Es ist bemerkenswert, dass Außenminister Johann Wadephuls Reise in den Indopazifik auch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zum Inselstaat Niue einschließt und ihn nach Tonga führt. Jedoch treffen dort mehrere Entwicklungen zusammen, die Berlin derzeit beschäftigen: Mittelmächte-Diplomatie, Klimapolitik, strategische Rivalität, Desinformation und die Zukunft der multilateralen Ordnung. Deutschland und Europa müssen neue Partner suchen, um für diese Themen globale Unterstützung zu mobilisieren, weil internationale Gewissheiten schwinden und selbst transatlantische Verlässlichkeit nicht mehr gegeben ist. Deshalb lohnt sich der Blick in diese Region. Ein naheliegender Grund, weshalb die pazifischen Inselstaaten (Pacific Island Countries, PICs) an Bedeutung gewinnen sollten, ist, dass sie für Deutschlands engste und gleichgesinnte Partner in der Region – Australien und Neuseeland – von zentraler Relevanz sind. Für Canberra und Wellington sind die Inselstaaten nicht „weit weg“. Sie bilden ihr unmittelbares strategisches Umfeld, besonders für Neuseeland. Stabilität im Pazifik ist für sie keine abstrakte Frage globaler Ordnung, sondern regionaler Ordnung vor der eigenen Haustür. Sorge über den wachsenden Einfluss Chinas Beide Hauptstädte beobachten mit wachsender Sorge, wie China seine Präsenz durch Investitionen, Infrastrukturprojekte und teils auch sicherheitspolitische Beziehungen ausweitet. Zugleich sind sie beunruhigt durch die Volatilität der Vereinigten Staaten. Die Biden-Regierung hatte eine stärkere Fokussierung auf den Südpazifik angekündigt. Doch die Rückkehr Trumps – und mit ihr der Rückzug von Hilfsleistungen, die Verachtung für „shithole countries“, wie Donald Trump sagt, sowie die Ungeduld gegenüber multilateralen Formaten – hat pazifischen Regierungen erneut vor Augen geführt, dass die USA nicht immer ein verlässlicher Faktor sind. Peking versucht in einem solchen Umfeld offensichtlich, strategische Vorteile zu gewinnen. Chinas Entwicklungshilfe im Pazifik ist seit ihrem Höhepunkt Mitte der 2010er-Jahre deutlich zurückgegangen – von rund 384 Millionen US-Dollar im Jahr 2016 auf etwa 231 Millionen Dollar bis 2024. Die verbleibende Unterstützung wird inzwischen gezielter auf politisch entscheidende Staaten konzentriert, wie die Salomonen oder Kiribati. Dort fungiert Hilfe zunehmend als Hebel politischer Einflussnahme. Dieser Ansatz hat Taiwans verbliebene Partnerschaften weiter erodiert: Während 2018 noch sechs pazifische Inselstaaten Taiwan offiziell anerkannten, hat sich diese Zahl seither halbiert. Stimmblock in den Vereinten Nationen Für Deutschland vielleicht noch relevanter ist, dass auch Moskau bisweilen versucht hat, die diplomatische Kleinteiligkeit der Region auszunutzen: Zwar haben die PICs den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine überwiegend verurteilt. Doch in der Vergangenheit hatten einige pazifische Staaten zeitweise Abchasien und Südossetien anerkannt – von Russland besetzte georgische Territorien. Gleichzeitig verstehen sich die pazifischen Inselstaaten nicht primär als Spielfiguren in einem Großmachtkonflikt. Sie sind souveräne Akteure mit eigener Handlungsfähigkeit und betrachten viele ihrer zentralen Herausforderungen als weitgehend unabhängig von der geopolitischen Rivalität, die den Rest der Welt prägt. Ein Grund, weshalb sie ernster genommen werden sollten, liegt in ihrer Tendenz, international als Block aufzutreten. Manche europäische Staaten haben dies erkannt. Während ihres Wahlkampfs für einen Sitz im UN-Sicherheitsrat war Riga stark daran interessiert, Narrative rund um Klimapolitik und eine nichtkoloniale Vergangenheit zu entwickeln, um Lettland als attraktiven Kandidaten zu präsentieren. In einem solchen Wettbewerb sind die zwölf Stimmen der pazifischen Inselstaaten in der UN-Vollversammlung keineswegs trivial. Kooperation bei der Klimapolitik Der Klimawandel ist eines der klarsten Felder der Konvergenz zwischen pazifischen Prioritäten und Deutschland. Für viele Regierungen der Region ist Klimasicherheit eine existenzielle Frage. Das lettische Beispiel zeigt zugleich, wie PICs ihre Agenda in multilateralen Foren vorantreiben können. Deutschlands Betonung von Dringlichkeit und globaler Verantwortung findet in Suva, der Hauptstadt der Fidschis, oder Nuku'alofa (Tonga) oft stärkere Resonanz als in Canberra. Dies gilt selbst unter der Merz-Regierung, die Klimapolitik stärker mit Industrie- und Energiefragen ausbalanciert. Auch Desinformation und wachsende Cybersicherheitsrisiken sind im Pazifik drängende Themen. Kleine Medienökosysteme, hohe Social-Media-Durchdringung und begrenzte technische Kapazitäten machen viele Gesellschaften anfällig für externe Einflussnahme und digitale Manipulation. Deutschlands Engagement in der Region konzentrierte sich traditionell auf Klima und Entwicklung. Doch Berlins breiterer Fokus auf demokratische Resilienz, digitale Governance und das Eindämmen autoritärer Einflussnahme bietet einen natürlichen Anknüpfungspunkt, während pazifische Staaten sich in einem zunehmend umkämpften digitalen Umfeld bewegen. Deutsche Belehrungen beeindrucken die Eliten wenig Deutschland beginnt, dem Pazifik mehr Aufmerksamkeit zu schenken: 2023 wurde eine Botschaft in Suva eröffnet, und die dafür zuständige Pazifikbeauftragte, Beate Grzeski, ist inzwischen Botschafterin in Canberra. Berlin setzt erfahrene Diplomaten auf pazifikbezogene Posten. Auch die symbolische Geste ministerieller Reisen gehört dazu. Gleichwohl treten europäische Besucher im Pazifik mitunter mit Vorträgen über Governance, Demokratie und Werten auf. Das beeindruckt dort niemanden. Gebildete pazifische Eliten haben häufig in Canberra, Auckland oder Wellington studiert und sind mit westlichen politischen Formen bestens vertraut. Worum es in der Region weniger geht, sind Belehrungen über demokratische Standards, sondern um konkrete Unterstützung beim Umgang mit sehr praktischen Herausforderungen – von administrativen Kapazitäten bis zu digitaler Resilienz. Was Europäer zudem häufig anbieten, ist Entwicklungshilfe, die an Berichtspflichten und übermäßige Bürokratie geknüpft ist – Anforderungen, die kleine, gering ausgestattete Behörden kaum bewältigen können. Auch das sollte berücksichtigt werden. Die Inselstaaten benötigen Partner, die zuhören, administrative Grenzen verstehen und praktische Kooperation sowie Lösungen anbieten, statt zusätzliche Belastungen zu schaffen. Deutschland sollte seine regionale Präsenz ausbauen, sich sinnvoll mit Australien und Neuseeland abstimmen und Alternativen in der Entwicklungszusammenarbeit bereitstellen. Damit diese Unterstützung glaubwürdig nachhaltig ist, muss sie an gemeinsame Ziele angepasst sein. Vor allem aber sollte Deutschland pazifische Staaten nicht als Schachfiguren oder als Bühne europäischer Tugend verstehen. Die pazifischen Inselstaaten sind eigenständige Akteure.
