Die Universitätsstadt Freiburg ist Symbol des Aufstiegs der Grünen zur Regierungspartei. 2002 eroberten sie zum ersten Mal das Rathaus in der südlichsten Großstadt Deutschlands. Danach ging es lange Zeit immer bergauf. Solarhauptstadt, „Green City“, badisches Lebensgefühl, behütete Behaglichkeit – über Jahrzehnte fuhren die Grünen in der Stadt mit ihre besten Wahlergebnisse ein. Jetzt will die Linkspartei, dass aus dem grünen das rote Freiburg wird: Im Landtagswahlkampf konzentriert sich die Partei auf das linke Milieu in den Universitätsstädten, in Freiburg will sie das erste Direktmandat in einem westdeutschen Bundesland im Süden erlangen. Da die Linken in Meinungsumfragen konstant bei sieben Prozent liegen, ist es wahrscheinlich, dass sie nach der Wahl am 8. März erstmals in den baden-württembergischen Landtag einziehen. 2021 gewannen die Grünen die Landtagswahlkreise Freiburg I, Freiburg II und Breisgau direkt. Den urban geprägten Wahlkreis Freiburg II soll für die Linke nun die Gewerkschafterin Sarah Schnitzler gewinnen. Wie das gehen soll, sieht man im Stadtteil Stühlinger. An den Laternenpfählen hängen die Plakate der Grünen und der Linkspartei: oben das Bild der grünen Kandidatin Nadyne Saint-Cast mit dem Slogan „Özdemir, der kann es“. Darunter der Appell der Linken: „Mieten runter – ohne Ausrede“. Das zuverlässigste Mittel – vor allem, wenn bei winterlichen Temperaturen gewählt wird – ist immer noch der Haustürwahlkampf, vor allem in den Hochburgen der Parteien. In Freiburg sind das für die Grünen die Wiehre oder der Vauban, wo die grüne Bundestagskandidatin 57 Prozent der Erststimmen bekam. Die Linke geht in Quartiere mit sozialen Problemen, in denen früher die SPD stark war. Die 47 Jahre alte Nadyne Saint-Cast, die seit 2021 als direkt gewählte Abgeordnete im Landtag sitzt und zuvor viele Jahre dem Freiburger Gemeinderat angehörte, trifft sich am frühen Nachmittag mit ihren Wahlhelfern am Lederleplatz. Der Kreisvorsitzende Carsten Drecoll holt das Handy raus und schaut auf die grüne Wahlkampf-App. Sie zeigt nicht nur an, wo noch Plakate fehlen, sondern auch, wo im letzten Wahlkampf Haustüren geöffnet wurden und wo sie verschlossen blieben. Die Wahlkämpfer wissen also, wo es sich lohnt, zu klingeln. Laut App ist die Guntramstraße ein Fokusgebiet mit maximalem Potential für die Grünen. In der Straße haben auffallend viele Psychotherapeuten ihre Praxen, zudem gibt es den Biometzger Hügle und einen veganen arabischen Partyservice. Zwei Teams werden gebildet und schwärmen aus. Nach der Datenanalyse leben hier Menschen, denen eine offene Gesellschaft und der Grundwert Solidarität wichtig sind. Im Vergleich zur App der Linkspartei ist die grüne App mit wesentlich mehr Daten über die Wahlbezirke gefüttert. Die Grünen-Kandidatin Nadyne Saint-Cast beobachtet den starken Zulauf für die Linkspartei in Freiburg schon länger. Sie weiß, dass die Themen Mietwucher, soziale Gerechtigkeit und Aufrüstung einige Wähler zu den Linken treiben werden. Zum Themenkomplex Frieden und Rüstung hat sie kürzlich eine Veranstaltung mit Anton Hofreiter gemacht. Ricarda Lang unterstützt im Wahlkampf Viele Jungwähler interessieren sich für die Linkspartei wegen deren antifaschistischer Haltung, gerade Studenten haben den Grünen ihr Zehn-Punkte-Programm zur Migration und die Aussagen von Robert Habeck über Schwarz-Grün verübelt, nachdem die CDU im Bundestag gemeinsam mit der AfD abgestimmt hatte. Wegen des Problems am linken Rand sind die Strategen im Team des grünen Spitzenkandidaten Cem Özdemir froh, dass die frühere Bundesvorsitzende Ricarda Lang in den Universitätsstädten einige Veranstaltungen übernimmt. Bei der vergangenen Landtagswahl bekam Saint-Cast rund 40 Prozent der Erststimmen, die damalige Linken-Kandidatin rund elf Prozent. Bei der Bundestagswahl verlor die grüne Bundestagsabgeordnete Chantal Kopf leicht, erreichte aber mit knapp 27 Prozent das zweitbeste Zweitstimmenergebnis. Die Linke legte um fast neun Prozentpunkte zu und kam auf knapp 14 Prozent der Zweitstimmen. 700.000 Stimmen erhielt die Partei von Wählern, die zuvor für die Grünen gestimmt hatten. Den Erfolg bei der Bundestagswahl hatten die Linken zu einem großen Teil Social Media zu verdanken. Heidi Reichinnek hatte zu ihren besten Zeiten mehr Follower als Robert Habeck oder Christian Lindner, der Reichinnek-Faktor soll das Ergebnis um drei Prozentpunkte gesteigert haben. Mit der Onlineplattform „Einhornfabrik“, schreibt der Autor Daniel Bax in seinem jüngsten Buch über die Linkspartei, habe die Partei eine „digitale Reservearmee“ aufgebaut. Das hilft ihr nun auch in den Landtagswahlkämpfen. Nadyne Saint-Cast klingelt gegenüber der Metzgerei. Eine Frau öffnet die Tür, sie will gar nicht lange reden, ist aber sofort damit einverstanden, dass die Politikerin Flyer in die Briefkästen steckt. „Mach das“, sagt sie und verlässt mit ihrem Hund das Haus. Im Nachbarhaus öffnet ein Mann die Tür zu seinen Büroräumen im Erdgeschoss. Der 66 Jahre alte Diplomingenieur nimmt von Saint-Cast den dunkelgrünen Flyer an und sagt: „Ihr möchtet auch etwas schwarz sein, ja klar, verstehe ich.“ Er habe sich ohnehin schon entschieden, wieder die Grünen zu wählen, schon weil die Bundesregierung viele richtige Entscheidungen der Ampelregierung jetzt abwickeln wolle. „Ich höre, dass hier im Viertel viele sagen, es muss mehr Geld für die Pflege und für die sozial Schwachen ausgegeben werden. Wie das bezahlt werden soll, das wird dann aber von denen, die vielleicht die Linkspartei wählen, nicht so hinterfragt“, sagt er. Mit der Kandidatin entwickelt sich ein kurzes Gespräch. „Das Thema soziale Gerechtigkeit haben die Linken durch ihre radikale Haltung klar besetzt“, sagt Saint-Cast. „Wir stehen für Ökologie und soziale Gerechtigkeit – wer beides haben will, muss uns wählen. SPD zu wählen, macht bei dieser Lage und Polarisierung und der Zuspitzung mit der Linken für viele Bürger offenbar keinen Sinn mehr.“ Nach einer guten Stunde treffen sich die Wahlkampfteams wieder auf der Straße. „Mir hat gerade einer gesagt, dass er die Abstimmung über Mercosur im Europaparlament echt schlecht fand, dass er aber trotzdem den Cem wählen will“, sagt ein Wahlkampfhelfer. Trotz einer gewissen Verunsicherung bei den Stammwählern scheint die starke Fokussierung auf den Spitzenkandidaten und ehemaligen Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir im Stühlinger zu wirken. Die Grünen schicken zur Ansprache der Jung- und Erstwähler die frühere Bundesvorsitzende Ricarda Lang nach Heidelberg, Freiburg und Tübingen. Die Stimmen dieser Wähler könnten am Ende entscheidend sein, die Provokationen der Linken wollen die Grünen eher abperlen lassen, sie wollen sich von ihrem staatstragenden und argumentativen Still nicht abbringen lassen. Eine stärkere Präsens in den Unistädten, Social Media und der Hinweis, dass eine Stimme für die Linken am Ende zu einem CDU-Ministerpräsidenten führen werde, sollen helfen, den radikalen Angriff von links abzuwehren. Lang will bei einer Party in Ulm sogar mal als DJane für Jung- und Erstwähler auflegen. Die Strategie der Linken Die Linke fährt im Wahlkampf eine mehrgleisige Strategie: Sie setzt auf größtmögliche linkspopulistische Polarisierung, tritt zugleich als Fürsorgepartei auf, die Nachbarschaftsküchen organisiert, und feiert die Bundestagsfraktionsvorsitzende Heidi Reichinnek wie einen Popstar. Mit Punkrock und Ghettosprache – das F-Wort fällt in fast jedem fünften Satz – will man sich besonders volksnah geben. Ihre Haustürwahlkampf-Aktionswoche in Freiburg startet die Partei in dieser Woche mit mehr als hundert Wahlkampfhelfern, einige sollen aus Ostfriesland und Bayern angereist sein. 55.000 Haustürgespräche sind geplant. Nach dem Austritt von Sahra Wagenknecht 2023 und dem Wiedereinzug der Linken in den Bundestag verzeichnete der Kreisverband in Freiburg einen nie da gewesenen Zuwachs: Bis Ende 2024 vervierfachte sich die Zahl der Mitglieder auf knapp 1200. Der baden-württembergische Landesverband gehört zu den linkeren in den westlichen Bundesländern, der Freiburger Kreisverband gilt innerhalb der Partei als sehr links. Die alte Riege aus gewerkschaftsnahen Kadern ist von einer radikal-kapitalismuskritischen Führung abgelöst worden. Die Kandidatin Sarah Schnitzler, die direkt und ohne sicheren Listenplatz im Wahlkreis Freiburg II antritt, sieht sich als Klassenkämpferin. Schnitzler wuchs in Dormagen in Nordrhein-Westfalen als Tochter einer alleinerziehenden Mutter in ärmlichen und beengten Verhältnissen auf. 2006 zog sie nach Freiburg, machte eine Ausbildung in einer Softwarefirma, gründete einen Betriebsrat und wurde nach ihrem Abschluss offenbar aus diesem Grund nicht übernommen. Damit war der politische Weg der heute 37 Jahre alten Frau vorgezeichnet. Schnitzler nennt die Politik der grün-schwarzen Landesregierung „menschenverachtend“, die Leute seien „am Arsch“, weil sie sich das Leben nicht mehr leisten könnten. Eine „Klassenfrage“ Auf einem Podium der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Ende Januar in Freiburg fasste sie die Probleme junger Menschen folgendermaßen zusammen: Erst würden sie durch das miserable Schulsystem um ihre Chancen gebracht, dann von Jugendoffizieren der Bundeswehr in den Schulen fürs Militär angeworben und schließlich an der Front verheizt. Ein Politikerin der CDU verließ daraufhin die Veranstaltung. Die Mietproblematik ist für Schnitzler eine „Klassenfrage“: Die Mieter müssten sich als „Klasse“ formieren, um gemeinsam gegen die Wohnungskonzerne für ihre Interessen zu kämpfen. 1200 Euro Miete für eine Zweizimmerwohnung seien ein Skandal. „Die Leute können sich das Leben nicht mehr leisten“, sagt sie. Die Politik der grün-schwarzen Regierung gehe an der Lebensrealität der Menschen vorbei. „Aus unseren Haustürgesprächen wissen wir, wie es den Menschen geht. Auch im bürgerlichen Milieu ist das Leben nicht mehr bezahlbar. Die Grünen haben ihre rebellische Zeit hinter sich“, sagt Schnitzler. Taktisch konzentriert sich die Linkspartei beim Haustürwahlkampf in Freiburg auf die Stadtteile und Wahlbezirke, in denen ihre Strategen die soziale Lage als prekär einschätzen. Das sind Weingarten, Haslach und Landwasser. An einem nebligen Wintermorgen hat sich Sarah Schnitzler vorgenommen, in Landwasser ein saniertes Mietshaus zusammen mit einem Wahlkampfhelfer abzuklappern. Auf den Leuchtwesten der beiden steht: „Niemals allein – immer gemeinsam“. An der ersten Haustür werden sie sofort abgewiesen, für Politik interessiere sie sich nicht, sagt eine ältere Dame, sie habe private Probleme. Schnell ist die Wohnungstür wieder zu. Schnitzler versucht es im ersten Stock. Ein bärtiger Mann Mitte fünfzig öffnet. Das Gespräch beginnt mit einem Missverständnis. „Was beschäftigt Sie gerade politisch?“, fragt Schnitzler. Der Mann antwortet: „Ich bin bei einer Spedition beschäftigt.“ Schnitzler fragt nach: „Aber was würden Sie gern ändern, leiden Sie nicht auch unter zu hohen Mietnebenkosten?“ Der Mann ist etwas verdutzt: „Nein, wir sind zufrieden, ich bekomme jedes Jahr 100 bis 200 Euro zurück.“ Und die Miete sei mit 800 Euro in Ordnung. Landwasser ist ein Mitte der Sechzigerjahre gebauter Stadtteil mit vielen Hochhaussiedlungen. Das führt bis heute zu einer höheren Dichte sozialer Probleme. Schnitzler unternimmt einen weiteren Versuch und klingelt ein Stockwerk höher bei einem Rentner. „Ich würde gern wissen, welche Probleme Sie haben“, sagt sie. „Das ist so viel, das kann keine Partei lösen“, antwortet der Mann, er fühle sich wegen der Migration nicht mehr wohl. Schnitzler spricht kurz das Thema Vermögensteuer an und sagt dann zum Abschied: „Migration ist für uns kein Problem.“ Ganz einfach ist der Haustürwahlkampf für die Linke offensichtlich nicht. Am Abend tritt Heidi Reichinnek in der Freiburger Messehalle auf. Ihre Anhänger feiern mit ihrem Idol eher eine Party als eine Kundgebung. Die Moderatoren tun so, als ob der Wahlkreis schon gewonnen wäre: „Das nächste Mal füllen wir das Europa-Stadion!“ Das jugendliche Publikum johlt, Reichinnek wedelt mit den tätowierten Armen und langt verbal krass zu. Sie wettert gegen die „Überreichen“, die jetzt regierenden Parteien in Baden-Württemberg würden ja nur ihre reichen Freunde vertreten. „Lasst euch von niemandem erzählen, dass wir irgendwas nicht bezahlen können. Diese Scheiße lassen wir uns nicht mehr einreden, sondern wir sagen laut und deutlich: Wir können alles, wenn wir wollen.“ Die Bedrohung durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine kommt in ihrer Rede nicht vor, stattdessen wird suggeriert, es gebe einen militärischen Zwangsdienst. Bei den jungen Freiburgern kommt das an. Mila, eine Frau Anfang 20, sagt: „Die Linke ist die einzige Partei, die unsere Mieten runterbringt und die sich für bessere Ausbildungsbedingungen einsetzt.“ Reichinnek findet sie gut, aber sie sei trotz der Performance in der Messehalle nicht „personenkulttechnisch“ unterwegs. Ein 30 Jahre alter Mann sagt: „Der Rechtsruck heißt, dass wir uns solidarisieren müssen.“ Die Grünen hätten eine Reihe von Fehlern gemacht. Am Ende ruft die Moderatorin von der Bühne: „Niemals allein!“, aus der aufgeputschten Menge schallt es zurück: „Immer gemeinsam!“
