Es war kein Friedenspreis, aber durchaus eine respektable Auszeichnung, die Vittorio Montagliani am Dienstag in seiner Heimatstadt Vancouver verliehen wurde: die Aufnahme in den „Order of British Columbia“. Den dazugehörigen Orden, ein Goldmedaillon in Form einer stilisierten Hartriegelblüte, wird dem Sohn italienischer Einwanderer aber erst im Herbst im Rahmen einer besonderen Feierstunde erhalten. Zu einem Zeitpunkt, zu dem er möglicherweise vor dem Höhepunkt seiner langjährigen Karriere als Fußballfunktionär steht. Und in einem Moment, in dem sich so mancher noch einmal daran erinnern wird, wen er ersetzen soll: jenen selbstverliebten Fußballgranden Gianni Infantino, der im Frühjahr bei einer Visite des FIFA-Rats freie Fahrt durchs Stadtzentrum und eine massive Polizeieskorte forderte und damit abblitzte. So etwas gesteht man in der Metropole nicht einmal dem kanadischen Premierminister zu, sondern höchstens dem Papst. Montagliani verdient 2,6 Millionen Euro im Jahr Der 60 Jahre alte Montagliani, der es als junger Fußballer nie über die Stadtgrenzen hinaus schaffte und beruflich als Schadensregulierer in der Versicherungsbranche anfing, mag außerhalb Kanadas ein relativ unbeschriebenes Blatt sein. Aber seit er sich im Fußball engagiert, erklomm er unauffällig, aber zielsicher alle paar Jahre eine weitere Stufe auf dem Weg nach oben und gewann dabei Sympathien. Der Weg begann 2001 mit dem Job als Cheforganisator der British Columbia Soccer Association, in dem er den Vertrauensvorschuss erwarb, mit dem er zunächst in den Vorstand des kanadischen Fußballverbands und 2012 zu dessen Präsidenten gewählt wurde. FIFA-Präsident Gianni Infantino ist angeschlagen 2016 ging es weiter an die Spitze der nord- und mittelamerikanischen Konföderation CONCACAF, was sich zum ersten Mal auch wirtschaftlich auszahlte. Montagliani bekommt ein Gehalt von drei Millionen Dollar (etwa 2,6 Millionen Euro) im Jahr. Mit dem Posten sind weitere Boni verbunden: der Sitz im FIFA-Rat, dem wichtigsten Entscheidungsgremium des Welt-Fußballverbandes, sowie das Amt eines der Vizepräsidenten. Das ist eine ideale Ausgangsposition, um sich als Kandidat für die Nachfolge des angeschlagenen Infantino in Stellung zu bringen. Der Schweizer war in der vergangenen Woche mit seinem offensichtlich im engen Kreis von Vertrauten ausgeheckten Plan gescheitert, die Turniere der FIFA mithilfe von Milliardeneinlagen von Risikokapitalinvestoren aus dem regulären Organigramm auszukoppeln und meistbietend zu versilbern. Infantino sieht sich seitdem mit einer offenen, vom europäischen Verband UEFA vorangetriebenen Revolte konfrontiert. Eine Konstellation, in der Montaglianis CONCACAF in der vergangenen Woche bei einer eilig zusammengerufenen Sitzung mit den Chefs der 41 Mitgliedsverbände klar Stellung bezog: „Diese jüngste, einseitige und ungeheuerliche Aktion, die von schlechter und schwacher Führung zeugt, reiht sich in eine Reihe von Fehltritten und ähnlichem Verhalten ein. Eine umfassende Aufarbeitung dieser Präsidentschaft ist unerlässlich.“ Fürs Reinemachen brächte der Kanadier einiges an Erfahrung mit. So hatte er schon bei der CONCACAF als Nachfolger zweier korrupter Amtsvorgänger, Jack Warner und Jeffrey Webb, die 2015 von der amerikanischen Justiz aufgrund zahlloser Beweise angeklagt worden waren, eine vergleichbare Aufgabe übernommen. Die Gunst der Stunde für Vittorio Montagliani Das ist einer der Gründe, weshalb etwa der Londoner „Telegraph“ in Montagliani „die für Infantino größte Bedrohung“ sieht. Eine Einschätzung, die vom Fußballexperten der BBC, Dale Johnson, geteilt wird: Mit einem Nordamerikaner auf dem Panier werde „der Eindruck ausgeräumt, dass die UEFA eine Machtübernahme anstrebt“. Vor der WM hatte Montagliani, der in seiner Funktionärsrolle statt seines italienischen Vornamens die englische Variante Victor benutzt, jede Ambition wortreich vernebelt. „Das ist noch sehr lange hin“, sagte er gegenüber dem „Guardian“, der ihn zu einer potentiellen Kandidatur im Jahr 2031 gefragt hatte, wenn Infantino wegen der Amtszeitbegrenzung den Posten räumen müsste, falls er im kommenden Frühling wiedergewählt würde. „Mein Fokus lag schon immer auf der CONCACAF und wird dies auch weiterhin tun.“ Er wolle 2027 auf jeden Fall noch einmal für die Präsidentschaft der Konföderation kandidieren. Was zu jenem Zeitpunkt noch Zukunftsmusik war, klingt inzwischen nach einem ganz anderen Lied, geschrieben von der Gunst der Stunde. Weshalb er Medienberichten zufolge derzeit hinter den Kulissen sondiert, wie stark wohl die Fraktion unter den 211 FIFA-Mitgliedsverbänden ist, die Infantino stürzen oder zum Rücktritt zwingen möchte. Integrationsfähigkeit und Überzeugungskraft Denn Montagliani hat sich das Renommee eines Mannes mit Integrationsfähigkeit und Überzeugungskraft erworben. Das zeigte er unter anderem, als er das Organisationskomitee der Fußball-WM der Frauen 2015 in Kanada leitete, die mit einem auf 24 Teams erweiterten Teilnehmerfeld an insgesamt sechs Spielorten auf einen Schnitt von 26.000 Zuschauern kam. Seine Reputation wuchs, als er Kanada von einer eigenen, sowohl mit den USA als auch mit Mexiko konkurrierenden Bewerbung für die Männer-WM 2026 abbrachte und die Drei-Länder-Option unterstützte, die nun umgesetzt wurde. Seitdem durfte er allerdings erleben, wie heikel es sein kann, mit jemandem wie Donald Trump zusammenarbeiten zu müssen. Dieser stellt nicht nur das Existenzrecht Kanadas als selbständige Nation infrage, sondern hat zusätzlich hohe Zölle auf Importprodukte aus dem nördlichen Nachbarland verhängt. Als der amerikanische Präsident im vergangenen Jahr drohte, er werde sich einfach über existierende Verträge hinwegsetzen und qua Amt Spiele aus Städten abziehen, die nicht sicher seien, bot Montagliani jedoch Paroli. „Bei allem Respekt gegenüber Staats- und Regierungschefs der Welt“, sagte er. „Der Fußball ist größer als sie und wird ihre Herrschaft, ihre Regierungen und ihre Parolen überdauern.“ Fußballerinnen fühlen sich diskriminiert Wie man sich in Konfliktsituationen möglichst geschickt aus der Affäre zieht, hat er schon gezeigt. Wobei man in Kanada das Gefühl entwickelte, dass dies regelmäßig auf Kosten weiblicher Fußballer geht. So hatten Spielerinnen zwei Jahre vor der WM die Tatsache bemängelt, dass das Turnier statutenwidrig auf Kunstrasen ausgetragen werden sollte, und den „zweitklassigen Belag“ als Diskriminierung eingestuft, die gleich mehrere Gesetze zur Gleichbehandlung der Geschlechter verletzt – in Europa und in Kanada. Montagliani widersprach und nannte die Vorwürfe „übertrieben“ und eine „bewusste Fehlinformation“. Zahlreiche Spielerinnen, darunter prominente der US-Nationalmannschaft, zogen daraufhin vor Gericht und drohten gar mit Boykott. Doch als das Organisationskomitee nicht nachgab, wurde die Klage vor dem Turnier wieder zurückgezogen. Eine andere Seite zeigte der 60-Jährige als Vorstandsmitglied des kanadischen Verbandes. Da gehörte er zu jenen, die einen laxen Umgang mit dem Frauen-Trainer Bob Biarda vorzogen, der jahrelang immer wieder glaubhaft beschuldigt worden war, Spielerinnen in seiner Position als Coach in der Frauen-Fußballabteilung der Vancouver Whitecaps und als Verantwortlicher für kanadische Juniorinnen-Teams sexuell belästigt zu haben. Er wurde erst 2022 – Jahre später – zu einer Haftstrafe von einem Jahr verurteilt, als sich schließlich die kanadische Justiz einschaltete. Kontroverse Vorgeschichte als Wahlkampfmunition Montagliani war involviert, als Biarda 2008 vom Verband entlassen wurde, und Teil jener Vertuschungsaktion, die erst 2022 in einem 125 Seiten langen Untersuchungsbericht dokumentiert wurde. So hatte der Verband in seiner Pressemitteilung keine Gründe dafür genannt, weshalb es zu einer Kündigung „im beiderseitigen Interesse der Parteien“ gekommen war. Das sei, so der Report, eine „grobe Falschdarstellung der Umstände“ gewesen. Zumal Biarda die Trainerlizenz behalten konnte und innerhalb weniger Wochen in Vancouver wieder junge Mädchen trainierte. Die internen Nachforschungen kamen erst zustande, als sich die Frauennationalmannschaft nach dem Gewinn der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen von Tokio weigerte, an einer Tournee durchs Land teilzunehmen, mit der der Erfolg zelebriert werden sollte. Woraufhin sich gar das Parlament in Ottawa mit den Anschuldigungen beschäftigte. Da galt Montagliani bereits als große Nummer und wies die Vorwürfe lässig zurück. Seiner Auffassung nach hatte der Vorstand „die angemessenen Maßnahmen getroffen“, um den Verband „bei dieser äußerst schwerwiegenden Angelegenheit zu unterstützen“. Was diese Schutzbehauptung wert ist, wird sich zeigen, sollte er als Infantino-Nachfolger antreten. Denn eine solche Vorgeschichte hat durchaus das Zeug zur Wahlkampfmunition.
