Der kleine Neffe spielt im Krippenspiel den Hirten. Wenn er bis dahin seinen Text kann. Noch, berichtet die Mutter, sei das nicht der Fall. Aber es gibt ja auch noch einen ganzen Tag zum Üben. Und die Generalprobe. Da ist es zwar schön, wenn sämtliche Textpassagen schon sitzen, aber auch kein Beinbruch, wenn die Probe noch der Aufbauarbeit dient. So ein Krippenspiel ist schließlich nicht „Hamlet“, in dem alle Beteiligten ellenlange Monologe aufsagen. Und die Hirten müssen erst recht nicht viele Worte machen. Sie hören eher dem Engel zu, der ihnen erklärt, was drüben im Stall gerade passiert ist. Mehr als eine Bemerkung darüber, dass sie sich jetzt schleunigst auf den Weg nach Bethlehem machen sollten, wird von ihnen vermutlich gar nicht verlangt. Aber sage keiner, die Religion spiele im Leben des deutschen Grundschulkinds nur noch eine untergeordnete Rolle. Wenige Tage vor den Weihnachtsferien hat der Viertklässler einen Aufsatz verfassen müssen, in dem er aufschreiben sollte, was Martin Luther mitten in den Wirren der Reformation dem Papst schreibt. Ein Exerzitium ganz eigener Art. Es gibt Konfirmanden, denen fiele dazu kaum etwas ein. In einer niedersächsischen Kleinstadt gibt es dafür jetzt eine kleine Horde lutherisch hochgebildeter Neunjähriger. Gegen die Bildungsmisere Dabei war der Aufsatz nicht als Kontrolle religiösen Wissens gedacht. Er diente vielmehr dem Training des Textaufbaus. Um Anfang, Mitte und Ende der schriftlichen Äußerung ging es der Klassenlehrerin. Was im Laufe der vergangenen Jahrzehnte nicht in jeder Grundschulklasse so ernst genommen worden sein dürfte wie bei ihr. Frohe Kunde also zum Weihnachtsfest: Während Kinder und Eltern über dem Smartphone verblöden, wird der Bildungsmisere zumindest mitten in der Lüneburger Heide tatkräftig entgegengewirkt. Zum Schrecken der Schüler. Lange hat der kleine Neffe mit seiner Mutter trainiert, was Luther dem Papst alles geschrieben haben könnte. Denn ein kurzer Notizzettel darf mit in den Klassenraum genommen werden. Da muss man also schon mit etwas religionsgeschichtlicher Substanz aufwarten. Der Onkel wird Zeuge eines Gesprächs, in dem die wichtigsten Punkte wiederholt werden. Ihm kommt es vor wie eine Theologieprüfung. Der Neffe nimmt es mit überraschendem Gleichmut. Er hat seine biblischen Schäfchen schon ins Trockene gebracht. Am dritten Advent hat er um die Aushändigung der Weihnachtskrippe der Großmutter gebeten, die er bei sich zu Hause aufstellen wollte. Er kennt sie aus den Vorjahren und hat bei ihrem Aufbau schon mitgewirkt, als er noch ganz klein war. Die Heilige Familie mit dem Kind in der Krippe, die Könige mit ihrem Kamel, die Hirten mit ihren Schafen und allerlei heidetypisches Getier rund um Ochs und Esel sind ihm vertraut. Nun liegt ihre Welt in seiner Hand. Muss ihm bloß noch einfallen, was die Hirten zueinander sagen.
