FAZ 02.02.2026
18:21 Uhr

Wadephul im Indopazifik: Eine Welt der Großmächte, die ungemütlich geworden ist


Bei seiner Reise im Indopazifik sagt Außenminister Wadephul: Man entfremde sich von den USA, laufe aber auch nicht mit offenen Armen auf China zu. Was also tun?

Wadephul im Indopazifik: Eine Welt der Großmächte, die ungemütlich geworden ist
Mette-Marit sagte, Epstein trage die Verantwortung für seine Taten, sie aber hätte seinen Hintergrund prüfen und erkennen müssen, „was für ein Mensch er war“. (Foto: Jens Kalaene/Jens Kalaene/dpa)

Außenminister Johann Wadephul ist am Montag auf der ersten Station einer langen Reise eingetroffen, die zwar abseits des außenpolitischen Scheinwerferlichts stattfindet. Die aber genau der Linie folgt, die Bundeskanzler Friedrich Merz gerade wieder in seinen außenpolitischen Reden beim Weltwirtschaftsforum in Davos und im Bundestag vorgegeben hat. Der Außenminister macht sich in einer zunehmend ungemütlichen Welt der Großmächte auf, in der immer weniger auf die vertraute transatlantische Freundschaft Verlass ist, um andere Partnerschaften zu pflegen und auszubauen. Und ganz weit vorne steht dabei alles, was der deutschen Sicherheit und der Wirtschaft dient. So reist Wadephul in fünf Tagen von Singapur nach Neuseeland, in das Königreich Tonga, nach Australien und Brunei. Und er trifft dabei auf Staaten, die zwar auch die Nähe zu Deutschland suchen – jedoch ihren Blick eher sorgenvoll nach China richten. In Singapur sagt Wadephul am Montag in einer Rede im kolonialen Raffles-Hotel, die vom „Internationalen Institut für Strategische Studien“ organisiert worden ist, die internationale Ordnung, wie man sie seit dem Zweiten Weltkrieg kenne, sei unter Druck. „Wir können uns gemeinsam dafür entscheiden, uns an die neuen Realitäten anzupassen“, sagt er. „Wir können uns dafür entscheiden, die Dringlichkeit der Lage anzuerkennen und als internationale Gemeinschaft zusammenzuarbeiten und den Multilateralismus zu stärken.“ Genau deshalb sei er hier. „Denn ich bin überzeugt, dass der indopazifische Raum von entscheidender Bedeutung für Deutschland und für Europa ist. Und umgekehrt.“ Eine Welt ohne „Sicherheitsgaranten“ Zum Auftakt seiner „Marathonreise“ in den Indopazifik trifft der Minister am Montag zunächst seinen Konterpart, Singapurs Außenminister Vivian Balakrishnan, und danach Ministerpräsident Lawrence Wong. In ihrer Analyse der Weltlage sind sich Wadephul und Balakrishnan einig, als sie nach ihrem Frühstücksgespräch vor die Presse treten: „Die Weltordnung, wie wir sie acht Jahrzehnte lang verstanden haben, ist vorbei, endgültig vorbei“, sagt Balakrishnan. Das Besondere sei, dass die Welt nun ohne einen „Sicherheitsgaranten“ und „Weltpolizisten“ auskommen müsse und dem Wettbewerb der Großmächte ausgesetzt sei. Er glaube jedoch, dass es „eine kritische Masse“ von Ländern gebe, die weiter an eine regelbasierte Weltordnung glaubten, sagt Balakrishnan. Nach Singapurer Lesart gehören dazu in erster Linie auch die EU und insbesondere Deutschland. Singapur war der erste unter den Mitgliedstaaten des südostasiatischen Staatenverbunds ASEAN, mit dem die EU im Jahr 2019 ein Freihandelsabkommen abgeschlossen hat. Seitdem sei das Handelsvolumen zwischen den beiden Partnern um nahezu 30 Prozent gewachsen, lobt Wadephul in seiner Rede. Er verweist auch auf die 2400 deutschen Unternehmen, die Niederlassungen in Singapur haben. Der Stadtstaat, der im Jahr 2027 den ASEAN-Vorsitz übernimmt, nimmt eine Schlüsselstellung in den Bemühungen um ein gemeinsames EU-ASEAN-Handelsabkommen ein. Als Drehkreuz für Wirtschaft und Handel in Asien ist Singapur auf freie Märkte angewiesen wie kaum ein anderes Land. Dabei sieht der Stadtstaat in Europa einen Verbündeten, die Reste der „regelbasierten Ordnung“ zu retten. Bei der Sicherheit ist alles mit allem verbunden Und weil der Blick im Indopazifik sich eben eher auf China richtet, versucht Wadephul, in seiner Rede deutlich zu machen, dass auch bei der Sicherheit alles mit allem verbunden ist: also auch der Krieg in der Ukraine mit der Sicherheit im Indopazifik. „Denn die russische Kriegsmaschinerie wird zum Teil von nordkoreanischen Truppen und Munition sowie von Chinas entscheidender wirtschaftlicher und politischer Unterstützung am Laufen gehalten“, sagt der deutsche Außenminister in Singapur. Thematisch zur Sache geht es für Wadephul dann nach seiner Rede, als ein Zuschauer ihn fragt, ob sich durch Donald Trumps Gebaren etwas an Deutschlands Verhältnis zu China ändere. In seiner Antwort räumt der Minister ein, dass es derzeit viele Dinge gebe, die Europa und die Vereinigten Staaten voneinander „entfremdeten“. Trotzdem werde Deutschland nicht mit offenen Armen auf Präsident Xi zulaufen. „Das wäre die falsche Antwort“, sagt Wadephul. Europa müsse nüchtern seine eigenen Interessen definieren und verteidigen, ob gegenüber China, den USA oder Russland, so der Minister. Dabei lässt er keinen Zweifel, dass sich Europa den USA stets näher fühlen werde. Singapur, dessen Bevölkerung zu 75 Prozent ethnisch chinesisch ist, hat immer wieder erklärt, dass es sich nicht für eine der Großmächte entscheiden wolle. Jedoch kann das Land auch besser als viele andere Einblicke in das Denken der chinesischen Führung geben. Da Bundeskanzler Friedrich Merz Ende Fe­bruar zu seinem Antrittsbesuch nach Peking reisen wird, ging es in Wadephuls Gesprächen natürlich auch um das Verhältnis beider Länder zu China. Der Merz-Besuch wird genau beobachtet, nachdem die Premierminister Kanadas und Großbritanniens bei ihren Besuchen eine Annäherung an China signalisiert hatten. Anstatt nun verstärkt auf Peking zu setzen, will Deutschland aber seine Beziehungen zu Mittelmächten wie zum Beispiel Australien und Neuseeland ausbauen. Australien ist etwa ein wichtiger Partner bei der Beschaffung strategisch wichtiger Rohstoffe. Singapur, Neuseeland und Australien sind zudem Mitglieder des Handelspakts CPTPP. Das Abkommen ist aus dem TPP hervorgegangen, aus dem sich die USA in einer der ersten Maßnahmen in Donald Trumps erster Amtszeit 2017 zurückgezogen hatten. Viele der ehemaligen Mitglieder, die sich im CPTPP zusammengeschlossen haben, befürworten eine stärkere Kooperation mit der EU. Australien und Neuseeland wünschen sich von Deutschland und Europa auch mehr Präsenz in den südpazifischen Inselstaaten. Unter ihnen hat China seit einigen Jahren verstärkt Einfluss ausgeübt und vor allem in Infrastruktur investiert. Wadephul legt deshalb auch einen Stopp in dem pazifischen Inselstaat Tonga ein. Die Europäer werden in der Region im Pazifik als Partner im Klimaschutz und der Entwicklungszusammenarbeit gesehen. Am Dienstag wird Wadephul nach seiner Ankunft in Neuseeland einer in diesen Zeiten ungewöhnlichen Zeremonie beiwohnen. Dann nimmt Deutschland mit dem kleinen Pazifikstaat Niue – dessen Außen- und Verteidigungspolitik von Neuseeland bestritten wird – offiziell diplomatische Beziehungen auf. „Wir sind bereit, uns den globalen Herausforderungen unserer Zeit zu stellen, Seite an Seite mit Ihnen“, sagt Wadephul in Singapur.