Mona Juul galt als Superstar der norwegischen Diplomatie. Nach dem Posten als Staatssekretärin im Außenministerium war sie Botschafterin in Israel, den USA, bei den UN und zuletzt von Jordanien und Irak. Von diesem Amt trat sie nun am Sonntag zurück. Eine Wahl hatte sie kaum, andernfalls wäre sie wohl entlassen worden. Schon vor einer Woche war sie von ihren Amtspflichten entbunden worden. Hintergrund sind die offenbar engen Verbindungen von ihr und ihrem Mann Terje Rød-Larsen, ebenfalls eine Koryphäe der norwegischen Außenpolitik, zu dem Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. Schwere Vorwürfe gibt es deswegen auch gegen Thorbjørn Jagland, den früheren Ministerpräsidenten des Landes, Vorsitzenden des Nobelkomitees und Generalsekretär des Europarats. Auf eine Erklärung wartet die norwegische Öffentlichkeit auch im Fall von Kronprinzessin Mette-Marit, die eng mit Epstein verbunden war. Kaum ein europäisches Land ist so betroffen von den Enthüllungen wie Norwegen, kaum anderswo war die außenpolitische Elite so verstrickt mit dem Sexualstraftäter wie jene in Oslo. Die Skandale betreffen Grundpfeiler des norwegischen Staats, darunter das Amt des Ministerpräsidenten, das Außenministerium, das Nobelkomitee und das Königshaus. Und sie stehen in starkem Kontrast zur Selbstwahrnehmung des Landes als vorbildhafte Nation. In keinem anderen westeuropäischen Land, das ergab eine Umfrage des Pew Research Centers 2018, hält man sich vor anderen Nationen so überlegen wie in Norwegen. Entwicklungshilfe als „Kompensation“? In Norwegen gebe es ein sehr großes Vertrauen in den Staat, aber natürlich gebe es auch hierzulande Korruption, sagt dazu Iver B. Neumann, Direktor des Fridtjof Nansen Instituts in Oslo. „Mit jedem neuen Skandal verlieren wir aufs Neue unsere Unschuld“, sagt Neumann, der sich intensiv mit der norwegischen Außenpolitik und dem nationalen Selbstverständnis beschäftigt hat. Norwegen sei seit Langem keine große Macht mehr, betrachte sich selbst aber als große „Friedensnation“, mit hohen Ausgaben etwa für Entwicklungspolitik und Nothilfe. Das sei eine „interessante soziale Konstruktion“, vielleicht auch eine Art „Kompensation“. Schließlich verdiene das Land viel Geld mit dem Export von Waffen und Munition, außerdem beteilige es sich regelmäßig an Kriegen wie jenem in Afghanistan, so Neumann. Den gleichen Spagat macht das Land aus Sicht des Forschers im Bereich der Umwelt. Norwegen ist einer der größten Exporteure von Erdgas, seinen großen Reichtum verdankt es hauptsächlich dem Export von Öl. Zugleich ist man im Land sehr stolz darauf, dass es fast nur noch Elektroautos auf den Straßen gibt und der Strom aus regenerativen Quellen stammt. In Norwegen gebe es nun sehr viel Wut und Rufe nach Aufklärung wegen der Verbindungen, die in den Epstein-Unterlagen zum Vorschein kamen, sagt Benedicte Brøgger, eine Sozialanthropologin, die an der Norwegian Business School lehrt. Diese Wut werde wohl dadurch verstärkt, dass man in der sehr konsensorientierten Gesellschaft vielleicht etwas selbstgefällig gewesen sei und weggeschaut habe, wenn es um die Verfehlungen im eigenen Land ging. „Jetzt bekommt das Land den Spiegel vorgehalten“, sagt Brøgger. Die nun zurückgetretene Diplomatin Juul und ihr Mann Terje Rød-Larsen hatten ihren Ruhm im Land auf ihren Einsatz beim sogenannten Oslo-Prozess gegründet, das waren die Friedensverhandlungen zwischen Israel und der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO). Die Verhandlungen brachten viel Hoffnung, aber keinen Frieden. Juul und ihr Mann stiegen danach aber rasch auf. Im Jahr 2018 kaufte das Paar eine große Wohnung in einem angesagten Osloer Stadtteil weit unterhalb des Marktpreises. Der Besitzer wurde eigenen Angaben nach von Epstein unter Druck gesetzt zu verkaufen. E-Mails zeigen, dass Epstein damals schrieb, er ziehe die Schlinge „langsam zu“. Juul, ihr Mann Rød-Larsen und ihre Kinder waren Berichten nach auch auf Epsteins Privatinsel, auf der es vielfach zu Missbrauch gekommen sein soll. Zudem hatte das von Rød-Larsen geführte und auch staatlich unterstützte International Peace Institute viel Geld von Epstein bekommen. Junge, schöne und unqualifizierte Frauen aus Osteuropa sollen laut der Zeitung „Netavisen“ für kurze Zeit in dem Institut Tätigkeiten vermittelt bekommen haben. Auch bedachte Epstein die beiden Kinder des Paars in seinem Testament mit jeweils fünf Millionen Dollar. Gegen Juul wie ihren Mann ermittelt nun die zuständige Behörde wegen schwerer Korruption beziehungsweise der Beihilfe dazu. Verdacht gegen den früheren Regierungschef Tief in dem Netz von Epstein verstrickt war offenbar auch Norwegens früherer Ministerpräsident Thorbjørn Jagland. Gegen ihn ermittelt die zuständige Behörde wegen des Verdachts auf schwere Korruption. Jagland soll Epstein geholfen haben, in Kontakt mit Wladimir Putin zu kommen. Auch könnte er Vorteile und Geschenke von Epstein angenommen haben – was er abstreitet. Zudem soll er Epstein um finanzielle Hilfe bei einem Immobilienkauf gebeten haben. Zusammen mit seiner Familie soll Epstein ihn in seiner Villa in Palm Beach empfangen haben. Kurz vor seiner Verhaftung 2019 plante er offenbar ein Abendessen mit Jagland und Rød-Larsen in Paris. Betroffen von den jüngsten Enthüllungen ist weiterhin der frühere norwegische Außenminister Børge Brende, der derzeit dem Weltwirtschaftsforum (WEF) vorsitzt. Er traf Epstein mehrmals, nannte ihn seinen „Freund“. So nannte auch Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit Epstein: Sie schrieb ihrem „verrückten Freund“ Epstein Dutzende E-Mails, traf sich wiederholt mit ihm, tauschte sich mit ihm über seine „Frauenjagd“ und Skandinavierinnen als „Ehefrauenmaterial“ aus. Mehrfach hat sich Mette-Marit dafür entschuldigt, aber stets nur mittels Mitteilungen des Königshauses. Im Land hält man es als kaum noch für vorstellbar, dass sie Königin werden kann. Das Parlament hat nun eine offizielle Untersuchung der norwegischen Epstein-Verbindungen beschlossen. Eine Kommission soll alle persönlichen, diplomatischen und finanziellen Kontakte zwischen norwegischen Amtsträgern und Epstein untersuchen. „Transparenz und Aufklärung dieses Falls sind unerlässlich“, sagte dazu Ministerpräsident Jonas Gahr Støre. Auch seine sozialdemokratische Arbeiterpartei unterstützt die Untersuchungskommission – sie steht dabei selbst im Fokus, Jagland, Juul und Rød-Larsen gehören ihr an. In den nordischen Nachbarstaaten Dänemark und Schweden, die weit weniger von den Epstein-Enthüllungen betroffen sind, sorgen die norwegischen Skandale derweil für Häme. Die zu reich gewordenen „Meister der Selbstgefälligkeit“ und des Fahnenschwenkens habe die „harte Realität“ erreicht, heißt es etwa in der Zeitung „Svenska Dagbladet“. Der grenzenlose Reichtum habe die Norweger wohl so sehr geblendet, dass sie sich selbst nicht mehr in die Augen sehen könnten, schreibt wiederum der Chefredakteur der dänischen Zeitung „Politiken“.
