich indes deutlich verschlechtert, seit die langjährige Taiwan-Unterstützerin Takaichi im November andeutete, dass Japan militärisch eingreifen könnte, wenn China die autonom und demokratisch regierte, nur 100 Kilometer von Japan entfernte Insel unter seine Kontrolle bringen wollte. Im Wahlkampf führte Takaichi die Notwendigkeit eines Eingreifens noch weiter aus und betonte dabei die enge Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten: „Wenn nun das US-Militär, gemeinsam mit uns handelnd, angegriffen wird und Japan nichts unternimmt und sich zurückzieht, würde die japanisch-amerikanische Allianz zusammenbrechen“, sagte die Ministerpräsidentin in einer Fernsehdebatte. Japan und Südkorea nähern sich an Jenseits des Konflikts mit China versucht Takaichi, enge Bande zu anderen westlichen Mittelmächten zu knüpfen. In den vergangenen zwei Wochen waren Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und Großbritanniens Premierminister Keir Starmer in Tokio, mit denen sie eine engere Zusammenarbeit in der wirtschaftlichen Absicherung vereinbarte. Als der südkoreanische Präsident Lee Jae-myung bei einem Besuch in Japan war, lud die frühere Heavy-Metal-Schlagzeugerin Takaichi ihn sogar zu einem spontanen Schlagzeugduett ein, das in den Medien große Aufmerksamkeit erregte. Trotz ihrer schwierigen Geschichte und Rivalitäten, so das Signal, halten die beiden Demokratien in Fernost heute eng zusammen. Finanzministerin Katayama sieht Takaichi auf einem guten Weg, Japans Beziehungen sowohl zu Trump als auch zu Xi zu stärken, wie sie auf dem Wahlkampfabend in Setagaya erklärt. „Diplomatie und Verteidigung, das ist, was jetzt zählt“, findet sie. Das kommt an beim Publikum. „Der Krieg steht vor unseren Türen. Es ist selbstverständlich, dass wir mehr Waffen brauchen“, sagt etwa die 72 Jahre alte Keiko Miyazaki, eine elegante Dame mit kastanienbraun getönten Haaren, Goldschmuck und blauem Strickpulli, die nach der Veranstaltung dem Kandidaten Wakamiya viel Erfolg für die Wahl wünscht. „Wir müssen an Japan denken. Wir brauchen Fachmänner wie Wakamiya im Parlament. Nicht irgendwelche Leute, die gerade erst in die Politik einsteigen“, sagt sie. Mit dieser Meinung ist Miyazaki offenbar in guter Gesellschaft. Nach den schwachen Ergebnissen für die LDP bei den vergangenen Wahlen sprechen die jüngsten Umfrage der japanischen Medien dafür, dass die ewige Regierungspartei am Sonntag die absolute Mehrheit im Unterhaus zurückerobern könnte. Bleibt Takaichi in der noch jungen Koalition mit der vor allem im Raum Osaka starken Innovationspartei JIP, könnte es sogar für eine Zweidrittelmehrheit reichen. Damit ginge Takaichis Taktik auf, die in Tokio mancher mit einem Damengambit im Schach vergleicht – also einer Eröffnung, die die Dame in eine starke Position bringen soll. Die Opposition liegt in den Umfragen hinten Die Opposition hat die Ministerpräsidentin mit ihrer kurzfristig anberaumten Neuwahl überrumpelt. Geradezu hektisch haben die größte Oppositionspartei, die Konstitutionellen Demokraten, und der langjährige, aber von Takaichi im Herbst verprellte Koalitionspartner der LDP, Komeito, sich zu einer neuen Partei zusammengetan. Die Zentristische Reformallianz unter Führung des früheren Ministerpräsidenten Yoshihiko Noda will der weit rechts stehenden Takaichi Paroli bieten. Doch dem neuen Bündnis fehlt das Profil, die Umfragen sagen herbe Verluste voraus. Die neue rechtspopulistische Partei Sanseito, die unter dem Slogan „Japaner zuerst“ im Internet groß geworden ist, dürfte zwar weiter an Zuspruch gewinnen, der Regierungskoalition aber kaum gefährlich werden. Ein großer Unsicherheitsfaktor bei der Wahl ist das Wetter. Denn erstmals seit mehr als zwanzig Jahren sollen die Japaner nun im Winter an die Urnen gehen. Weite Teile des Landes werden aber seit Tagen von heftigen Schneefällen überzogen, was den Wahlkampf erschwert und auch die Wahl selbst behindern könnte. Auch dass die Wahlkampfveranstaltung von Wakamiya und Katayama in Tokio in einem Innenraum statt auf der Straße stattfindet, ist ungewöhnlich. Viele Besucher haben ihre dicken Daunenjacken an, obwohl sich der Raum schnell aufheizt. Der Stimmung tut das auf jeden Fall keinen Abbruch. Zum Schluss stehen alle auf, recken die Arme in die Höhe und rufen: „Katsudo!“ Das bedeutet so viel wie: „Auf geht’s!“
