FAZ 21.11.2025
16:13 Uhr

WEltklimakonferenz: Drei Schritte in den Klimahimmel?


In Belém wird noch gerungen. Derweil haben Wissenschaftler den Verhandlern eine Rechnung präsentiert, wie die Erderwärmung rasch zu halbieren wäre – ohne Wirtschaft und Politik aus den Angeln zu heben.

WEltklimakonferenz: Drei Schritte in den Klimahimmel?

Jetzt muss es schnell gehen. „Viel schneller als bisher“, mahnte UN-Generalsekretär António Guterres, kurz bevor er aus der Klimagipfelstadt Belém zum G-20-Treffen aufbrach, und auch noch vor dem Zeltbrand, der den Verhandlungsbetrieb für einen halben Tag lahmlegte. Ein Anstieg auf mehr als zwei Grad sei „für viele eine Todesstrafe“. Die Emissionen müssten drastisch runter. Guterres klingt schon eine Weile wie Greta Thunberg, die in ihren Protesten gern ein Bild bemühte, das an diesem Donnerstag ein paar Minuten lang seltsam konkret wurde. „Unser Haus steht in Flammen“, schrie die junge Schwedin auf dem Höhepunkt ihrer Klimaproteste. Für die drastische Rede in der Klimapolitik steht heute fast nur noch Guterres. Er ist die Antwort auf die massiven Antireden und „Pseudowahrheiten“ eines Donald Trump. Aber haben Guterres' drakonische Formulierungen auch Substanz, wird oft gefragt? Die Antwort, zumindest mit Blick auf die Emissionsmaßnahmen, gaben in dieser zweiten Verhandlungswoche Klimaforscher des New Climate Institute. Sie haben einen Weg formuliert, die Erderwärmungsrate des Planeten innerhalb der nächsten zehn bis fünfzehn Jahre zu halbieren. Gefunden haben ihn allerdings andere. Die drei Maßnahmen nämlich, die die Wissenschaftler um Niklas Höhne mit ihren Modellrechnungen simuliert haben, waren schon auf dem Klimagipfel vor zwei Jahren in Dubai – Cop28 – von allen Teilnehmerstaaten unterschrieben worden, auch von den USA. Es war damals bereits eine Art Rettungsversuch für das Pariser Klimaabkommen. Dessen Ziel, die Erderwärmung auf im Idealfall 1,5 Grad zu begrenzen, sollte stehen bleiben und mit Lösungsvorschlägen konkretisiert werden. Das Dilemma: Alle bisher von den Staaten vorgelegten nationalen Klimaziele lassen eine globale Temperaturerhöhung von mindestens 2,6 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau erwarten. Inzwischen ist Trumps Regierung aus dem Pariser Vertrag ausgestiegen. Geblieben ist die Kunst der Klimaverhandler, die Verhandlungsergebnisse immer so aussehen zu lassen, dass es wirklich substanziell vorangeht mit der Eindämmung der Erderwärmung. Erwärmungsrate halbieren bis 2040 Auf das Handeln kommt es auch in dem Lösungsvorschlag an, den Höhnes Team nachrechnete und nun in Belém zur Diskussion gestellt hat. Die Kernbotschaft lautet: Eine schnelle Klimalösung ist machbar, finanziell realistisch sollte sie sein. Und auch wirksam: Um fast ein Grad könnte die globale Erwärmung in diesem Jahrhundert nach diesem Szenario verringert werden – von plus 2,6 Grad auf 1,7 Grad. Eine Abfederung des Klimawandels um fast ein Grad, das ist etwa so viel wie mit den bisher beschlossenen – und umgesetzten – Maßnahmen nach dem Pariser Klimagipfel vor zehn Jahren erreicht wurde. Ohne den bisher festgelegten und eingeleiteten Klimaschutz nämlich würde die Welt auf einen mindestens dreieinhalb Grad wärmeren Planeten zusteuern. Um das weitere schnelle Abbremsen des Klimawandels geht es also. In dem Papier rechnen die Klimaforscher vor, dass sich die Erwärmungsrate von derzeit 0,25 Grad pro Dekade in den nächsten zehn Jahren um ein Drittel senken und bis 2040 sogar halbieren ließe. Abbremsen, so heißt es in dem Bericht, sei vor allem für jene Bevölkerungen und auch Ökosysteme wichtig, die sich nicht schnell genug auf den schnellen Temperaturanstieg einrichten oder an ihn anpassen könnten. Schnelle Maßnahmen als Investition in die Zukunft Denn das ist der Subtext dieses neuen New-Analytics-Berichts: Radikaler  Klimaschutz ist nötig, realistisch und technisch auch kein Hexenwerk. Voraussetzung: Er muss ohne jede weitere Verzögerung realisiert – und finanziert – werden. Im Mittelpunkt stehen dabei drei wichtige Weichenstellungen bis 2030: die Fortsetzung der Erneuerbaren-Revolution, mehr Effizienz in der Energienutzung und Eindämmung der globalen Methangas-Emissionen um die 30 Prozent bis 2030, die schon lange beschlossene Sache sind. Das gilt auch für das erste Ziel: die Verdreifachung der weltweit installierten Leistung von erneuerbaren Energien, insbesondere die extrem verbilligten Solar- und Windstromanlagen. Tatsächlich ist seit dem Pariser Gipfel im Jahr 2015 die Energieausbeute der regenerativen Energiequellen allein bis 2023 um 35 Prozent gestiegen.  Die Verdreifachung bis zum Jahr 2030 ist auch heute noch lange nicht erreicht, schreiben die Forscher, aber sie sei greifbar und möglich angesichts der ökonomischen Rahmenbedingungen. Die Prognosen der Energieforschungsinstitute sprächen dafür, dass die Dynamik wegen des billigen Erneuerbaren-Stroms erhalten bleibe. Ungünstiger sieht es bei der Effizienzsteigerung aus. Im Kern geht es neben den möglichen Energieeinsparungen durch Dämmung von Gebäuden und durch energiesparende Geräte vor allem um die großflächige, schnelle  Elektrifizierung in allen Sektoren. Naheliegend ist das bei Elektrofahrzeugen. Sie sind im Schnitt 80 Prozent effektiver bei der Nutzung der Primärenergie als Fahrzeuge mit Verbrennermotoren. „In diesem Bereich stagniert der Fortschritt allerdings“, sagte Höhne bei der Präsentation des Berichts. Es werde zwar immer und überall mehr elektrifiziert, doch die Dynamik hat sich abgeschwächt. Die Klimaforscher geben in ihrem Bericht zu verstehen: Hier ist die Politik gefragt, schnell neue Anreize zu schaffen, damit die Verdoppelung bis 2030 möglich wird. Mit der dritten Maßnahme, der Methan-Eindämmung, verhält es sich ähnlich. Methan hat eine achtzigmal so starke Erwärmungswirkung wie Kohlendioxid, hält sich aber nur wenige Jahre in der Atmosphäre, bevor es chemisch abgebaut wird – weshalb sich das technisch einfache Absenken der Methan-Emissionen aus stillgelegten Erdöl- und Gasquellen, aus Pipeline-Leckagen schnell positiv auswirken würde. Im aktuellen UN-Statusreport zum Methan allerdings, der zu Beginn des Belém-Klimagipfels veröffentlicht wurde, ist lediglich von einer „verlangsamten Steigerung der Emissionen“ die Rede. 80 Prozent der Methan-Ausgasungen ließen sich einfach verhindern. Doch die regulatorischen Maßnahmen greifen nicht schnell genug, heißt es in dem Bericht.  Das 2021 beschlossene Nahziel – 30 Prozent weniger bis 2030 – ist damit gefährdet. Es sind nicht nur diese klimapolitischen Realitäten, die an der Kalkulation des News-Analytics-Team in Belém viele zweifeln lassen. Noch haben die Klimadiplomaten auch auf der COP30 nicht nachgewiesen, dass man weniger den Zielen als vielmehr dem tatsächlichen Handeln zum Schutz des Erdklimas Priorität verleihen möchte. Darum aber, so heißt es in dem Bericht von New Analytics unmissverständlich, geht es: um „Implementierung“. Nicht zufällig betonten sowohl Gastgeber Brasilien als auch der UN-Chef Guterres zum Beginn der entscheidenden zwei Wochen: Belém müsse der „Gipfel der Wahrheiten“, vor allem aber der „Gipfel der Implementierung“ werden. Was schließlich in der letzten Pressekonferenz von António Guterres in Belém nachgeschoben wurde: Es geht auch, zumindest wenn es wirken und weniger kosten soll, um schnelles Implementieren.