Es birgt eine gewisse Ironie, dass ausgerechnet jene Plattform, die Donald Trump jahrelang wegen der Gefahr chinesischer Propaganda verbieten wollte, nun unter dem Verdacht steht, politisch manipuliert zu werden – allerdings zu seinen Gunsten. Erst vor wenigen Tagen wurde das US-Geschäft der chinesischen Kurzvideoplattform in ein mehrheitlich amerikanisch kontrolliertes Joint Venture überführt und seither mehren sich auf anderen Social-Media-Plattformen Klagen von Tiktok-Nutzern über die Funktion des Algorithmus. Im Zentrum der Nutzerbeschwerden steht ein Name mit politischer Sprengkraft: Jeffrey Epstein. Wie der öffentliche US-Rundfunksender NPR berichtet und dutzende Screenshots im Netz belegen, war es zahlreichen Nutzern seit dem Wochenende nicht mehr möglich, den Begriff „Epstein“ in Direktnachrichten zu versenden. Statt der Nachricht erhielten sie den automatisierten Hinweis, der Inhalt verstoße gegen Community-Richtlinien und werde blockiert. Tiktok bestätigte am Dienstag auf Anfrage von US-Medien, dass man die Kritik untersuche, betonte jedoch, es gebe keine Regel, die den Namen per se verbiete. Kalifornisches Gericht prüft Vorwürfe Zudem meldete die Seite „Downdetector“ parallel hunderttausende Störungsmeldungen: Nutzer berichteten von Reichweiteneinbrüchen, nicht aktualisierten Feeds und Upload-Problemen bestimmter Inhalte. Nach ihren Schilderungen waren darunter vor allem solche, die sich kritisch mit dem Vorgehen der ICE-Beamten in Minneapolis oder der US-Regierung auseinandersetzten. Die offizielle Erklärung des Unternehmens verweist auf technische Ursachen: Ein Stromausfall in einem Rechenzentrum habe die Störung ausgelöst. Kritik kommt auch von offizieller Seite: Der demokratische Gouverneur von Kalifornien, Gavin Newsom, hat eine juristische Überprüfung der Moderationspraxis von Tiktok angestoßen. Sein Büro erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, man habe „unabhängig bestätigte“ Beispiele dafür gesehen, dass Trump-kritische Inhalte unterdrückt würden. Das kalifornische Justizministerium soll nun klären, ob dies gegen Recht verstößt, insbesondere gegen das kalifornische Transparenzgesetz AB 587, das große Social-Media-Plattformen verpflichtet, regelmäßig offenzulegen, nach welchen Regeln sie Inhalte kuratieren. Der Verdacht gegen den amerikanischen Ableger der App wiegt auch deshalb schwer, weil sich mit der US-Gründung die personelle Struktur hin zum MAGA-Lager verschoben hat: Um einem US-Verbot der Videoplattform zuvorzukommen, schloss der chinesische Mutterkonzern Byte Dance einen Deal mit der Trump-Regierung, bei dem 80,1 Prozent der neuen US-Einheit an ein Investorenkonsortium gingen; Byte Dance selbst hält nur noch 19,9 Prozent. Zu den „Managing Investors“ zählt neben Silver Lake und MGX vor allem der Softwarekonzern Oracle. Ein neues Werkzeug im Informationskrieg Hier schließt sich der Kreis zur US-Regierung. Oracle-Gründer Larry Ellison gilt als enger Verbündeter Donald Trumps. Ellison ist nicht nur einer der reichsten Tech-Unternehmer der Vereinigten Staaten, sondern auch ein republikanischer Großspender, der für Trump Wahlkampfveranstaltungen und Fundraising-Dinners ausgerichtet hat. Dass der Tiktok‑Algorithmus künftig in der Oracle‑Cloud gesichert und dort auf US‑Daten „retrainiert“ werden soll, war ursprünglich als Sicherheitsgarantie gegen China gedacht. Nun wird genau diese Verflechtung zwischen einem zentralen Infrastrukturpartner von Tiktok USA und einem der prominentesten Trump‑Unterstützer von Kritikern als mögliches Einfallstor für inländische politische Einflussnahme gedeutet. Während Tiktok nun vorgeblich versucht, den Normalbetrieb wiederherzustellen und auf den Stromausfall verweist, sehen Kritiker in den Vorfällen mehr als nur technische Pannen. Wissenschaftler wie Casey Fiesler von der University of Colorado bezeichneten das Misstrauen gegenüber der neuen Eigentümerstruktur als „nicht überraschend“. Trumps Vorwurf war stets, dass China den Regler der öffentlichen Meinung bedienen könne. Nun steht zu befürchten, dass sich diese Logik umkehrt: Während sich der US‑Präsident mit Hilfe eines ganzen Ökosystems MAGA-naher Medien und Plattformen eine Gegenöffentlichkeit aufbaut – von seinem eigenen Netzwerk Truth Social über X unter Elon Musk bis hin zu Sendern wie Fox News, Newsmax und One America News Network (OANN) – wächst die Sorge, dass in den Feeds regierungskritische Beiträge schlicht nicht mehr vorkommen, etwa kritische Darstellungen des Vorgehens von ICE‑Beamten in Minneapolis. Ob die Blockade des Begriffs „Epstein“ ein Programmfehler oder Absicht war, bleibt fraglich. Entscheidend ist, dass die neue „Tiktok USDS“ mit demselben Vertrauensdefizit startet, das sie beheben sollte. Der Algorithmus ist nun zwar „Made in USA“, aber er bleibt ein Machtinstrument im Informationskrieg – nur scheint er jetzt in Richtung MAGA auszuschlagen.
