FAZ 02.12.2025
16:03 Uhr

Wagner-Aus in Augsburg: Aufs falsche Pferd gesetzt


Trainer Sandro Wagner scheitert beim FC Augsburg. Der Fall steht stellvertretend für die Personalfindung einer Branche, in der noch zu oft geglaubt wird, dass alles, was glänzt, auch Gold ist.

Wagner-Aus in Augsburg: Aufs falsche Pferd gesetzt

Als der Fußballtrainer Christian Streich aus dem, wie er das gerne sagte, „kleinen“ SC Freiburg einen Klub gemacht hat, der den größeren deutschen Klubs plötzlich sogar die Champions-League-Plätze streitig machte, hat er das Land verzückt, aber die Liga ein bisschen verdorben. Weil manche Manager mancher kleineren Klubs sich daraufhin nur noch einen Trainer davon entfernt sahen, kein kleinerer Klub mehr zu sein. Und weil diese dabei übersahen, dass die Freiburger wegen ihres Standortvorteils (eine reiche Region mit keinem Bundesligaklub in der direkten Nähe, mit dem man um Sponsoren und Nachwuchsspieler konkurriert) längst nicht mehr so klein waren, wie sie sich selbst machten. Der FC Augsburg ist einer dieser kleineren Klubs. Er spielt schon seit der Saison 2011/12 in der Bundesliga, aber aus den neuesten Finanzkennzahlen der Deutschen Fußball Liga (DFL) geht hervor, dass im Geschäftsjahr 2024 nur drei Klubs weniger Geld für Personal ausgegeben haben als Augsburg. Dort glaubte der Geschäftsführer Michael Ströll trotzdem, dass sein Klub mehr kann als den zwölften Tabellenplatz, den das Team in der vergangenen Saison erreichte. Und stellte einen Trainer ein, der in Pressekonferenzen so redete, als wäre das Team nun bereit für einen Top-Ten-Platz – also nicht in der Bundesliga, sondern in der Champions League. „Das hat er bei seinen bisherigen Stationen unter Beweis gestellt“ Als der Klub im Mai die Verpflichtung von Sandro Wagner verkündete, sagte Ströll: „Bei seinen bisherigen Stationen hat er bereits unter Beweis gestellt, dass er Mannschaften besser machen und Spieler entwickeln kann.“ Schon damals konnte man sich fragen, wo und wie er das unter Beweis gestellt hat. Als Trainer der Spielvereinigung Unterhaching in der Regionalliga? Als Assistent der U20-Nationalmannschaft? Als Assistent der A-Nationalmannschaft? Am Montag hat der FC Augsburg Sandro Wagner nun schon wieder freigestellt – nachdem das Team auf den vierzehnten Tabellenplatz abgerutscht war. Der Geschäftsführer Michael Ströll hat überschätzt, was der neue Trainer kann, und unterschätzt, was der alte Trainer konnte. Der Däne Jess Thorup hat mit der Mannschaft in 61 Bundesligaspielen 77 Punkte gesammelt. Das sind 1,26 Punkte pro Spiel – mehr als jeder andere Trainer des FC Augsburg seit dem Aufstieg in die Bundesliga im Jahr 2011 geschafft hat. Sein wenig spektakulärer „Defense first“-Ansatz erinnerte stilistisch an die Spielweise der Streich-Mannschaften in Freiburg. Nur hat Thorup hinterher nicht noch ein Demokratie-Referat gehalten. Es sollte nun aber nicht die Lektion des Falls Sandro Wagners sein, dass ein Manager nicht mehr ins Risiko geht, wenn er glaubt, dass er seinen Klub damit auf ein neues Level bringen kann. Im August 2009 hat Christian Heidel fünf Tage vor dem Start der Bundesligasaison den Trainer Jørn Andersen freigestellt und durch den A-Jugend-Trainer Thomas Tuchel ersetzt. Das war eine Fach- und damit anders als in Augsburg keine Modeentscheidung. Denn spätestens seit den Erfolgen von Xabi Alonso und Vincent Kompany herrscht auch in Deutschland eine Goldgräberstimmung. Immer mehr Klubs interessieren sich für Trainer, die auf dem höchsten Niveau gespielt haben sollen, aber nicht auf dem höchsten Niveau gecoacht haben müssen. So wie Sandro Wagner. Es ist noch nicht ausgeschlossen, dass er ein guter Bundesligatrainer werden wird. Dass der FC Augsburg aber dachte, dass er schon einer ist, steht stellvertretend für die Personalfindung einer Branche, in der noch zu oft geglaubt wird, dass jeder, der sich glänzend gibt, auch andere zum Glänzen bringen kann.