Alles begann vergangenen Freitag im Spiel zwischen den Curlern aus Schweden und aus Kanada. Um zu verstehen, warum aus einem Disput zwischen Skandinaviern und Nordamerikanern am Sonntag die zweitwichtigste globale Nachrichtengeschichte der Agentur Associated Press werden konnte – Betonung auf global wie global news, nicht auf Sportnachrichten, und das Thema am Montagvormittag bei AP weiter höchst prominent, auf Aufmacherplatz drei gefahren wurde –, muss man wissen, dass Curling, ähnlich wie Golf, mit tadellosem Sportsgeist gespielt wird. So weit jedenfalls die Annahme. Regelhüter? Gibt es. Aber wer sie in Anspruch nimmt, bewegt sich auf dünnem Eis. Auf sehr dünnem Eis. Und als nun die Schweden und die Kanadier am Freitag ihre Steine schoben (was zum, nun ja, Stein des Anstoßes werden sollte), wischten und rutschten, verließ der Geist des Curlings die Halle in Cortina d’Ampezzo. Es übernahm, wie es der „Toronto Star“ formulierte, jene Etikette die Regie, nach der Auseinandersetzungen auf Highschool-Parkplätzen ausgetragen werden. Als Oskar Eriksson, der schwedische Third, der Mann für die Steine fünf und sechs, sein Gegenüber, den Kanadier Marc Kennedy, darauf hinwies, dass dessen Angewohnheit, den Stein mit dem Finger zu berühren, nachdem Kennedy den Griff losgelassen hatte, mit den ja irgendwie doch nicht völlig irrelevanten Regeln des Spiels nicht in Einklang zu bringen sei, entspann sich ein Dialog. Ein Wortgefecht aus beliebten englischen Vulgaritäten Kennedy empfahl Eriksson, sich zu – man kann die gängigste aus Verb und Präposition zusammengesetzte Vokabel des Englischen für situative Verärgerung nicht anders übersetzen, sofern sie sich auf das Verhalten eines Mitmenschen bezieht, dessen Anwesenheit nicht länger erwünscht ist – verpissen. Ob er ihm mal ein Video von den wiederkehrenden Regelverletzungen zeigen solle, fragte der Schwede sodann den Kanadier. Kennedy antwortete mit einer weiteren beliebten englischen Vulgarität. Verzichten wir auf eine wörtliche Wiedergabe; die Übersetzung ins Deutsche ist schon deshalb kompliziert, weil dasselbe auf Deutsch durch die Betonung des aktiven Stuhlgangs ausgedrückt wird, während im Englischen der Verzicht auf selbigen im Vordergrund steht. Curling ist im 21. Jahrhundert angekommen Weit wichtiger: Spätestens jetzt hatten alle mitbekommen, dass sich der Geist des Curlings offensichtlich ins Wochenende verabschiedet hatte. Das Video vom Wortgefecht ging viral, den Gesetzen der Algorithmen folgend, nach denen Vorfälle dieser Art, die noch vor zwanzig Jahren ein vernehmliches Räuspern und drei Bier und einen Gin Tonic später in der Sportlerbar zu Schenkelklopfen geführt hätten, plötzlich auf die Nachrichten von der Münchner Sicherheitskonferenz folgen. Curling ist im 21. Jahrhundert angekommen. Der Geist der Sports allerdings scheint seither nur sporadisch wieder aufzutauchen in der Halle in Cortina. Zunächst echauffierten sich die Kanadier über die Schweden und ihre höchst unsportliche Unverfrorenheit, eine Kamera auf der Suche nach Regelverstößen laufen zu lassen. In Mailand fragten kanadische Journalisten beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) an, ob die Schweden mit ihrer Filmerei nicht womöglich Übertragungsrechte verletzten. Am Samstag erhoben auch die Schweizer Vorwürfe gegen Kennedy. Am selben Abend musste sich Rachel Homan, dreimalige Weltmeisterin, gefallen lassen, dass einer ihrer Steine im Spiel gegen die Schweiz aus dem Spiel genommen wurde – von einem Schiedsrichter. Homan wurde wie Kennedy vorgeworfen, den Stein zu spät ein zweites Mal zu berühren (double touch). Homan bestritt, wie zuvor Kennedy, vehement jedes Fehlverhalten. Und auch wenn die visuelle Beweislage durch die Aufzeichnungen recht eindeutig scheint, lässt das die Empörung der Kanadier nur wachsen: Disqualifikation eines Steins durch einen Schiedsrichter? Mit Curling, so ihre Argumentationslinie, habe das doch nichts mehr zu tun. Nirgends auf der Welt wird Curling mit so heiligem Ernst gespielt wie in Kanada, und nirgends schauen mehr Menschen zu (auch wenn sich Letzteres offenbar gerade zu ändern beginnt). Die kanadischen Teams fühlen sich in einen Hinterhalt der Konkurrenz gelockt. Aber bitte, wenn man so spielen wolle, dann solle man sich die Schweden doch mal genauer anschauen. Übertragungsrechte hin, Sportsgeist her, plötzlich kursieren auch Videos, die zeigen, wie Schweden den Stein noch einmal mit dem Finger berühren, nachdem der Griff losgelassen wurde. Und im Spiel der Deutschen gegen Großbritannien schritt ebenfalls ein Schiedsrichter ein und nahm einen britischen Stein aus dem Spiel. World Curling, der Weltverband, hat inzwischen klargestellt, dass der double touch verboten ist und sanktioniert wird. Marc Kennedy hat gesagt, wenn ihm (wie von Eriksson) vorgeworfen werde, den Stein zweimal zu berühren, dann wisse er gar nicht, ob er das macht oder nicht. Seit Sonntag können die Teams eine Videoüberprüfung eines Teams über drei Ends fordern. Hammy McMillan, Anführer des britischen Curlingteams, forderte gegenüber der BBC die Einführung des VAR und eine begrenzte Zahl Challenges für jedes Team. Eine solche Modernisierung des Sports wäre „cool“. Curling ist tatsächlich im 21. Jahrhundert angekommen. Beim IOC ist man mit der Resonanz des Sports nicht gerade unzufrieden: „Das Interessante am Curling ist, dass es immer ein „slow burner“ ist. Auf der ganzen Welt explodiert die Popularität jedes Mal bei den Spielen. Das ist doch toll, oder?“, sagte Sprecher Mark Adams am Montag. Ob die Kontroversen aus Cortina gut für den Sport sind, wolle er nicht beurteilen. Das IOC habe ein Interesse daran, dass die Wettbewerbe im Sinne des Sportsgeists ausgetragen werden.
