FAZ 27.01.2026
16:58 Uhr

Wahl in Baden-Württemberg: Warum Özdemir auf Boris Palmer setzt


Der Spitzenkandidat der Grünen will in Baden-Württemberg im Wahlkampf aufholen. Dafür holt Özdemir sich Unterstützung – vom ehemaligen Grünen Boris Palmer.

Wahl in Baden-Württemberg: Warum Özdemir auf Boris Palmer setzt

Wenn die Bürger in Baden-Württemberg den Ministerpräsidenten direkt wählen könnten, dann würden sie sich für grüne Politiker entscheiden. Das ist ein Umstand, der die Landtagswahl am 8. März trotz eines stabilen Vorsprungs der CDU in den Umfragen noch spannend machen könnte. In einer von der „Schwäbischen Zeitung“ im Oktober herausgegebenen Umfrage sagten 29 Prozent der befragten Bürger, sie würden den Grünen Cem Özdemir direkt wählen, und 25 Prozent gaben an, sie würden den Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer wählen. Nur neun Prozent wollten den CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel direkt zum Regierungschef wählen. In einer am Dienstag im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur veröffentlichten Yougov-Umfrage sprachen sich 39 Prozent der Befragten dafür aus, Palmer ins Kabinett der nächsten Landesregierung zu berufen. Der 53 Jahre alte Politiker ist zwar formal nicht mehr Mitglied der Grünen Partei, gefühlt ist er aber weiterhin der härteste Realo, den der baden-württembergische Landesverband jemals hervorgebracht hat. Palmer selbst spricht jetzt manchmal davon, dass von den „Realo-Taliban“ die Zukunft der grünen Partei abhänge. Und für den 60 Jahre alten Özdemir – die beiden sind seit Jahrzehnten befreundet – gehört der erfolgreiche Oberbürgermeister ganz selbstverständlich weiterhin zur grünen Großfamilie. Für den grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann war Palmer einige Jahre lang der ideale Wunschnachfolger, bis sich der Oberbürgermeister durch seine Aussagen zum Wokismus und durch seine Kritik an der grünen Migrationspolitik selbst aus dem Rennen nahm. Ein bekannter Pragmatiker Lange Zeit ist darüber spekuliert worden, ob der grüne Spitzenkandidat Özdemir Palmer nicht zumindest hilfsweise in sein Team holen würde. Denn Palmer hat in den konservativen ländlichen Regionen nochmal eine andere Fangemeinde als Özdemir. Und wenn Palmer es trotz seines Austritts bei den Grünen mal wieder zu Markus Lanz in die Sendung schafft, dann steckt er so manchen Bundesminister in die Tasche – was daran liegt, dass Palmer kein Freund des Hin-und-Her-Lamentierens ist, sondern ein Pragmatiker. Nun sind es noch sechs Wochen bis zur Wahl und Cem Özdemir und Boris Palmer stehen in einem Solarpark in Tübingen. Es handelt sich um die größte Solarthermie-Anlage in Deutschland. Die mit der Anlage gewonnene Wärme ermöglicht es, dass in großen Teilen der Tübinger Innenstadt im Sommer kein Gas mehr verbraucht werden muss. Die Anlage wurde produziert von einer Tochterfirma des Schokoladenherstellers Ritter-Sport, sie ist somit ein Vorbild für Öko-Hightech aus dem Südwesten. Özdemir lässt sich die Vorzüge der Anlage zeigen; Palmer sagt: „Ich bin hier nur als Oberbürgermeister und sonst nichts, aber die Firma Ritter kann Aufträge gebrauchen.“ Die Anlage produziert für 400 Einfamilienhäuser Wärme, samt Pufferspeicher hat sie 15 Millionen Euro gekostet. Demnächst werden die Stadtwerke noch eine Großflusswärmepumpe bauen und für die Photovoltaikanlage an der Abzweigung zur B27 einen Speicher. „Es ist schon gut, wenn der Hagel nicht zu groß wird“ Palmer nutzt den Termin, um für die künftige Regierung und den künftigen Ministerpräsidenten, der nach seinen Vorstellungen Özdemir heißen soll, einige Aufgaben zu formulieren: Die Städte müssten künftig für ihre Stadtwerke wieder bürgen können, damit weiter in die Wärmewende investiert werde. Es müsse ein „Landesohrengesetz“ geben, damit an den Abfahrten von Bundesstraßen – den „Ohren“ – schneller Solaranlagen gebaut werden können. Für den Bau von Wärmenetzen und Solaranlagen müssten die Genehmigungen vereinfacht werden. Acht Jahre Planung und acht Monate Bauzeit – das sei kein gutes Verhältnis. Özdemir schaut sich die Solarthermie-Glaszylinder an. „Was passiert, wenn es hagelt?“, fragt er den Mitarbeiter der Stadtwerke. Der sagt, die Hagelkörner dürften nicht zu groß sein. „Es ist schon gut, wenn der Hagel nicht zu groß wird“, sagt Özdemir mit Blick auf seinen CDU-Konkurrenten um das Ministerpräsidentenamt. Es geht an diesem Vormittag eben doch nicht nur um Kommunalpolitik. Im Café Lieb in Lustnau wird Özdemir später gefragt, ob er sich Palmer als Kabinettsmitglied wünsche. „Aktuell stellt sich die Frage nicht“, sagt er. Wer sich selbst ins Gespräch bringe, den berufe er nicht. Das würde Palmer ohnehin nicht tun. Aber er bekundet Interesse, irgendwann wieder ein richtiges grünes Familienmitglied zu werden, wenn die Partei den Realo-Flügel stärke. Man habe es kürzlich sogar geschafft, den Mitgründer der Partei, Wolf-Dieter Hasenclever, wieder „zu integrieren“. Hasenclever war einige Jahre FDP-Mitglied. Özdemir sagt, Palmer sei ein „wichtiger Ratgeber“ und „Sparringspartner“. Bis zum 8. März werde es weitere Termine mit ihm geben.