Am Sonntag wird es auf den Tag genau acht Jahre her sein, dass im Fernen Osten, in Gangneung, Südkorea, Aljona Savchenko und Bruno Massot zum Olympiasieg gelaufen sind. Und damit herzlich willkommen im großen Gefühlskino des deutschen Eiskunstlaufs. Paarlauf, das ist immer auch der gefühlige Blick zurück. Vor Savchenko/Massot hatte es Aljona Savchenko mit Robin Szolkowy versucht, in den Neunzigern liefen Wötzel/Steuer. 1976 gewannen gleich zwei Paare aus der DDR Silber und Bronze, noch eine Dekade zuvor waren Kilius/Bäumler unterwegs. Wenn man die hier nur sehr unvollständig wiedergegebene Ahnenreihe durchgeht, landet man irgendwann bei Annie Hübler und Heinrich Burger, die 1908 in London die ersten Olympiasieger im Paarlauf überhaupt wurden, lange bevor das Internationale Olympische Komitee überhaupt daran dachte, Winterspiele zu erfinden. Nun hat Mailand in diesen Tagen in etwa so viel mit Winter zu tun, wie das London im Oktober 1908 gehabt haben dürfte, und, so darf die Deutsche Eislauf-Union darauf schauen, das könnte doch auch ein gutes Omen für Minerva Fabienne Hase und Nikita Volodin sein. Sie werden ab Sonntagabend im Forum von Assago versuchen, Eingang zu finden in die lange Reihe erfolgreicher Eiskunstlaufpaare. Vor vier Jahren stand Hase in der Mixed Zone der Eishalle von Peking und musste ihren damaligen Partner Nolan Seegert aufbauen, dem nach überstandener Covid-Erkrankung und Quarantäne während der Kür sichtbar die Kraft ausgegangen war. Bald darauf entfesselte Wladimir Putin den Angriffskrieg gegen die Ukraine, Reisen zu ihrem Trainer Dmitri Sawin in Sotschi kamen nicht mehr infrage: Mitgliedern der Sportfördergruppe der Bundeswehr waren Training und Wettkämpfe in Russland untersagt. Ende der Saison waren Hase/Seegert Geschichte. Hilfe kam aus Russland. Sawin schlug Volodin als neuen Partner vor, die Kombination glückte, sportlich zumal. Binnen dreieinhalb Jahren sind die beiden Dritte und Zweite bei den Weltmeisterschaften 2024 und 2025 geworden und 2025 auch Europameister. Die letzte Hürde überwand Volodin, von dem seine Partnerin auf dem Eis sagt, er sei „ein Freigeist“, als er den einer Einbürgerung vorausgehenden Deutschtest bestand. Seit August 2025 hat der gebürtige Petersburger einen deutschen Pass und gehört damit zur großen Zahl in Russland geborener Eiskunstläuferinnen und Eiskunstläufer, die inzwischen für andere Nationen an den Start gehen. Bei den Europameisterschaften im Januar in Sheffield waren von den sechs Frauen und Männern, denen Medaillen um den Hals gehängt wurden, fünf in Russland geboren – plus die Berlinerin Hase. Auch, weil Sara Conti und Niccolo Macii in England fehlten, die im Forum von Assago mit einem gigantischen Heimvorteil auflaufen werden: Sie stammen aus der Lombardei. Die Weltmeister Riku Miura und Ryūichi Kihara sind die Favoriten, die Georgier Anastasiia Metelkina und Luka Berulawa haben bei der EM einen überzeugenderen Auftritt hingelegt. Minerva Fabienne Hase und Nikita Volodin sind am Donnerstag aus dem Training in Bellinzona nach Mailand zurückgekehrt. Die Frage, ob sie in Italien für eine Medaille infrage kommen, könnte schon das Kurzprogramm am Sonntagabend beantworten. Auf 74,81 Punkte kamen beide in Sheffield. Ihre Konkurrenz aus Italien, Georgien und Japan ist am vergangenen Wochenende bereits im Rahmen des Teamwettbewerbs auf dem Eis gewesen. Miura und Kihara, die Weltmeister, zeigten dabei schon im Kurzprogramm eine Saisonbestleistung: 82,84 Punkte.
