Für den Besuch in Deutschland hatte Ahmed al-Scharaa keine Zeit. Zu schnell hatte sich nach Angaben aus der Führung in Damaskus die Lage im Nordosten Syriens geändert, wo die Streitkräfte vorrückten und die kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) weiter und weiter zurückdrängten. Schon am Nachmittag hatte Damaskus signalisiert, die Reise müsse womöglich verschoben werden. Am Abend wurde dann bekannt, dass ein Waffenstillstand geschlossen wurde, dessen Dokument eher wie eine Kapitulation anmutet. Sollte es buchstabengetreu in die Tat umgesetzt werden, bedeutete es die Auflösung der SDF und das Ende der kurdischen Autonomieregierung. Die SDF-Milizionäre sollen „auf individueller Basis“ und nach einer Sicherheitsüberprüfung in die neuen Streitkräfte eingegliedert werden. Der SDF-Führung wird zugestanden, eine Liste hoher Militärs vorzulegen, die wichtige Posten im Damaszener Sicherheitsapparat besetzen dürfen. Auch sieht das Abkommen vor, dass sich die eng mit der kurdischen PKK-Bewegung verquickte SDF-Truppe verpflichtet, alle nichtsyrischen PKK-Kader des Landes zu verweisen. Die syrische Regierung soll laut dem Abkommen die Kontrolle über alle Grenzübergänge übernehmen, ebenso über die Gefängnisse, in denen Tausende Kämpfer des „Islamischen Staates“ (IS) gefangen gehalten werden, und über das berüchtigte Lager von Al-Hol, wo Familien der Dschihadisten interniert sind. „Dieser Krieg wurde uns aufgezwungen“ Öl- und Gasfelder sollen auch unter Damaszener Kontrolle gelangen und unter dem „Schutz durch reguläre Streitkräfte“ stehen. Die Sonderstellung der kurdischen Gebiete soll „berücksichtigt“ werden, wenn es um die Verteilung der Ressourcen geht. Die Provinzen Raqqa und Deir Ezzor, Provinzen mit arabischer Bevölkerungsmehrheit, die zuvor unter SDF-Kontrolle standen, sollen in den Zentralstaat eingegliedert werden. Die kurdische Provinz Hassakeh soll einen Gouverneur bekommen, dessen Ernennung zwar „politische Teilhabe und lokale Vertretung“ garantieren soll, der aber auch der Zentralregierung zugeordnet ist. Der syrische Machthaber hat sich zunächst in einem zähen Machtkampf durchgesetzt. Damaskus will die Kontrolle über alle Landesteile. Die kurdische Autonomieregierung, die weite Teile Nordostsyriens kontrollierte, hatte sich einer Machtübernahme der Zentralregierung verweigert. Im März hatten beide Seiten eine vage Übereinkunft erzielt, nach der die Institutionen der Autonomieregierung und die SDF in den Zentralstaat eingegliedert wurden. Doch in den folgenden Verhandlungen über die Details war es über Monate nicht gelungen, eine Einigung zu erzielen. Jetzt ist das Pendel zugunsten des Übergangspräsidenten ausgeschlagen. Der Deal, der zuvor auf dem Tisch gelegen hatte, so heißt es aus mehreren diplomatischen Quellen, sei vorteilhafter für die kurdische Seite gewesen. Und die SDF sind jetzt in einer weit schwächeren Position. Ist die Geduld der USA am Ende? Scharaa machte am Sonntagabend während eines Presseauftritts noch einmal deutlich, dass er wenig kompromissbereit ist, was sein zentralistisches Regierungssystem betrifft. Syrien sei „ein Staat“, sagte er. Während sich der syrische Machthaber als Sieger präsentieren konnte, zeigte sich sein Rivale, SDF-Anführer Mazloum Abdi, zerknirscht. „Dieser Krieg wurde uns aufgezwungen“, erklärte er während eines Fernsehauftritts. Er habe dem Waffenstillstand zugestimmt, um eine Ausweitung des Waffengangs zu verhindern. Die Gegenseite, klagte er an, habe nie eine Verhandlungslösung gewollt. Der SDF-Kommandeur wurde am Montag zu Gesprächen in Damaskus erwartet. Von westlichen und syrischen Beobachtern wurde am Sonntag die Lesart geäußert, dass sich die kurdische Seite verkalkuliert und ihr Blatt überreizt hat. Die SDF hatten sich als zentraler Partner der Vereinigten Staaten im Kampf gegen den Islamischen Staat bewährt und Wohlwollen sowie Dankbarkeit Washingtons erworben. Am Samstag hatte ein hoher kurdischer Militärkommandeur erklärt, er hoffe auf den Schutz Washingtons. Doch Präsident Donald Trump setzt zugleich auf eine Partnerschaft mit Scharaa. Zuletzt schien die Geduld der amerikanischen Diplomatie, die gerne schnelle Deals verkündet, an ihr Ende zu gelangt zu sein. Scharaa startete seine Offensive, als schon viel amerikanischer Frust über den Widerwillen des SDF-Anführers Abdi herrschte, den Damaszener Angeboten zuzustimmen. Antikurdische Ressentiments Trumps Syrien-Sonderbeauftragter ließ auch keinen Hauch von Kritik daran erkennen, dass Scharaa am Ende auf Militärmacht setzte und nicht auf Überzeugungskraft. Er lobte beide Seiten für ihre „konstruktiven Bemühungen“. Unter Beobachtern herrschte am Montag hingegen noch einige Skepsis, dass mit dem Waffenstillstand auch ein Ende des Machtkampfes erreicht worden ist. Die Einmarsch der Regierungstruppen war von Berichten über neue Gewalt begleitet. Aus der Stadt Raqqa wurden am Montag trotz des geltenden Waffenstillstands Gefechte mit Toten gemeldet. Es herrscht Sorge in Damaskus, gerade die PKK-treuen Kräfte innerhalb der SDF könnten weiter bewaffneten Widerstand leisten. Oder dass jetzt alte Rechnungen beglichen werden und es zu Fehden-Morden kommt. Die heikelsten Regionen, nämlich jene mit kurdischer Bevölkerungsmehrheit, waren am Montag noch nicht unter der Kontrolle der Damaszener Führung. Der Vormarsch der Regierungstruppen war am Wochenende nicht zuletzt deshalb so schnell verlaufen, weil er durch arabisch besiedelte Regionen führte, wo Damaskus von antikurdischen Ressentiments profitierte. In vielen arabischen Stämmen herrschten Frust und Misstrauen gegenüber der Autonomieregierung und ihrem Apparat, in dem die PKK ein mächtiges Schattenreich errichtet hat. In den betreffenden Regionen hatten sich Stammesmilizen an die Seite der Regierung gestellt. Innerhalb der SDF hatte es Desertionen und Überläufer gegeben. Denn die Truppe wird zwar von kurdischen PKK-treuen Milizen dominiert, hat aber auch arabische Kämpfer in ihren Reihen. In den kurdischen Regionen dürften die Regierungstruppen hingegen kaum mit Wohlwollen empfangen werden.
