FAZ 03.01.2026
17:22 Uhr

W. Michael Blumenthal 100: Ein Rückkehrer im Land seiner Kindheit


Als Gründungsdirektor hat W. Michael Blumenthal das Jüdische Museum Berlin zu einem Aushängeschild des wiedervereinigten Deutschland gemacht. Jetzt wird er hundert Jahre alt. Eine Würdigung.

W. Michael Blumenthal 100: Ein Rückkehrer im Land seiner Kindheit

Das Jüdische Museum Berlin sei „eines der schönsten Abenteuer seines Lebens“ gewesen, hat W. Michael Blumenthal einmal gesagt. Und sein hundertjähriges Leben war wahrlich nicht arm an Abenteuern. 1926 in Oranienburg geboren, floh seine Familie nach den Novemberpogromen mit dem Vater Ewald Blumenthal, einem Textilkaufmann, nach dessen kurzzeitiger Internierung in Buchenwald im Frühjahr 1939 aus Berlin nach Shanghai, wo die Familie im Ghetto überlebte und 1947 in die USA emigrierte. Blumenthal lernte Chinesisch, Englisch, Französisch, Spanisch und graduierte mit dem Bachelor of Science in Internationaler Wirtschaft an der University of California, Berkeley. 1952 wurde er US-amerikanischer Staatsbürger. In Princeton erwarb er den Master of Public Affairs und wurde zum Ph.D. in Ökonomie promoviert, was ihn schnell in die Nähe der US-Politik unter Kennedy und Johnson brachte. 1977 wurde Blumenthal Finanzminister im Kabinett Jimmy Carters. Hochrangige Stationen im US-Business folgten. Was für ein Glück für Berlin! Michael Blumenthal hätte sich nach seiner Karriere als Manager und Politiker in den USA ganz den Annehmlichkeiten des Ruhestands hingeben können. Stattdessen hat er 1997, mit 71 Jahren, eines der anspruchsvollsten Ehrenämter übernommen, die in Deutschland zu vergeben waren: Er wurde Gründungsdirektor des Jüdischen Museums (JMB). Was für ein Glück für Berlin. In dieser Stadt rollt man für große Ideen ja nicht immer gleich den roten Teppich aus. Als Blumenthal das Haus 1997 übernahm, lag man sich in den Haaren, ob der noch unfertige Neubau von Daniel Libes­kind überhaupt ein eigenständiges Museum werden soll – schließlich tue es eine Jüdische Abteilung des Berlin-Museums beziehungsweise der Stiftung Stadtmuseum Berlin doch vielleicht auch. Wer hätte damals zu hoffen gewagt, dass sich das Jüdische Museum Berlin mit der ständigen Ausstellung zu zwei Jahrtausenden jüdisch-deutscher Geschichte zu einem der meistbesuchten Museen Berlins entwickeln – mit jährlich mehr als 700.000 Besuchern – und so beinahe so etwas wie ein Aushängeschild für das neue Deutschland sein würde? Persönliche Erfahrung als Verantwortung für die Zukunft All das ist das Verdienst Michael Blumenthals. Er hat dem Museum, er hat uns, er hat Berlin die reichen Früchte seiner Lebens- und Berufserfahrung zukommen lassen: seine Führungsqualitäten, seine Tatkraft, seinen Optimismus und nicht zuletzt seine exzellenten Kontakte. Doch was mich in all den Jahren, die wir uns kennen, immer am meisten beeindruckt hat, das ist seine Fähigkeit, weit über die Gegenwart hinauszudenken. Die Akademie am JMB ist dafür das beste Beispiel. Blumenthal hat sich nicht damit begnügt, die Geschichte der Juden in Deutschland zu erzählen. Er hat in seiner persönlichen und in der historischen Erfahrung der Diskriminierung und Verfolgung auch eine Verantwortung für die Zukunft erkannt – die Verantwortung, für die Integration aller in Deutschland lebenden Menschen einzutreten, unabhängig von ihrer Religion oder ihrer Herkunft. Aus dem Gefühl dieser Verantwortung heraus ist die Akademie des Jüdischen Museums entstanden. Heute trägt sie seinen Namen. Wie wichtig solche Orte des Lernens für ein friedliches Zusammenleben in pluralistischen Gesellschaften sind, erweist sich gerade in diesen Zeiten: in Zeiten, in denen religiöse und kulturelle Konflikte vielerorts wieder aufbrechen und in denen wir mit Entsetzen feststellen müssen, dass bei Kundgebungen sogar und auch in Deutschland hemmungslos antisemitische Parolen skandiert werden. Dankbarkeit für sein Engagement und für seinen Weitblick empfinde ich nicht nur von Amts wegen, als Kulturpolitikerin. Es berührt mich immer wieder – und ich denke, so geht es vielen seiner Weggefährten der zurückliegenden Jahre –, dass er am Ende eines erfüllten Berufslebens in das Land zurückgekehrt ist, aus dem er 1939 als Kind jüdischer Eltern mit seiner Familie fliehen musste. Dass Berlin ihm heute wieder zweite Heimat sein darf, ist das wohl kostbarste Geschenk seines Wirkens. Kürzlich hat er die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt und sie jetzt erhalten – pünktlich zum hundertsten Geburtstag, den er am heutigen Samstag begeht. Monika Grütters war von 2013 bis 2021 Kulturstaatsministerin der Bundesrepublik Deutschland.