FAZ 22.11.2025
12:23 Uhr

Vorweihnachtszeit: Wehe, wenn der Advent zu früh beginnt


Weihnachts-Prepper setzen auf ultrafrühe Vorbereitung. Angeblich, weil das Stress vermeidet. Aber nimmt uns das nicht die Freude am Weg hin zu Weihnachten?

Vorweihnachtszeit: Wehe, wenn der Advent zu früh beginnt

Sind Sie der Typ „Ich kann von Advent und Weihnachten gar nicht genug bekommen und fange deshalb im September an, Weihnachtslieder zu summen“? Oder eher der Typ „O nein, völlig, unvorhergesehen ist auch an diesem 24. Dezember Heiligabend“? Dazwischen schien es bislang sehr wenige Schattierungen zu geben. Dabei gibt es kaum eine Zeit im Jahr, in der das Rest-Christentum nach außen sichtbar so durch Festivitäten getaktet ist wie andere große Weltreligionen. Es ist auch eine kulturelle Leistung, sich diesem Rhythmus, im Rahmen dessen, was man will und mag, hinzugeben. Dazu hat lange gehört, dass Weihnachtsmärkte nicht vor dem Totensonntag öffnen – der ist dieses Jahr am 23. November, und mit ihm endet in den westeuropäischen Kirchen auch das Kirchenjahr. Alles auf null, mit dem Advent fängt dann eine Woche später ein Weg an. Doch da sich Weihnachten wie nichts anderes zur Kommerzialisierung eignet, schwindet das Bewusstsein für diesen Rhythmus, in den man sich einschwingen kann. Und jetzt gibt es zwischen den Allzeitweihnachtern und den Last-Minute-Shoppern eine anscheinend immer größer werdende dritte Gruppe: die Weihnachts-Prepper. Wer will schon antike Plätzchen? Schon seit exakt der Novembermitte sind die sozialen Medien geflutet von Leuten und Unternehmen, die ihr fix und fertig gebackenes Weihnachtsgebäck demonstrieren. Um dann mit größtmöglicher Reichweite zu fragen, wie lange sich die Plätzchen denn wohl halten, die man Anfang November gebacken hat. Wohlgemerkt: Um sie am 24. oder 25. Dezember zu servieren oder zu verschenken. Bei selbst gemachtem Gebäck kann man da nur sagen: Mit ganz, ganz wenigen Ausnahmen wie Stollen oder Christmas Pudding hat es noch keinem Keks geholfen, als Antiquität unter dem Baum zu landen. Und die Dinger heißen mit Fug und Recht Weihnachts- und nicht Adventsplätzchen, weil sie quasi als haltbare Geburtstagstorte für das Jesuskind seinen irdischen Freunden offeriert wurden. Abgesehen also von schalen oder ranzigen Vanillekipferln – was gibt und nimmt man sich, wenn man den Advent in den frühen November verlegt? Viele argumentieren dieser Tage, es sei wahnsinnig effizient, das Backen und den Geschenkekauf so früh wie möglich zu erledigen, weil der Dezember ja ohnehin schon so stressig sei. Aber ehrlich – wo bleibt da das Vorbereiten, die Wegstrecke, die genauso ein Teil der Feier ist? Wer Backen als Stress empfindet, muss womöglich nicht seinen Instagram-Kanal mit 16 verschiedenen Sorten zuspammen. Sondern kann es auch einfach lassen. Kekse mit Weihnachtsdekor gibt es seit September in jeder Preisklasse zu kaufen. Und nach den ultrakurzen Adventen der vergangenen Jahre schwingen wir uns auf drei Jahre mit langem Advent ein – erst 2028 fallen der vierte Advent und Weihnachtsabend wieder zusammen. Wie bei vielen Dingen macht das Wissen die Sache schöner. In diesem Fall sogar ein paar Tage länger. Zeit, um dem Adventsstress womöglich doch zu entgehen. Oder ihn ganz bewusst zu genießen.