FAZ 20.09.2026
16:09 Uhr

Vorwürfe von rechts: Haben Muslime die Wahl in Schweden entschieden?


Bei der Wahl in Schweden gewann die Linkspartei in Einwanderervierteln stark hinzu. Dafür gibt es auch andere Gründe als die Religionszugehörigkeit.

Vorwürfe von rechts: Haben Muslime die Wahl in Schweden entschieden?

Für Schwedens Rechtspopulisten ist der Fall klar: Der Parteienblock um den bisherigen konservativen Ministerpräsidenten Ulf Kristersson habe die Parlamentswahl in Schweden am 13. September verloren, weil die Linksparteien von Einbürgerungen profitiert hätten. Ein Politiker der Schwedendemokraten, die überraschend am meisten Wähler verloren haben, sprach von „Stimmvieh aus dem Ausland“. Parteichef Jimmie Åkesson bezichtigte die bisherige Opposition, „islamistische Stimmen“ mobilisiert zu haben. Die am Freitag mit der Regierungsbildung beauftragte Sozialdemokratin Magdalena Andersson erwiderte, die Stimmen schwedischer Bürger infrage zu stellen, bedeute, „ihre Menschenwürde infrage zu stellen“. Tatsächlich hat der von Andersson geführte Block der linken Parteien an einigen Orten mehr als 90 Prozent der Stimmen auf sich vereint. Und das sind Viertel wie Rosengård in Malmö oder Tensta in Stockholm, die von mehreren Einwanderungswellen geprägt wurden.  Linkspartei musste Antisemiten von Listen streichen Besonders stark hat dort die schwedische Linkspartei mobilisiert. Parteichefin Nooshi Dadgostar ging vor der Wahl immer wieder in diese Stadtteile. Sie hielt dort Protestbanner gegen Abschiebungen hoch und ließ sich gemeinsam mit Kopftuch tragenden Frauen fotografieren. In manchen Plattenbauvierteln in Stockholms Nordwesten kam die ganz links positionierte Partei auf mehr als 50 Prozent der Stimmen. Das ist ein Vielfaches dessen, was sie anderswo erhielt. Landesweit kam die Linkspartei auf 8,4 Prozent. Mit einem Zuwachs von 1,7 Prozentpunkten gewann sie mehr als alle anderen Parteien hinzu. Die Linkspartei ist selbst innerhalb von Anderssons Mitte-links-Block umstritten. Die Zeitung „Expressen“ deckte mehrmals problematische Aktivitäten von Kandidaten der Partei auf. Sie verherrlichten den Terror der Hamas, verbreiteten antisemitische Verschwörungstheorien oder äußerten sich positiv über den russischen Herrscher Wladimir Putin. Die Partei nahm daraufhin Dutzende Kandidaten von ihren Listen. Die Enthüllungen betrafen insbesondere Bewerber, die zu den gleichzeitig stattfindenden Kommunal- und Regionalwahlen antreten sollten. Die Parteiführung betont, dass Antisemitismus in der Partei keinen Platz habe, und erklärt sich mit der von Russland angegriffenen Ukraine solidarisch. Zugleich bezeichnet sie das Vorgehen der israelischen Regierung von Benjamin Netanjahu in Gaza als „Genozid“. Die Schwedendemokraten dagegen profilieren sich als die am deutlichste proisraelische politische Kraft. Das steht im Kontrast zu ihren Ursprüngen im neonazistischen Milieu. Erst im vorigen Jahr leistete die Partei öffentlich Abbitte wegen „eindeutiger Äußerungen von Antisemitismus und Unterstützung für nationalsozialistische Ideen“ in der Geschichte der Partei. Muslime sind in Schweden die „neue Unterklasse“ Dass viele Muslime in Schweden links wählen, hat auch andere als identitäre Gründe. Schwedens führender Wahlforscher Henrik Ekengren Oscarsson äußerte schon vor der Wahl, die starke Linksorientierung sei in erster Linie sozioökonomisch zu erklären. Muslime bildeten in Schweden eine „neue Unterklasse“, so Oscarsson gegenüber der Zeitschrift „Fokus“. Die von ihm geleitete Nachwahlbefragung des schwedischen Rundfunks ergab, dass die Linkspartei unter Arbeitslosen auf 14 Prozent kam. In Schweden waren zuletzt 24,4 Prozent der jungen Menschen unter 25 Jahren arbeitslos. Es ist der zweithöchste Wert in der EU. In den migrantisch geprägten Vierteln ist die Lage noch prekärer. Die Wahlbeteiligung liegt in diesen Gebieten mit 55 bis 70 Prozent noch deutlich unter dem der landesweiten Wahlbeteiligung von 84,9 Prozent. Aber sie ist im Vergleich zu früheren Wahlen gestiegen. Das war eine Reaktion auf die Schwedendemokraten. In der zurückliegenden Wahlperiode hatten sie die bürgerliche Regierung toleriert, im Wahlkampf erhoben sie den Anspruch, in der nächsten Regierung Minister zu stellen. „Jimmie hat einen schlafenden Bären geweckt“, zitiert die Zeitung „Dagens Nyheter“ die Äußerung eines Bewohners der Siedlung Vivalla in Örebro über Parteichef Åkesson. In der Region Skaraborg in Västergötland weigerten sich somalischstämmige Busfahrer, Busse zu fahren, auf denen prangte: „Vermisst du Mogadischu? Die Rückkehrprämie hilft dir, nach Hause zu kommen.“ Die vervielfachte Prämie für Flüchtlinge, die in ihre Heimat zurückkehren, war eine der migrationspolitischen Maßnahmen, welche die Schwedendemokraten in Kristerssons Regierung auch ohne eigene Minister durchsetzten. Der lange währenden liberalen Einwanderungspolitik hatten die Schwedendemokraten, die 2010 erstmals ins Parlament einzogen, ihren Aufstieg zu verdanken. Umgekehrt wandten sich städtische Wähler von den konservativen Moderaten ab und linken Parteien zu, seit die Moderaten unter Kristerssons Führung mit den Schwedendemokraten kooperierten. Auch die wirtschafts- und gesellschaftsliberale Zentrumspartei war einst Teil des bürgerlichen Blocks und gehörte von 2006 bis 2014 den Regierungen des Moderaten Fredrik Reinfeldt an. Aus Protest gegen die Zusammenarbeit mit rechts außen sucht sie nun die Nähe zur Sozialdemokratin Andersson. Manche Beobachter sagen, der scharfe Linksruck in den migrantisch geprägten Vierteln hätte mit einem besseren Angebot der Bürgerlichen vermieden werden können. Eine von einer Stiftung für politische Teilhabe beauftragte Untersuchung im Stockholmer Nordwesten ergab, dass dort vor allem Menschen mit ausländischem Hintergrund Forderungen wie die Senkung von Steuern und schärfere Strafen für Gangkriminalität befürworten. In einem Gastbeitrag im „Svenska Dagbladet“ warnte ihr Geschäftsführer, Vertrauen lasse sich nicht gewinnen, wenn diese Menschen als Bürger zweiter Klasse dargestellt würden.