FAZ 19.01.2026
09:13 Uhr

Volksrepublik schrumpft: Geburtenrate in China fällt auf historischen Tiefstand


Die jahrzehntelange Ein-Kind-Politik wirkt immer noch nach: In China beträgt die Geburtenrate nur mehr 0,98 Kinder pro Frau. Das ist auch ein strategisches Problem für den chinesischen Machtapparat.

Volksrepublik schrumpft: Geburtenrate in China fällt auf historischen Tiefstand

Chinas Geburtenrate ist auf einen historischen Tiefstand gefallen. Nach Angaben des nationalen Statistikamts wurden 2025 nur 7,92 Millionen Babys geboren. Das sind 17 Prozent weniger als im Vorjahr, als in China noch 9,54 Millionen geboren wurden. Somit beträgt Chinas Geburtenrate nur mehr 0,98 Kinder je Frau. 2,1 Kinder wären statistisch notwendig, um den gegenwärtigen Bevölkerungsstand zu halten. Chinas Gesamtbevölkerung ist im vergangenen Jahr den offiziellen Angaben zufolge um 3,4 Millionen Menschen gefallen. Das gilt als heftigster Rückgang seit der Hungersnot von 1960. Eine solch niedrige Geburtenrate wurde in China zudem seit mindestens 1949 nicht mehr gemessen. „Wie üblich dürften die tatsächlichen Zahlen noch weit darunter liegen“, sagt der Bevölkerungswissenschaftler Yi Fuxian der F.A.Z. Yi glaubt, in China habe es seit dem Jahr 1738 nicht weniger Geburten gegeben. Die rapide alternde und sinkende Bevölkerung sind ein strategisches Problem für den chinesischen Machtapparat: Weniger Arbeitskräfte drücken das Wirtschaftswachstum, während die alternde Bevölkerung und die immer länger lebenden Pensionäre das ohnehin weit unzureichende Pensions- und Pflegesystem der Volksrepublik belasten. Laut Statistikamt hat die Alterung der Gesellschaft zugenommen. Rund 323 Millionen Chinesen sind über sechzig. Sie machen nun mehr 23 Prozent der Bevölkerung aus, das ist eine Zunahme von einem Prozentpunkt gegenüber dem Vorjahr. Insgesamt lebten in der Volksrepublik zuletzt offiziell 1,40489 Milliarden Menschen. Ein-Kind-Politik wirkt nach Seit 2021 propagiert die Regierung zwar eine Drei-Kind-Politik. Einige Provinzen haben zudem kleine Kindergeldzahlungen für die ersten Lebensmonate eingeführt. Doch wirkt die Zeit der sogenannten Ein-Kind-Politik zwischen 1980 und 2015 weiter nach, die nicht nur zu geringeren Geburten, sondern auch zu einem Männerüberschuss geführt hat, weil insbesondere weibliche Föten abgetrieben worden waren. „Jahrzehntelange Ein-Kind-Politik hat die Verhütung untrennbar mit dem chinesischen Lebensstil verbunden“, sagt Yi Fuxian, der die chinesische Regierung beraten hat, dann in Ungnade fiel und heute im amerikanischen Exil lebt. „China zählt heute zu den Ländern mit der höchsten Verhütungsmittelnutzung weltweit.“ Ein Verhütungsmittelverbot durch die chinesischen Behörden hält Yi für unwahrscheinlich. Seit Anfang des Jahres hat China die Mehrwertsteuerbefreiung für Verhütungsmittel aufgehoben. Die hohe Arbeitslosigkeit insbesondere junger Leute und die Krise der chinesischen Binnenwirtschaft verstärken zudem den Rückgang der Hochzeiten im Land. Das verfügbare Haushaltseinkommen ist weit unter dem internationalen Durchschnitt, zudem sind die Immobilienpreise vor allem in den begehrten Städten weiter überdurchschnittlich hoch. Hinzu kommt laut Yi Fuxian, dass jahrzehntelange „antireligiöse Erziehung die Familienwerte untergraben“ habe. Kindererziehung ist teuer, und insbesondere gebildete Frauen beklagen die ungleiche Lastverteilung bei der Kindererziehung. Staats- und Parteichef Xi Jinping propagiert ein Konzept der „Bevölkerungssicherheit“ und hat die „Entwicklung einer qualitativ hochwertigen Bevölkerung“ zur nationalen Priorität erklärt. Auch deshalb soll menschliche Arbeitskraft durch Roboter ersetzt werden, die mittlerweile einen besonderen Stellenwert in den planwirtschaftlichen Strategien haben.