Die Spiele sind ein großes Illusionstheater. Für die Zuschauer, für die Veranstalter und vor allem für die Sportler. Minerva Fabienne Hase hatte sich etwas vorgemacht. Die Auftritte mit Nikita Volodin im Paarlaufwettbewerb sollten nichts anderes sein als ein Trainingsdurchgang. Routine auf der größten Bühne, so hatte sie sich das mit ihrem Trainer Dmitri Savin überlegt. Wenn sich der Kopf davon überzeugen ließe, dass er ein Training erlebt, würde er keine Störsignale zum falschen Zeitpunkt senden. Das war die Illusion, der sich Minerva Fabienne Hase hingab. Am Sonntagabend hatte das phantastisch funktioniert. 80,01 Punkte, Platz eins nach dem Kurzprogramm für Hase/Volodin. Viereinhalb Punkte mehr als die Europameister Anastasija Metelkina und Luka Berulawa aus Georgien, fast sieben Punkte Vorsprung vor den Weltmeistern Riku Miura und Ryuichi Kihara aus Japan. Doch jede Illusion ist nur so tragfähig wie die Realität, in der sie gesponnen wird. Am Montagabend war ihr Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen. Zu viele Zuschauer, zu viele Flaggen, zu viele Signale: Das sind die Olympischen Spiele. Minerva Fabienne Hase war angekommen auf dieser Bühne, deren Wucht nervös machen kann. „Die Arena ist laut, es waren so viele Fans mit deutschen Fahnen, damit haben wir gar nicht gerechnet. Ich habe versucht, den gleichen Ansatz zu wählen. Klar, es ist ein Wettkampf. Aber wir sind nur Menschen, Fehler passieren. Fehler passieren im Wettkampf und im Training. So habe ich heute versucht, aufs Eis zu gehen. “ Nikita Volodin hält Minerva Hase auf Kurs Als „ultimi campioni di questi competizione“, letzte Champions dieses Wettkampfs, hatte der Hallensprecher sie um viertel vor elf begrüßt, doch schon nach drei Elementen der Kür am Montag war klar: Das letzte Paar auf diesem Eis in diesem Wettkampf würde nicht die campioni, die Champions dieses Wettkampfs, werden. Das Gold, das die Deutschen im Forum von Assago hätten gewinnen können, haben sie verloren. Das Gold würde nach Japan gehen. Der Doppel-Axel in der Kombination war nicht ausgedreht, und schlimmer noch: Hase hatte den Dreifach-Salchow nur einfach gesprungen. Warum, das konnte sie anschließend noch nicht erklären. Es war Nikita Volodin, der nach diesem Auftakt dafür sorgte, dass die Wucht des Augenblicks nicht in den olympischen Schlund führte, in den zum Beispiel drei Tage zuvor Ilia Malinin, der beste Eiskunstläufer der Welt gefallen war. Volodin hielt Minerva Hase auf Kurs. Es gelang auch weiterhin nicht alles. Es gab Momente in dieser Kür, nach der einwandfrei vorgetragenen Todesspirale zum Beispiel, da war förmlich zu spüren, wie die Spannung der Zuschauer sich schon verflüchtigt hatte aus der Halle, vielleicht in die U-Bahn, die an Einkaufszentren vorbei- und zwischen Kartoffeläckern hindurch zurück in die große Stadt führt. Aber Minerva Fabienne Hase und Nikita Volodin hielten die Spannung der Sportler. Ihnen gelang genug. Genug für eine Bronzemedaille, die erste olympische Medaille für die Deutsche Eislauf-Union seit dem Olympiasieg von Aljona Savchenko und Bruno Massot 2018 in Pyeongchang. „Eine Medaille ist eine Medaille. Und ich glaube, das ist schon krass.“ Als das „Memoryhouse“, das Haus der Erinnerungen, gebaut war, die Kür beendet, Hase und Volodin erst auf dem Eis und dann auf der Couch auf ihre Wertung warteten, war ihnen anzusehen, dass sie mehr gewollt hatten – und doch zufrieden sein mussten. Die Wucht des Augenblicks hatte sie hinabgedrückt, aber sie hatten sich erfolgreich gegen den Untergang gewehrt. In den Köpfen rotierte es, und die Welt durfte zuschauen. Gold verloren. Silber würde knapp werden. Bronze war sicher. War das ein Erfolg? Es war jedenfalls die Deutung, die sich durchsetzte. „Eine Medaille ist eine Medaille. Und ich glaube, das ist schon krass. Also, ich bin da sehr stolz drauf“, sagte Minerva Fabienne Hase anschließend. Dass Hase und Volodin durchaus nicht mit einer völlig identischen Strategie an ihre Auftritt herangehen, zeigt sich schon an der Tatsache, dass Nikita Volodin wusste, welche Leistung sie würden aufs Eis legen müssen, um Riku Miura und Ryuichi Kihara überflügeln zu können. Die Weltmeister der vergangenen zwei Jahre, die ein erstaunlich nervöses Kurzprogramm gezeigt hatten und fast sieben Punkte hinter den Deutschen in den Montag schliefen, hatten zu „Gladiator“ einen nahezu perfekten und sehr emotionalen Vortrag geboten. Die Zuschauer im Forum wurden mitgerissen von dem, was Miura und Kihara auf das Eis zeichneten. Mit 158,13 Punkten wurde der Vortrag belohnt, höher ist ein Paar für eine Kür seit der Reform des Wertungssystems noch nicht bewertet worden. 231,24 Punkte insgesamt, am Ende hatten die Japaner, die mit sieben Punkten Rückstand in den Abend gestartet waren, fast zehn Punkte Vorsprung. Paarlauf-Olympiasieger aus Japan, das gab es noch nie. Bis zu diesem Montagabend. „Ich habe gedacht: Das können wir schaffen“ Die Wertungen fielen an den beiden Abenden des Paarlaufwettbewerbs in manchen Fällen auf. Annika Hocke und Robert Kunkel aus Berlin zum Beispiel waren nicht perfekt, aber begeisternd aufgetreten. Sie wurden viel zu niedrig bewertet. Mit einer Leistung aus Kurzprogramm und Kür, die für Platz sechs oder sieben gut war, landeten sie auf Platz zehn und stellten anschließend laut, deutlich und zu Recht die Frage nach dem Sinn ihres Sports. Allerdings: Der Vorsprung, den die Kampfrichter Riku Miura und Ryuichi Kihara gut geschrieben hatten nach ihrer Kür, war das Dokument der real existierenden Ausnahmestellung. Während Minerva Fabienne Hase diese um sich herum existierende Realität und das Ergebnis der Japaner vor der eigenen Kür zu ignorieren versuchte, fiel Nikita Volodin die Wertung ins Auge. „Ich habe das gesehen“, sagte der in Sankt Petersburg geborene Volodin, 26 Jahre alt wie Minerva Fabienne Hase. „Aber ich habe gedacht: Das können wir schaffen.“ Nicht an diesem Abend. 139,08 Punkte bekam das deutsche Paar, fast zwanzig weniger als die Japaner, mehr als sieben weniger als die Georgier. Gold war eine Illusion, Silber war eine Möglichkeit, die nun auch verschwunden war, Bronze die Realität. Der Schatten über den Spielen In dieser Wirklichkeit wurde, das hatte sich seit den Europameisterschaften in Sheffield Mitte Januar angekündigt, Russisch zu einem sehr präsenten Element. Marija Pawlowa und Alexej Swiatschenko, Dritte in Sheffield, liefen für Ungarn nun auf Platz vier. Fünf der besten acht Paarläufer im olympischen Wettbewerb sind in Russland geboren. Seit Wladimir Putin in der Ukraine morden, das Nachbarland verheeren lässt, treten noch mehr russische Eisläufer für andere Nationen an als zuvor. Nach dem Wettkampf führte das dazu, dass russische Reporter die Stimmen der Eislauf-Diaspora einsammelten, um sie für den eigenen Markt zuzubereiten. Volodin wurde gefragt, wie er seiner Partnerin die russische Kultur näherbringe, ob es Pfannkuchen geben werde, schließlich werde in Russland die Masleniza-Woche gefeiert, das nahende Ende des Winters. Volodin witzelte mit, und bei aller verständlichen Erleichterung über die Medaille, aller nachvollziehbaren Leichtigkeit des Moments, liegen weiterhin Schatten über diesen Spielen und diese Schatten wirft der Tod, den Russland über die Ukraine bringt. Im selben Gang hatte drei Tage zuvor der ukrainische Eiskunstläufer Kyrylo Marsak über das Leben seines Vaters an der Front in Donezk gesprochen. Zudem erwägt Russlands Sportminister Michail Degtjarjow, zugleich Chef des Nationalen Olympischen Komitees Russlands, Sportlerinnen und Sportler, die nun für andere Nationen antreten, zu sanktionieren oder zur Kasse zu bitten. Auf russischen Sportportalen werden Listen geführt, auf denen sich auch der Name Nikita Volodin findet. Volodin hat Familie in Russland, seine Freundin lebt dort, vermutlich liegt darin der Grund, warum Minerva Fabienne Hase und Nikita Volodin ihre „klare Haltung“ zum Krieg zur Privatsache erklärt haben. Keine Medaille verändert etwas an den komplexen Verwicklungen der Realität, erst recht nicht an ihrer Grausamkeit. Aber eine Medaille ist immer auch eine Auszeichnung für Beharrlichkeit im Training. Und für die Ausdauer, ohne die sich die Illusionen des Sports nicht aufrechterhalten lassen. Und ohne Illusionen, das war eine Essenz dieses Wettbewerbs, sind olympische Wettbewerbe nicht denkbar. Schon gar nicht im Eiskunstlauf.
