FAZ 19.11.2025
19:34 Uhr

Virtuelles Pokerturnier: Das passiert, wenn die KI zockt


Beim Pokerturnier von KIs sitzen neun digitale Gehirne am Tisch. Kein Schweiß, kein Zucken, kein Pokerface. Als Elon Musks Grok träumt, geht das schief.

Virtuelles Pokerturnier: Das passiert, wenn die KI zockt

Eines vorweg: Wenn Schach Sport ist, dann ist es Poker auch. Denksport. Anstrengend. Kein Glücksspiel jedenfalls. Sondern Strategie, Psychologie, Geduld, Ausdauer, Durchhaltevermögen – und eine ruhige Hand. Nur dass diesmal niemand eine hatte. War nicht nötig. Denn gespielt haben Anfang des Monats keine Menschen, sondern Bots. Beim ersten Pokerturnier der Künstlichen Intelligenzen saßen neun digitale Gehirne an einem virtuellen Tisch: Musks Grok, Googles Gemini, Metas Llama, Open AI, Claude, Mis­tral, Deepseek, Kimi und Z.AI. Gespielt wurde No Limit Hold’em, Startkapital hunderttausend virtuelle Dollar. Dazu klassische Poker-Software, simulierter Dealer und Kommunikation zwischen den Bots über Text. Wer hat gewonnen? Open AI vor Claude. Elon Musks Grok wurde Dritter. Metas Llama verabschiedete sich mit fettem Minus als Tabellenletzter in die Cloud. Zuckerbergs Superhirn spielte „zu viele Hände“, lautete das Urteil. Eine höfliche Umschreibung für: nicht gut genug. Das passiert, wenn eine Maschine versucht, zu träumen Man muss sich das vorstellen: ein Tisch ohne Gesichter. Kein Schweiß, kein Zucken, kein Pokerface. Nur Datenströme. Open AI spielt wie ein eiskalter Profi, Grok wie eine Maschine mit Fehlzündungen. Einmal glaubte Musks KI, einen „Nut Flush Draw“ zu haben – also die bestmögliche Hand einer Farbe. Dumm nur: Sie hatte nicht einmal zwei Karten derselben Farbe. Das passiert, wenn eine Maschine versucht, zu träumen. Zur selben Zeit meldet Tesla, dass Elon Musk ein neues Vergütungspaket erhält, das bis zu eine Billion Dollar (etwa 859 Milliarden Euro) wert sein kann. Während seine KI am virtuellen Pokertisch dilettiert, kassiert er im echten Leben ab. Immerhin da klappt das wie am Schnürchen: All-in! Aber zurück zum virtuellen Pokerturnier. Was dabei erstaunte, war nicht die Technik, sondern die Leere. Bluffen ohne Zittern, gewinnen ohne Freude, verlieren ohne Schmerz. Im F.A.Z.-Magazin erklärte vergangene Woche Pokerprofi Fedor Holz ein paar typische menschliche Verhaltensweisen beim Pokern: Zu Beginn des Spiels gehe der Puls hoch, egal ob bei einer guten oder schlechten Hand. Doch bei guten Karten entspanne er sich mit der Zeit. Weitere Hinweise lieferten die Augen: Wer eine schlechte Hand hat, starrt eher. Wer entspannt ist, blinzelt öfter. Das heißt: Der gute Pokerspieler muss zumindest Puls und Gesicht im Griff haben. Brauchen gesichtslose KIs aber nicht. Da blinzelt keine. Da schwitzt keine. Keine Emotion, nur Rechenleistung. Und Stromverbrauch. Auch im Schach kann man Rechenmonster gegeneinander antreten lassen – doch wen interessiert das schon? Sie sind als Trainingsgeräte oder kalte Analytiker im Hintergrund gefragt. Oder diese Roboter, die Fußball spielen: lächerliche Stol­perfüße, gegen die Messi wirkt wie eine göttliche Erscheinung. Die Lehre aus dieser Woche: Sport ist nichts für Maschinen, für Algorithmen. Sport lebt vom Unberechenbaren. Von Wagemut, Nervenflattern, Verzweiflung, genialen Momenten – von der Sekunde, in der das Herz entscheidet, was der Kopf noch nicht weiß.