FAZ 22.01.2026
09:42 Uhr

Vizekanzler Klingbeil in Davos: „Wir dürfen uns nicht erpressen lassen“


Bundesfinanzminister Lars Klingbeil hat Europa in Davos zu Eigenständigkeit aufgerufen. Man dürfe sich nicht erpressen lassen.

Vizekanzler Klingbeil in Davos: „Wir dürfen uns nicht erpressen lassen“

Angesichts wachsender geopolitischer Spannungen hat Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) zu mehr europäischer Geschlossenheit und Eigenständigkeit aufgerufen. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos hob Klingbeil im Rahmen einer Abendveranstaltung der Region Frankfurt/Rhein-Main hervor, Europa dürfe sich „nicht erpressen lassen“ und müsse selbstbewusst seine wirtschaftliche und politische Stärke nutzen. „Europa ist nicht ohne Macht: 550 Millionen Menschen, 27 Nationalstaaten – wir haben enorme Stärke“, sagte der Vizekanzler. Hintergrund waren unter anderem jüngste Aussagen des US-Präsidenten, die in Europa Sorgen über die Stabilität transatlantischer Beziehungen ausgelöst hatten. Die Souveränität von Staaten wie Dänemark und Grönland müsse respektiert werden, Entscheidungen über ihre Zukunft könnten nur von den Menschen vor Ort getroffen werden, sagte Klingbeil auf einem Empfang der Frankfurter Wirtschaft im Hotel Steigenberger Belvedere in Davos. Klingbeil: „Wir müssen uns mehr alleine erarbeiten“ Zugleich bekannte sich Klingbeil klar zur transatlantischen Partnerschaft. Er selbst sei „ein transatlantischer Typ“, sagte Klingbeil. Doch sei es jetzt geboten, dass Europa eigenständiger handele, etwa beim Ausbau des Binnen- und des Kapitalmarkts, bei der Rohstoffsicherung, der Stabilisierung von Lieferketten und bei Investitionen in Verteidigung. „Wir müssen dabei nicht auf die Amerikaner warten.“ Die Debatte über die Zukunft Deutschlands und Europas werde derzeit zu sehr mit Blick auf das Verhalten etwa der Vereinigten Staaten geführt, „aber wir müssen aufstehen und uns mehr alleine erarbeiten“, sagte der Bundesfinanzminister, der zuvor auf dem Weg vom Flughafen Zürich nach Davos gemeinsam mit Bundeskanzler Friedrich Merz die Rede von US-Präsident Donald Trump auf dem Weltwirtschaftsforum verfolgt hatte. Bundesbankpräsident Nagel: Unabhängigkeit der Zentralbanken wichtig für Stabilität Es gehe nun darum, europäische Lösungen zu entwickeln, zum Beispiel bei Handelsabkommen mit anderen Regionen wie Indien und Lateinamerika. „Deshalb ist dies auch ein sehr europäischer Moment“, mahnte der Vizekanzler. Man müsse das Signal der zunehmenden Eigenständigkeit nun auch nach Washington senden, forderte er. Für Deutschland kündigte Klingbeil einen klaren wirtschaftspolitischen Fokus an. 2026 müsse das Jahr werden, „in dem wir Wirtschaftswachstum, die Sicherung von Arbeitsplätzen und die Stärkung Europas in den Mittelpunkt stellen“. Die Bundesregierung setze dabei auf die Verbindung öffentlicher und privater Investitionen, unter anderem über den Deutschlandfonds. Dem Finanzplatz Frankfurt maß Klingbeil dabei eine zentrale Rolle zu. Die Region sei für ihn „sehr wichtig“ und könne zum „Türöffner für Investitionen in Deutschland und Europa“ werden. Gerade in unsicheren Zeiten brauche es verlässliche Standorte. „Wir müssen ein sicherer Hafen für Investitionen sein“, sagte der Bundesfinanzminister. Bundesbankpräsident Joachim Nagel hob auf der gleichen Veranstaltung in Davos die zentrale Bedeutung unabhängiger Zentralbanken für die wirtschaftliche Stabilität Europas hervor. Angesichts globaler Unsicherheiten sei es entscheidend, dass Zentralbanken ihre Glaubwürdigkeit wahrten und klare Signale für Finanzmärkte sendeten. Dabei verwies Nagel ausdrücklich auf die US-Notenbank: Es sei gefährlich, die Unabhängigkeit der Zentralbank infrage zu stellen, sagte Nagel mit Blick auf die jüngsten politischen Diskussionen in Washington. Er lobte Fed-Chef Jerome Powell als Beispiel für eine unabhängige, vertrauenswürdige Führung, die wesentlich dazu beitrage, Preisstabilität und Finanzmarktvertrauen zu sichern.