Die Worte, mit denen David Jobse die Arbeit des Unternehmens Vitaflo erklärt, muten wie Zungenbrecher oder Griechisch-Vokabeln an. Von „Phenylketonurie“ spricht der Geschäftsführer von Vitaflo in Deutschland zum Beispiel. Hinter den komplizierten Begriffen verstecken sich aber weder gemeine Fremdsprachenlehrer noch ein Aussprachetest, sondern Erkrankungen. Genauer gesagt Stoffwechselerkrankungen, bei denen eine Aminosäure nicht verstoffwechselt werden kann, wie Jobse sagt. Diese würden direkt nach der Geburt diagnostiziert und seien sehr selten: Unter 10.000 Säuglingen sei nur ein einziger davon betroffen, in Deutschland seien das rund 60 Neugeborene im Jahr. Die Betroffenen seien auf Spezialnahrung angewiesen, eine normale Ernährung könne zu lebenslangen Folgeschäden, Behinderungen oder sogar zum Tod führen. Die Zahl der Diagnosen steigt Die Firma Vitaflo produziert solche Spezialnahrung unter den Markennamen Comidamed und Mevalia auch in Rosbach vor der Höhe, rund zwanzig Kilometer nördlich von Frankfurt. Vitaflo wurde 1997 in Großbritannien gegründet, zehn Jahre später entstanden Standorte in Deutschland. 2010 wurde das Unternehmen in die Nestlé-Gruppe eingegliedert. Die Produktion in Rosbach vor der Höhe gehört seit 2021 dazu. Das dortige Werk wurde seit Juni 2024 umgebaut, erweitert und nun in neuer Form wiedereröffnet. Acht Millionen Euro habe die Werkserweiterung gekostet. Man habe die Deckenhöhe der Werkshalle angepasst und den Boden verstärkt, um größere und damit auch schwerere Maschinen nutzen zu können, sagt Jobse. Außerdem könnten künftig Roboter Hebearbeiten übernehmen, die bislang die Gesundheit der Beschäftigten belasteten. Zudem seien die ohnehin schon hohen Hygienestandards nochmals angehoben worden. „Die Hälfte der Arbeit hier ist Putzen“, sagt Jobse dazu. Durch die Erweiterung könne Vitaflo die Produktionskapazität steigern und so der wachsenden Nachfrage gerecht werden. Denn die verbesserte Gesundheitsversorgung in vielen Teilen der Erde ermögliche heute mehr Gesundheitschecks, die zumeist wenige Tage nach der Geburt anhand einer Blutprobe durchgeführt würden. Dabei werde die Stoffwechselerkrankung diagnostiziert. Produkte gehen bis nach Südamerika Die erste Generation von Patienten, bei denen die Erkrankungen erkannt worden seien, sei heute zwischen 50 und 60 Jahre alt, sagt Jobse. Mit den Produkten aus Rosbach vor der Höhe versorge das Unternehmen rund 5000 Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz und exportiere in 40 weitere Länder, vor allem nach Südamerika. Für Alexander von Maillot, Vorstandsvorsitzender des Mutterkonzerns Nestlé in Deutschland, ist das neue Werk ein „Bekenntnis zu unseren Bemühungen, die Lebensmittelbranche mit Innovation, Expertise und Spitzentechnologie anzuführen“. Rosbachs Bürgermeister Steffen Maar (parteilos) sind besonders die Arbeitsplätze wichtig, die Vitaflo in der Region schafft. Künftig sollen 40 Mitarbeiter am Produktionsstandort angestellt sein, zehn mehr als vor der Erweiterung. International hat Vitaflo mehr als 400 Beschäftigte. Die Umsetzung der Ausbaupläne hat laut Bürgermeister Maar sehr gut funktioniert. „Das lief mit anderen Unternehmen schon schlechter.“ Laut Jobse musste das Werk während des Umbaus einmal für sechs und einmal für zwölf Wochen geschlossen werden. Die Produkte seien aber zu jedem Zeitpunkt lieferbar gewesen. „Das ist wichtig, denn die Patienten sind darauf angewiesen.“ Betroffene könnten dank der Spezialernährung symptomfrei leben und Familien gründen.
