Als das Lied der Brüder Italiens erklang, blinzelte ihre berühmte Schwester in die Sonne und sang. „Brüder Italiens“ lauten die ersten Worte der italienischen Nationalhymne. Sieben Mal war sie bei diesen Winterspielen schon gespielt worden. An diesem Sonntagnachmittag zum ersten Mal auch in der Antholzer Biathlon-Arena, zu Ehren Lisa Vittozzis. 20 Treffer hatte sie zuvor im Verfolgungswettkampf über zehn Kilometer gesetzt. Es war ihr perfektes Rennen. Die Einunddreißigjährige ist die erste italienische Biathletin, die eine Goldmedaille in einem olympischen Einzelrennen gewonnen hat. Ihr Erfolg löste große Erleichterung im italienischen Team aus, das turbulente Tage erlebte, in denen der positive Dopingtest von Rebecca Passler das beherrschende Thema war. „Ich wusste immer, dass ich das kann“, sagte Vittozzi über ihren Sieg, „aber das letzte Jahr war hart mit meiner Rückenverletzung. Ich habe nie aufgehört daran zu glauben, dass ich es zu den Olympischen Spielen schaffen und erfolgreich sein kann. Das ist ein Moment, an den ich mich für immer erinnern werde.“ Vor zwei Jahren war sie Weltmeisterin im Einzel geworden und führte den Gesamtweltcup an. Doch in der folgenden Saison konnte sie kein Rennen laufen, so sehr schmerzte ihr Rücken. Im November kehrte sie zurück und gewann kurz darauf die Verfolgung in Hochfilzen. Jetzt, in Antholz, keine 100 Kilometer von ihrem Geburtsort in Venetien entfernt, holte sie während des Rennens 40 Sekunden Rückstand auf die Sprint-Siegerin Maren Kirkeeide auf. Die Norwegerin lag bis zum finalen Schießen in Führung, verlor dann aber das Duell mit Vittozzi und musste zweimal in die Strafrunde. Kirkeeide behauptete den zweiten Rang noch vor der Finnin Suvi Minkkinen. Im Sommer vor den Olympischen Spielen trainierte Vittozzi auch in Ruhpolding, der Heimat von Franziska Preuß. Die beiden Frauen tauschten sich aus, schickten sich Genesungswünsche, wenn es ihnen nicht gut ging. Ihre Saison bis zum Höhepunkt in Antholz hätte nicht unterschiedlicher verlaufen können. Bei Vittozzis Sieg in Hochfilzen war Preuß krank. Wieder einmal brachte sie ein Infekt aus dem Rhythmus. Preuß verpasst wieder die Medaillenränge Auch die Olympischen Spiele in ihrer letzten Saison als Biathletin erlebt Preuß ganz anders als erhofft. Wieder, wie schon im Einzel, blieb sie auch in der Verfolgung bis zum letzten Stehendschießen fehlerlos, verfehlte dann abermals zwei Scheiben und wurde Sechste. Während Lisa Vittozzi mit den italienischen Fans und ihrer Familie feierte, stand die Bayerin vor den Pressemikrofonen, eine verwischte Träne im Augenwinkel. „Gerade ist es schon hart und sehr ernüchternd“, sagte sie. „30 Sekunden von einem echt guten Rennen zerstören wieder alles. Dass sich diese Situation aus dem Einzel jetzt wiederholt, das ist nicht schön.“ Für die deutschen Biathletinnen endete eine schwierige Woche ohne Medaillenerfolg in den Einzelrennen. Vanessa Voigt, die bis zur Verfolgung keinen Schießfehler in ihren Rennen gemacht hatte, musste diesmal gleich drei Strafrunden laufen und wurde 19. „Ich glaube, dass wir sehr oft nah dran waren“, sagte Sportdirektor Felix Bitterling. „Es liegen noch ein paar Chancen vor uns.“ Am Dienstag und Mittwoch geht es in Antholz weiter mit den Staffelrennen der Männer und Frauen.
