FAZ 09.05.2026
17:30 Uhr

Vor 25 Jahren: War früher alles besser?


Michael Schumacher fuhr noch Formel 1, die Mietpreise in Berlin waren moderat und Putin Gast beim Staatsbankett: 2001 erschien erstmals die F.A.S. – kann man da nostalgisch werden?

Vor 25 Jahren: War früher alles besser?

Die Zukunft hat den Nachteil, dass wir sie nicht kennen. Wir können sie erahnen, können versuchen, Entwicklungen zu prognostizieren, doch was wirklich geschehen wird, wissen wir nicht. Das ist, wenn schon nicht beängstigend, so doch unkomfortabel. Mit der Vergangenheit ist es anders: Wir haben sie durchlebt, haben sie, mehr oder weniger erfolgreich, hinter uns gelassen und können es uns in unserer Nostalgie gemütlich machen. Verdrängung gehört natürlich dazu. Im Januar 2026 zum Beispiel kamen viele noch recht junge Menschen überein, sich kollektiv nach 2016 zurückzuträumen, ein Jahr, dessen vermeintliche Unschuld sich in dem Hundeschnäuzchen manifestierte, das sich auf Social Media seinerzeit viele ins Gesicht filterten. 2016 war allerdings auch jenes Jahr, in dem Donald Trump erstmals zum US-Präsidenten gewählt wurde, schon vergessen, liebe Gen Z? Die Gnade einer Geburt in unschuldigen Zeiten ist der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung nicht vergönnt gewesen, denn als ihre überregionale Ausgabe zum ersten Mal erschien, lag die – neben der Corona-Pandemie – größte Erschütterung, welche die Menschheit in der Zeit nach den Weltkriegen und dem Mauerfall erfahren hat, ganze drei Wochen zurück: In Manhattan waren die von Terroristen attackierten Türme des World Trade Center am 11. September 2001 in sich zusammengestürzt und mit ihnen das westliche Lebensgefühl, von der Unbill dieser Welt nur peripher tangiert zu werden. Am 30. September kam erstmals die F.A.S. heraus, eine neue Zeitung in einer bewegten und damit, wie man so sagt, für den Journalismus guten Zeit. 25 Jahre danach lädt ihre Erstausgabe dazu ein, zu prüfen: Wie stellt sich aus heutiger Sicht die Welt dar, die sie damals abbildete? Kann sie in uns nostalgische Gefühle wecken? Wird sie uns vor Augen führen, dass früher auch nicht alles besser war? Oder war es das allermeiste, trotz 9/11, doch? Es ist ein fast utopischer Moment Eine überraschende Erkenntnis: Im Angesicht der Katastrophe scheint der Weltenlauf im September 2001 kurz innezuhalten. Es ist ein wundersam friedlicher, fast utopischer Moment, genährt vom Geist des unschuldigen Nichtwissenkönnens: Der amerikanische Krieg gegen den Terror mit seinen folgenschweren Kollateralschäden hat noch nicht begonnen, und es wirkt, als rücke eine von den Gräueltaten Al-Qaidas angewiderte Erdbevölkerung enger zusammen. In der „Stunde der Wahrheit“, stellt der F.A.S.-Politikteil fest, kehre das Amerika des George W. Bush „in die Weltgemeinschaft zurück“ und bilde eine – wenn auch fragile – Allianz. Selbst Gaddafi und Assad hätten ihre Unterstützung zugesichert, und auch „ein Teil der Führung in Teheran (hätte), trotz ihrer antiamerikanischen Ideologie, Interesse am Kampf gegen den Terrorismus bekundet“. Dem amerikanischen Präsidenten bescheinigt die F.A.S. zu diesem Zeitpunkt „eine methodische, disziplinierte und umsichtige Handlungsweise“ – Begriffe, die im Zusammenhang mit dem aktuellen Amtsinhaber niemals je fallen werden. Der aus heutiger Perspektive erstaunlichste Verbündete des Westens heißt Wladimir Putin. „Präsident Putin hat Washington Unterstützung zugesagt, doch er streitet noch mit seinen Generälen, die die NATO nicht auf russlandnahem Boden sehen wollen“, lesen wir. Putin als Täuberich, der mit den Militärfalken ringt: eine verblüffende Vorstellung. Oder Verstellung? Tage zuvor hat Putin im Bundestag gesprochen, auf Deutsch, und in seiner laut F.A.S. viel gelobten Rede unter anderem gesagt, „Untaten“ dürften nie politischen Zielen dienen. Beim Staatsbankett in Berlin sitzt das Ehepaar Putin mit Bundespräsident Rau und Außenminister Fischer an Tisch 14. CDU-Chefin Merkel sitzt an Tisch 9, mit dem Gouverneur von Jaroslawl und mit Walter Scheel. Die Terrorbekämpfung wirkt sich auch auf den Bundeshaushalt aus, in dem plötzlich eine Lücke von – wir Heutigen lächeln milde – 3,5 Milliarden Euro klafft; in der Not hat man erst einmal die Tabaksteuer erhöht. In Hamburg staunt man über den Wahlerfolg von Rechtspopulisten, der „Partei Rechtsstaatlicher Offensive“ des Amtsrichters Schill. „Je stärker eine Protestpartei in die Exekutive eingebunden wird, desto weniger gerät sie außer Rand und Band“, glaubt der CDU-Mann Ole von Beust, der mit Schill koalieren wird; außer Rand und Band geraten die Partei und ihr Gründer bald trotzdem. Die Grünen wiederum erleben in Hamburg „die sechzehnte verlorene Landtagswahl in Folge“, und das ganz ohne Habeck’sches Heizgesetz. Bärtige, gottesfürchtige Männer Im Feuilleton-Interview provoziert der Schriftsteller Christian Kracht mit abenteuerlich ästhetizistischer Weltbetrachtung, preist die Taliban als „camp“ und erbietet deren Führer Mullah Omar „vollen Respekt“, da der sich nicht fotografieren lasse; in Iran wiederum sei das finstere Schah-Regime „durch etwas Schönes und Neues ersetzt“ worden, „durch einen bärtigen, gottesfürchtigen Mann“. Am Ende antwortet Kracht auf die Frage, ob er gelegentlich Angst habe: „Nein. Wenn ich Angst hätte, müsste ich ja anfangen nachzudenken.“ Und relativiert, wenn man so will, all den zuvor geäußerten Unfug als gedankenloses Gerede. Diedrich Diederichsen wagt derweil in einem Abgesang auf den Popkönig Michael Jackson die These, dieser hätte im Business nur dann noch eine Chance, „wenn er tatsächlich ein neues Modell vorschlagen würde: asexueller Mann zum Beispiel oder Kindmann“. Etwas Kindliches hatte Jackson ohne Frage; ob seine Sexualität abwesend oder abgründig war, darüber rätselt man bis heute. Michael Schumacher fährt noch Formel 1 Im Wirtschaftsteil darf Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp die längst wehmütig stimmende Frage beantworten: „Beherrschen das internationale Automobilgeschäft nur deutsche Manager?“ Franz Beckenbauer sagt im Sportteil über ein mögliches Scheitern der Nationalelf unter Rudi Völler in der WM-Qualifikation: „Für mich ist das unvorstellbar. Ich meine, realistisch ist es trotzdem.“ Michael Schumacher fährt noch Formel 1, Jan Ullrich gewinnt noch Radrennen. Abgedruckt wird ein Zitat des Torhüters Jens Lehmann über den norwegischen Schiedsrichter, der die BVB-Pleite in Porto gepfiffen hat: „Der Norweger hat vielleicht Ahnung vom Bäumefällen, aber nicht vom Fußball.“ Viele Jahre später wird sich Lehmann mit einer Kettensäge keinen Baum, aber den Dachbalken eines Nachbarn vornehmen und dafür verurteilt werden. Wie ein Märchen aus alten Zeiten mutet ein Text im Immobilienteil an: „Der Wohnungsmarkt in Berlin verzeichnet momentan ein moderates Preisniveau.“ 130.000 Hauptstadtwohnungen stünden leer. In den „Herzblatt-Geschichten“ finden sich Lästereien von Thomas Gottschalk: „Ich wüsste auch nicht, ob ich wie Dieter Bohlen mit einer 23-Jährigen durchs Mittelmeer schippern wollte. Zwei Wochen den Bauch einziehen und Techno hören – eine Horrorvision.“ Die 23-Jährige von damals ist längst Bohlens Exfrau, die heutige Gattin des 72-Jährigen ist 42. Auch Gottschalk selbst, 75, hat mittlerweile eine deutlich jüngere Partnerin an seiner Seite – die allerdings auch schon 64 ist. Techno wird er da nicht hören müssen. Schon damals beliebt: vegetarische Küche Interessant sind auch die Anzeigen. Der Uhrenhersteller IWC bewirbt seinen Doppelchronographen mit Weicheisenkäfig zum Schutz vor Magnetfeldern mit dem Satz: „Outen Sie sich als Mann.“ Der Schauspieler Hardy Krüger Jr. präsentiert ein edles Hemd von Van Laack, neben seinem Foto steht der Satz: „I Wear the Crown“. 25 Jahre später ist Krüger Jr. aus dem Luxussegment ins Dschungelcamp gerutscht, die Dschungelkrone indes blieb ihm verwehrt. Schon Dauergast im Trash-TV ist Ex-Richter und Ex-Politiker Ronald Schill. Auch eine der legendär winzigst bedruckten Anzeigen des Zweitausendeins-Verlags findet sich im Blatt. Er empfiehlt unter anderem „unser bestverkauftes Kochbuch: Vegetarische Küche“ (bestverkauft, damals schon?!) und „Kindlers Neues Literatur-Lexikon“ auf CD-ROM – „Voraussetzungen: Windows-PC mit 100 MHz Pentium oder höher, Windows 95/98/NT, möglichst 32 MB RAM, 199 DM statt 3650 DM für die Leinen-Ausgabe“. Tempi passati. Waren es nun bessere Zeiten? Es waren jedenfalls andere. Einen gegensätzlichen Eindruck bietet einzig der Blick ins Fernsehprogramm. Am Sonntag, den 30. September 2001, zeigt das Erste abends einen „Tatort“ mit Ulrike Folkerts, das ZDF einen Rosamunde-Pilcher-Film und RTL „Bodyguard“ mit Whitney Houston und Kevin Costner. Manche Dinge ändern sich auch in 25 Jahren nicht, und ein bisschen ist das schon beruhigend.