FAZ 28.11.2025
12:46 Uhr

Wachstum in Riad geplant: Messe Frankfurt gründet Gesellschaft in Saudi-Arabien


Mit einer eigenen Tochtergesellschaft in Riad will die Messe Frankfurt im Wüstenstaat wachsen. Doch fehlende Fachkräfte und Veranstaltungsräume könnten das Wachstum bremsen.

Wachstum in Riad geplant: Messe Frankfurt gründet Gesellschaft in Saudi-Arabien

„Saudi-Arabien ist hungrig und durstig.“ Mit diesen Worten beschreibt Mohammed Al Mansoori von der Messe Frankfurt Middle East mit Sitz in Dubai die Basis für das neue Engagement der Frankfurter in Riad. Bislang hatte die Tochtergesellschaft in dem Emirat die Ableger der Frankfurter Messen im Nachbarland organisiert und betreut. Und das mit Erfolg. Dort wird inzwischen mit knapp 200 Beschäftigten ein Umsatz von 100 Millionen Euro erzielt. Die Frankfurter Messegesellschaft, die rund 40 Prozent ihres Umsatzes im Ausland erzielt (für dieses Jahr wird der sich nach derzeitigen Schätzungen auf insgesamt 750 bis 780 Millionen Euro belaufen), setzt auf Wachstum in der Region und insbesondere in Saudi-Arabien, denn dort stößt sie auf eine besondere Aufbruchstimmung. Unter dem Titel „Vision 2030“ will das Land sich quasi neu erfinden und auf die Zeit vorbereiten, in der es von den Einnahmen aus den Ölquellen unabhängig werden muss. Dabei setzt das Königreich ganz wesentlich auf den ­MICE-Sektor (Meetings, Incentives, Conventions, Exhibitions). Also das Geschäft rund um Kongresse und Veranstaltungen, was auch die Messen einschließt, wie Fahd Al-Rasheed, Vorsitzender der staatlichen Conventions and Exibitions General Authority (SCEGA) am Mittwoch beim International MICE Summit in Riad sagte. Marzin: „Beitrag zum Wachstum“ in Saudi Arabien Bei dem Kongress gab es einen regelrechten Aufgalopp von Vertretern internationaler Veranstalter aus dem Messe- und Kongresswesen, darunter auch die Chefs der Kölner und der Münchner Messe. Letztere wollen ihre Baumesse mit einem internationalen Partner nach Riad bringen. Die Frankfurter hingegen haben schon erfolgreich Messen im Königreich etabliert. Frankfurts Messechef Wolfgang Marzin verkündete auf der Bühne vor Vertretern der Regierung die Etablierung des neuen Büros, das er am gleichen Tag zusammen mit Stadträtin Ina Hauck eröffnete. Die SPD-Politikerin gehört auch dem Aufsichtsrat der Messe Frankfurt an, die zu 60 Prozent der Stadt und zu 40 Prozent dem Land gehört. Etwa eine halbe Million Euro haben die Frankfurter in die Gründung der saudischen Gesellschaft investiert. Geld, da ist sich Marzin sicher, das gut angelegt ist. Das rote Eröffnungsband wurde vor den neuen Büros durchschnitten, die die Messegesellschaft in dem eleganten Kingdom Center in einem Co-Working-Space gemietet hat. Derzeit arbeiten dort 18 Männer und Frauen, die die schon etablierten Fachmessen Beautyworld Saudi Arabia, die Automechanika Riad mit allem rund um Autoreparatur und Zubehör sowie die Intersec Saudi Arabia, eine Fachmesse für die Ausstattung von Polizei und Sicherheitsdiensten, organisieren. In den vergangenen Jahren hatten sie das von Dubai aus getan. Doch die saudische Regierung habe darauf gedrungen, die Messen fortan vor Ort zu betreuen. Und möglichst weitere zu etablieren. Marzin versprach ihnen: „Wir bringen Geschäft in Ihr Land und leisten unseren Beitrag zum Wachstum.“ Chancen sieht Iris Jeglitza-Moshage, Kommunikationschefin der Messe Frankfurt, unter anderem noch für die Light and Building, die angesichts der vielen Bauprojekte für das Land wie die Aussteller interessant sein könnte. Fachkräfte und Temperaturen als Problem Ein konkretes Projekt ist schon in Planung: Der Verband Dechema, der seit Jahrzehnten die Achema, eine Messe für Verfahrens- und Prozesstechnik für die chemische Industrie und die Biotechnologie, nicht nur in Frankfurt, sondern mit der Messe Frankfurt zusammen auch in Shanghai organisiert, will im nächsten Jahr eine Achema Middle East in Riad in den Markt einführen. Björn Mathes, CEO der Dechema Ausstellungs GmbH, der zu der Delegation gehörte, die Marzin begleitete, sieht angesichts der Struktur der Industrie des Landes gute Chancen für seine Branche dort. Denn nach Erdöl und Erdölprodukten, die fast 69 Prozent der Exporte Saudi-Arabiens ausmachen, folgen Kunststoffe und chemische Erzeugnisse als wichtigste Güter. Auch Einschätzungen des deutschen Messeverbands AUMA bestätigen die guten Aussichten, denn es wird für 2026 ein wachsendes Interesse deutscher Unternehmen an Messebeteiligungen im Nahen Osten prognostiziert. Gute Aussichten für die Arbeit in Riad und die Erweiterung des Portfolios sieht auch der Chef der Tochtergesellschaft Messe Frankfurt Saudi-Arabia, Azzan Mohammed. Sein Team werde voraussichtlich bis zum Ende des nächsten Jahres auf 36 Mitarbeiter anwachsen, sagte er. Der Umsatz soll dann bei 20 Millionen Euro liegen. Dabei muss er beachten, dass das Team möglichst paritätisch aus Saudis und Ausländern besetzt ist, denn darauf legt die Regierung wert. Ausstellungsflächen sind knapp Aktuell hat das Land mit knapp 35 Millionen Einwohnern, davon fast acht Millionen in der Hauptstadt Riad, eine Arbeitslosenquote von 3,5 Prozent. Das richtige Personal zu finden, ist dabei nicht ganz einfach, denn erst seit fünf Jahren entwickelt sich das Veranstaltungsgeschäft in Saudi-Arabien – allerdings so rasant, dass nicht nur entsprechend ausgebildetes Personal schwer zu finden ist. Auch Ausstellungsflächen sind knapp, wie Vertreter der Messe Frankfurt hervorhoben. Zumal sie wegen der großen Hitze von deutlich mehr als 40 Grad im Sommer sowie in den Wochen des Ramadan keine Messen veranstalten könnten. Außerdem könne es auch immer wieder passieren, dass Veranstaltungsräume und Hallen kurzfristig für große Feiern der weitläufigen königlichen Familie gebraucht würden. Unwägbarkeiten, von denen öfter berichtet wird, auch wenn es um Terminabsprachen geht. Für Verzögerungen ist oft auch der Verkehr verantwortlich, der von früh bis Mitternacht niemals abzuebben scheint. Angesichts des Klimas und der weitgehend fehlenden öffentlichen Verkehrsmittel, drängen sich die Autos auf den Hauptachsen der gigantischen Stadt. Doch das Herrscherhaus und seine Vertreter auf dem MICE-Veranstaltungskongress zeigen sich zuversichtlich. Man investiere jährlich rund 150 Millionen Euro in die Infrastruktur für das am schnellsten wachsende Veranstaltungsgeschäft unter allen G-20-Staaten. Einen Wachstumsschub sollen der Branche auch die Weltausstellung Expo im Jahr 2030 und die Fußballweltmeisterschaft vier Jahre später verschaffen. Vor allem neue Flächen, die für Messen genutzt werden können, sollen dafür entstehen. Man gewinnt den Eindruck, es herrsche Start-up-Atmosphäre. Auf dem Kongress sind viele junge Leute anzutreffen, vor allem auch Frauen, manche komplett verschleiert, andere ganz westlich im Hosenanzug. Am Büffet, an dem ununterbrochen kleine Speisen, Süßigkeiten und Datteln in vielen Varianten angeboten werden, kommt man schnell ins Gespräch. Eine junge Frau mit leuchtenden Augen freut sich sichtlich über die Begegnung mit den Besuchern aus Deutschland. Sie will sich sofort vernetzen, denn sie ist nicht nur als Übersetzerin, sondern auch als Künstlerin unterwegs. Das ist es, wovon Al Mansoori gesprochen hat. Dieser Hunger und Durst bleibt trotz all der Leckereien, und er könnte das Land deutlich voranbringen.