Fast 20 Jahre haben die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Indien gedauert. Dass es nun endlich konkret wird, wurde erst kurz vor dem Ziel klar. So hat der indische Handels-Staatsekretär Rajesh Agrawal am Montag erklärt, dass die Verhandlungen beendet und beide Seiten bereit seien, die Einigung am Dienstag zu verkünden. Indien sei bereit, die Zölle auf den Import von Autos deutlich zu senken, hieß es aus Regierungskreisen in der Hauptstadt, von derzeit bis zu 110 Prozent auf 40 Prozent. Später werde der Satz sogar auf zehn Prozent fallen. Die Nachricht, offensichtlich zielgerichtet als freudige Botschaft an die größte europäische Volkswirtschaft und deren Autoindustrie lanciert, könnte die Verkäufe deutscher Hersteller tatsächlich stark treiben. Indien und EU wollen Trump Botschaft senden Das ist auch nötig, wenn Indien zum „Wunschpartner“ Deutschlands werden soll, wie Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bei seinem jüngsten Besuch im Land gesagt hat. Stand heute spielt die bevölkerungsreichste Nation der Welt in den Bilanzen deutscher Autokonzerne kaum eine Rolle. 19.000 Fahrzeuge hat Mercedes in Indien im vergangenen Jahr ausgeliefert, etwas weniger als 2024. In China betrug die Zahl trotz eines im Jahresvergleich heftigen Einbruchs um ein Fünftel im selben Zeitraum immer noch 575.000. Der Volkswagen-Konzern hat in Indien im vergangenen Jahr 117.000 Autos verkauft. Das war zwar eine Steigerung um über ein Drittel im Vergleich zu 2024. Doch im Vergleich zum größten Markt der Wolfsburger nimmt sich die Zahl immer noch bescheiden aus. In China setzte VW im vergangenen Jahr rund 2,7 Millionen Fahrzeuge ab. Die Größenunterschiede machen klar, worum es beim Freihandelsabkommen am Dienstag zuallererst geht: um die politische Botschaft an Amerika, dass hier zwei Wirtschaftsmächte zueinanderfinden, deren bisher wichtigster Partner sich zunehmend zum Gegner entwickelt. Während Trump seine jüngste Zolldrohung an die EU wieder kassiert hat, stehen Amerikas Strafzölle auf indische Importe von insgesamt 50 Prozent weiter fest. Agrarsektor kommt im Abkommen nicht vor Ein „erfolgreiches“ Indien mache die Welt „stabiler, wohlhabender und sicherer“, teilte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Montag mit, nachdem sie an der Seite von Ministerpräsident Narendra Modi die Militärparade zur Feier des Tags der Republik angeschaut hatte, an dem vor 76 Jahren die Verfassung des neuen indischen Staats in Kraft getreten war. Dass dieser nun endlich durchstarten und das Land auf Kurs zum lange ersehnten Aufstieg zur Industrienation bringen will, hatte die Regierung in Neu Delhi zuvor schon klargemacht – und vor dem europäisch-indischen Gipfel am Dienstag von der „Mutter aller Freihandelsabkommen“ gesprochen. Bereits bevor der Vertrag auf dem Tisch liegt, lässt sich feststellen: Die Wortwahl ist wohl zu hoch gegriffen. Schließlich haben beide Seiten den strittigsten Wirtschaftsbereich, den Agrarsektor, aus dem Abkommen ganz offensichtlich ausgeklammert. Der Grund dafür ist simpel. Rund 150 Millionen Inder sind in der Landwirtschaft beschäftigt, was fast der Hälfte der arbeitenden Bevölkerung entspricht. Auch nur den Anschein zu erwecken, er setze das Einkommen der Kleinbauern aufs Spiel, wenn die hohen indischen Zölle auf ausländische Importe von Agrar- und Molkereiprodukten gesenkt würden, kommt in der größten Demokratie politischem Selbstmord gleich. Der jüngste Protest von Millionen Bauern unter anderem für Mindestpreise für die Ernte begann Anfang 2024 und dauerte über ein Jahr. Zollsenkungen bei Autos sind an Kontingent geknüpft Doch auch in anderen Bereichen wie etwa der Autoindustrie stellen sich die Details der angekündigten Marktöffnung beim zweiten Hinschauen als weniger erfreulich als gedacht für Europas Exportwirtschaft heraus. So soll die Senkung der Zölle faktisch nur für ein Kontingent von gerade mal 250.000 Autos im Jahr mit Benzin- und Dieselmotor gelten. Weil sie die heimischen Hersteller wie Tata schützen will, gilt die Zollsenkung zudem für E-Autos nicht. „Diese Beschränkungen lassen die Bäume in Indien für deutsche Hersteller nicht in den Himmel wachsen“, sagt Berater Jochen Siebert aus Singapur der F.A.Z. Allerdings könnte die Zollsenkung etwa Mercedes, das sich im Land bisher auf das hochpreisige Segment konzentriert habe, dazu veranlassen, günstigere Modelle anzubieten. Bis der Stuttgarter Konzern in Indien jedoch mehrere Hunderttausend Fahrzeuge wie in China verkaufe, werde es angesichts des viel niedrigeren indischen Pro-Kopf-Einkommens wohl noch sieben bis zehn Jahre dauern. Zumindest BMW-Landeschef Hardeep Singh Brar zeigte sich am Montag hoffnungsfroh, dass das Freihandelsabkommen dem bisher winzigen Markt für Luxusautos in Indien Fahrt verleihen könnte. Bisher stellt Indien nur 2,4 Prozent des Außenhandels der EU, weit abgeschlagen hinter den USA (17 Prozent) und China (15 Prozent). Allerdings könne sich das Handelsvolumen mit Indien durch ein Freihandelsabkommen mehr als verdoppeln, schätzt Samina Sultan vom Institut der Deutschen Wirtschaft. So seien die deutschen Exporte nach Indien in den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres im Vergleich zum Zeitraum des Jahres 2019 um fast 40 Prozent gestiegen – während die Ausfuhren nach China im gleichen Zeitraum um 15 Prozent geschrumpft seien.
