FAZ 13.02.2026
07:19 Uhr

Vor CDU-Parteitag: Machen Frauen wirklich bessere Politik?


Die Hessin Ines Claus will stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU werden. Sie ist überzeugt, dass mehr Frauen in der Partei auch mehr Wählerinnen überzeugen könnten.

Vor CDU-Parteitag: Machen Frauen wirklich bessere Politik?

Ines Claus sagte sofort Ja. Ob sie nicht Bedenkzeit brauchte, ob sie nicht Mann und Kinder vorher fragen wollte? Beides berichten Politiker gern, wenn es um den Moment kurz vor einem Karrieresprung geht. Vielleicht um Familiensinn zu zeigen, vielleicht um Demut vor einem Amt zu signalisieren. Claus lächelt. Sie sei schon platt gewesen, als ihr Minister­präsident Volker Bouffier das Angebot machte, nach nur einem Jahr als Ab­geordnete den Vorsitz der CDU-Fraktion im Hessischen Landtag zu übernehmen – aber sie griff doch zu. Sie will Macht und hat kein Problem, es zu zeigen. Hessens Finanzminister Thomas Schäfer hatte sich im Frühjahr 2020 das Leben genommen, der bisherige Fraktionsvorsitzende wurde sein Nachfolger, und Bouffier brauchte Ersatz für ihn. Mit seiner Wunschkandidatin Claus ging er ein Risiko ein: Unter jenen Christdemo­kraten, die sich selbst für viel berufener hielten, sorgte der Wahlvorschlag des Neulings für Missfallen. Gewählt wurde Claus trotzdem, der Schaden für den eigenen Landesvorsitzenden wäre zu groß geworden – aber sie musste sich erst noch beweisen. Kurz nach ihrer Wahl sagte sie: „Eine Frau mit drei Kindern aus der vierten Reihe der Fraktion ist Vorsitzende geworden.“ Seit bald sechs Jahren sitzt Claus zumindest in Wiesbaden in der ersten Reihe. Sie hat sich so profiliert, dass sie im Landesverband als die Nummer zwei nach Boris Rhein gilt, der auf Bouffier im Amt des Ministerpräsidenten folgte. Als Bundeskanzler Friedrich Merz sein Kabinett zusammenstellte, kursierte Claus’ Name. Sie sagte in einem Fernsehinterview ab: Ihr Platz sei in Hessen. Vielleicht auch, um der Gefahr zu ent­gehen, doch nicht gefragt zu werden. Ende nächster Woche soll sie beim CDU-Bundesparteitag in Stuttgart stellvertretende Vorsitzende ihrer Partei werden. Für Claus wird eigens ein Stellvertreterposten geschaffen. Die 48 Jahre alte Politikerin lässt keinen Zweifel daran, dass sie in der Partei etwas bewegen, dass sie über Hessen hinaus Einfluss nehmen will. Eine Jugend in der Kirche Ihr Weg in die Politik ist selten geworden. „Letztlich bin ich durch die Kirche in die CDU gekommen“, sagt Claus. Sie sitzt auf der Rückbank ihrer Dienst­limousine und erzählt von ihrer Kindheit: Geboren und aufgewachsen ist sie in Bochum (was man manchmal auch leicht hört), ihr Vater arbeitete im dor­tigen Opel-Werk und wechselte, als sie acht Jahre alt war, in den Hauptstandort des Autobauers nach Rüsselsheim in Südhessen. Ihr Engagement in der Kirche begann damit, dass es in Claus’ Heimatort Bischofsheim keine Videothek gab. Sie und eine Freundin halfen dabei, die katholische Bücherei wiederzube­leben, um dort DVDs ausleihen zu können, erinnert sie sich. Claus spielte in einer Sakropop-Band der Katholischen Jugend, verkaufte Cocktails für den guten Zweck und half in der Firmvorbereitung. Eine Jugend in der Kirche, gezeichnet in warmen Farben. Damals habe sie gemerkt, dass man etwas bewegen und dabei Spaß haben könne. Mit Anfang 20 saß Claus im Pfarrgemeinderat, studierte Jura, als sie jemand aus dem CDU-Ortsverein ansprach: „Du machst doch immer so viel bei der Kirche, willst du nicht bei uns mit auf die Wahlliste?“, erinnert sich Claus. Sie war im Gemeinderat, später im Kreisvorstand der CDU. Es ist der Weg über die Kommunalpolitik, nicht über das Studentenparlament oder die Junge Union. Einer, der Claus gut kennt, sagt, das zeichne sie aus: Sie sei eine Pragma­ti­kerin, keine Ideologin. Nach dem zweiten Staatsexamen machte sie einen Abstecher in die Wissenschaft, fing aber bald an, für den damaligen Landtags­präsidenten zu arbeiten. Dort fiel sie Volker Bouffier als „sehr fähig“ auf, wie er sich heute erinnert. Claus bekam drei Kinder, nahm zwei Elternzeiten, engagierte sich in Elternvertretungen in Kita und Schule und stieg in der Landtagsverwaltung zur Leiterin Europa und Internationales auf. Claus beherrscht persönliche Begegnungen Als sich vor der Wahl 2018 abzeich­nete, dass der Nachbarwahlkreis frei werden würde, fragte man sie wieder, ob sie sich eine Kandidatur vorstellen könne. In Claus’ Erzählung ergeben sich die Dinge so, sind es andere, die ihr etwas anbieten. Als sie Fraktionsvorsitzende wurde, musste sie sich gegen den Vorwurf wehren, dass sie den Posten bekam, weil sie eine Frau war. „Mir wurde nichts geschenkt“, sagte sie verteidigend. Bouffier fand, dass es an der Zeit war für eine Fraktionsvorsitzende. Zu dieser Zeit war Claus die einzige Frau an der Spitze einer Unionsfraktion bundesweit. Claus aber habe mehr verkörpert, so Bouffier: klug, strategisch, Gewinnerin ihres Wahl­kreises – das Gesamtpaket habe gestimmt. Ines Claus steht inzwischen in einem Industriegebiet in Darmstadt. Sie begrüßt die Gründer von Focused Energy, den Manager Thomas Forner und den Physikprofessor Markus Roth wie alte Bekannte. Claus, fester Händedruck, lautes Lachen, beherrscht persönliche Begegnungen wie diese. Hier punktet sie, nicht unbedingt als Rednerin auf Parteitagen oder im Landtag. Als sie vor drei Jahren das Start-up Focused Energy kennenlernte, war sie gleich angetan: ei­ne Ausgründung der TU Darmstadt, die in der Weltspitze mitspielt – eine hes­sische Erfolgsgeschichte, mit der sich die Landespolitik gern schmückt. In einem Besprechungsraum erklären die Gründer dem mitreisenden Journalisten, was es mit ihrem Ansatz der Fusionskraft auf sich hat. Claus lehnt sich zurück, das hat sie schon gehört. Vereinfacht gesagt, erzeugen Laser extremen Druck und Hitze, sodass leichte Atomkerne miteinander verschmelzen und dabei Energie freisetzen. In rund zehn Jahren will das Unternehmen mit dieser Technologie ein Gigawatt Strom im Jahr produzieren. So viel Energie erzeugen heute 2000 bis 3000 Windräder an Land. Es läuft gut für die Firma, zuletzt stieg der Energieriese RWE ein, und in den nächsten Jahren soll am Standort des stillgelegten Atomkraftwerks Biblis ein Lasercampus mit Probereaktor entstehen. Der Vorschlag kam von Claus, sagen die Unternehmer. Also, was ist bei Ihnen der nächste Schritt? Wo können wir Sie unterstützen?“, will Claus wissen. Es geht um den Kontakt zum Forschungsministerium und die Förderung des Landes. Claus macht sich Notizen im Handy. Sie könne nichts versprechen, sagt sie, sie sei „nicht operativ“, also Teil der Regierung. Beim späteren Rundgang durch die Labore sagt Gründer Forner, dass das Unternehmen ohne Claus heute nicht dort wäre, wo es ist. Sie habe an vielen Stellen Kontakte hergestellt und vermittelt. Gewiss will man ihr damit schmeicheln, das Start-up hängt auch von öffentlicher Förderung und gutem Willen der Politik ab, was die Regulierung der neuen Technologie betrifft. Claus erkannte aber auch das politische Potential der Kernfusion. Sie schrieb in das Wahlprogramm zur Landtagswahl 2023, dass Hessen Leitstandort dafür werden soll. So steht es heute im schwarz-roten Koalitionsvertrag, 20 Millionen Euro flossen im vergangenen Jahr an Landesförderung an die Firma. Claus nahm mit der Forderung im Wahlkampf eine Zielgruppe in den Blick, die vom Atomausstieg der Union 2011 enttäuscht war und die an der Zuverlässigkeit der Energiewende zwei­felte. Es ist zielgruppenoptimierte Politik: Das Versprechen einer Eigenheimzulage richtete sich an junge Familien, die Forderung nach einer Fußfessel für gewalttätige Ex-Partner an Frauen. Nicht jedem in der Partei gefiel das, aber die fast 35 Prozent, die 2023 am Ende standen, ließen Kritiker verstummen. Es war Rheins Sieg, aber er trug auch Claus’ Handschrift und stärkte sie in der Fraktion und im Landesverband. Würde Rhein morgen zurücktreten, sagt einer, wäre sie als Nachfolgerin „so ziemlich gesetzt“. Rhein spricht gern von seiner „Freundin Ines Claus“, wenn es um sie geht. Sie verstehen sich gut, aber im Falle einer Machtverschiebung könnte sie auch Gegenspielerin sein. Sie will die Enttäuschten zurückgewinnen Als der Ministerpräsident bei einer Tagung kürzlich in Fulda vor Anhängern über die Grünen herzog, das Ende des „Maulkorbs“ und die Rückkehr der Meinungsfreiheit verkündete, applaudierte Claus. Von ihr gibt es so drastische Angriffe gegen den politischen Gegner jedoch selten. Manchmal klingt sie bei­nahe staatsmännischer als er. Sie sprach in ihrer Rede bei der CDU-Tagung von der „Zalando-Mentalität“ der Menschen: „So wie sie heute im Internet etwas bestellen, wollen sie auch, dass die Politik von heute auf morgen ihr Leben verbessert. Der Rechtsstaat ist aber kein Lieferdienst.“ Die Erwartungen der Wähler hängen eng mit dem Erfolg der AfD zusammen. Bei einem Gespräch auf der Rückbank ihres Autos sagt Claus dazu Dinge, die viele in der Union vertreten: Sie will die Enttäuschten durch gutes und verlässliches Regieren zurückgewinnen und redet über Vertrauensaufbau. Rhein lässt bundespolitisch eine große Lücke. Er geht nicht in Talkshows, an parteiinternen Debatten beteiligt er sich meist zurückhaltend. Auch auf einen Platz im Präsidium der Bundespartei verzichtete er, von Amts wegen ist er be­ratendes Mitglied. Stattdessen zog Claus 2022 in das Parteigremium ein. Zwei Jahre später wäre sie gern stellvertretende Bundesvorsitzende geworden, zog aber aufgrund der Kandidatur von Karl-Josef Laumann aus Nordrhein-Westfalen zurück. Hätte man die Entscheidung intern besser vorbereitet, hätte sich auch Claus durchsetzen können, hört man im Landesverband. Sie habe ungeschickt agiert. Sie selbst sagt, sie habe keine Kampf­kandidatur haben wollen, bei der sie im Zweifel wohl gegen eine der beiden Stellvertreterinnen hätte antreten müssen. Nun wird ein zusätzlicher Stellvertreterposten für Claus geschaffen, auch um die vorgegebene Parität zu erfüllen. Ein strategisches Risiko Wenn Claus über die Ziele spricht, die sie über Hessen hinaus hat, sind da zwei Dinge: Sie will, dass die CDU sich wieder stärker mit den Kirchen verzahnt und ihre Nähe sucht. „Das C steht nicht umsonst in CDU“, sagt sie. Vor allem aber ist es die Frauenförderung in ihrer Partei. Claus fügt gleich an, dass sie von der Quote nie viel gehalten habe, nicht wegen „Frauenthemen“ in die CDU ge­gangen sei und eher Typ „Erfahrungs­feministin“ sei: Mit den freiwilligen Lösungen habe es nicht geklappt, jetzt müsse man es mit verpflichtenden Vorgaben versuchen. Jedes zweite Vorstandsamt muss, zunächst in einer Art Testphase bis 2029, eine Frau einnehmen. „Mehr Frauen in der CDU ver­bessern auch unsere Wahlergebnisse“, ist Claus überzeugt. Unter den älteren Wählern, die die Partei etwa bei der Bundestagswahl stabili­sierten, waren überdurchschnittlich viele Frauen. Dass die CDU unter jungen weiblichen Wählern hingegen derart unbeliebt ist, gilt als strategisches Risiko. „Über Listen erreichen Sie nicht, dass mehr Frauen für die CDU in Parlamenten sitzen“, sagt Claus. In Hessen zog sie bei der Bundestagswahl überhaupt nicht, bis auf drei Ausnahmen waren alle Wahlkreise direkt gewonnen worden. Claus hält es für wichtiger, die Bedingungen für Engagement in der Partei zu verbessern. Dass die meist abends stattfinden Sitzungen inzwischen auch digital übertragen werden, erleichtere Frauen mit kleinen Kindern die Teilnahme. Das habe durchaus einen Effekt, reiche aber noch nicht aus. „Die Sichtbarkeit von Frauen ist wichtig, aber wir machen als Volkspartei auch bessere Politik, wenn die Hälfte der Gesellschaft mit am Tisch sitzt“, sagt Claus. Machen Frauen bessere Politik? Claus antwortet darauf nicht, sagt aber, dass ihre Familie sie erst zu einer guten Po­litikerin mache. Das klingt nach demons­trativem Familiensinn. Sie kenne die Probleme des Landes nicht aus der Zeitung, sondern vom Küchentisch: Wenn ihr Mann, ein niedergelassener Hausarzt, über Bürokratie in der Gesundheit klage, wenn ihre Kinder von Problemen in der Schule berichteten oder sich andere Eltern am Spielfeldrand beim Fußball­training beschwerten. Es brauche Poli­tiker, die mit beiden Beinen im Leben stehen.