FAZ 08.02.2026
16:56 Uhr

Vor Sicherheitskonferenz: Ischinger plädiert für Kerneuropa


Kurz vor der Münchner Sicherheitskonferenz kritisiert deren Vorsitzender im F.A.Z.-Interview Europas Spitzenpolitiker. Sie dürfen nicht nur reden, sondern müssten endlich handeln, fordert er.

Vor Sicherheitskonferenz: Ischinger plädiert für Kerneuropa

Der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz hat dafür geworben, dass die europäischen Staats- und Regierungschefs nicht nur darüber reden, dass sie die Zeichen der Zeit erkannt hätten, sondern auch konkrete Maßnahmen folgen lassen. „Es darf für Europa nicht mehr nur um Selbstvergewisserung gehen und aufrüttelnde Reden“, sagte Wolfgang Ischinger der F.A.Z. vor dem Start der Konferenz am Freitag. „Wir brauchen Fortschritte“, sagte er. „Sei es mit einem Kerneuropa, dass bei wichtigen Entscheidungen vorangeht, sei es mit Mehrheitsentscheidungen statt Einstimmigkeit in der EU auch bei Fragen der Außenpolitik oder bei dem Aufbau einer europäischen Rüstungsindustrie, die Großbritannien einbezieht oder Norwegen.“ Noch habe er Zweifel, dass das gelinge, sagte Ischinger der F.A.Z. „Aber die Zeit, die uns die Ukraine mit ihrem Freiheitskampf gegen Russland verschafft, darf nicht ungenutzt verstreichen.“ Nach der europakritischen Rede des amerikanischen Vizepräsidenten Vance auf der Konferenz im vergangenen Jahr und dem angespannten Verhältnis zu Washington zuletzt, sieht Ischinger trotzdem Hoffnungsschimmer. Selten sei zwar die Lage so schwierig wie vor dieser Konferenz, sagte er der F.A.Z., „das transatlantische Verhältnis ist angeschlagen, wir haben einen massiven Vertrauensverlust“. Ischinger fügte jedoch an: „Aber auch wenn wir nur das erste Jahr der zweiten Amtszeit von Präsident Trump hinter uns haben, dürfen wir nicht vergessen, dass der Kongress noch immer eine andere Rolle spielt.“ Dort seien „die Verteidiger der NATO und des transatlantischen Verhältnisses noch immer in der Mehrheit“. Bei der Konferenz werden etwa 50 Kongressmitglieder erwartet. Allein schon die Tatsache, dass man dieses ungebrochen große Interesse von Mitgliedern des Kongresses habe, halte er für eine wichtige Chance. „Es macht einen Unterschied, ob all diese Kongressmitglieder in Washington sind und womöglich dem Präsidenten nach dem Mund reden“, sagte Ischinger der F.A.Z. „Oder ob sie über zwei Tage lang in München konfrontiert werden mit den Ansichten und Argumenten ihrer transatlantischen Partner.“