FAZ 08.12.2025
17:02 Uhr

Villa von Günter Grass: Viel gedichtet, wenig saniert


Das Wohnhaus von Nobelpreisträger Günter Grass in Behlendorf wird verkauft – obwohl er das nicht wollte. In seinem Testament hatte er festgelegt, dass es der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll.

Villa von Günter Grass: Viel gedichtet, wenig saniert

Es ist relativ selten, dass in einer Immobilienanzeige gedichtet wird. Am Ende eines Inserats für eine „eindrucksvolle Villa (. . .) aus prominentem Vorbesitz“ wird es auf der Seite eines Lübecker Maklers aber poetisch: „Pappeln säumen den Elbe-Trave-Kanal / Von Stufe zu Stufe wenig Verkehr / Wäre ich Schleusenwärter, schriebe ich / gegen die Zeit an, ließe sie nur / verzögert pas­sieren“. Die Zeilen stammen aus dem ­Gedicht „Später Wunsch“ von Günter Grass, um dessen früheres Wohnhaus in Behlendorf im Kreis Herzogtum-Lauenburg es in der Anzeige geht. 1,6 Millionen Euro ruft das Maklerbüro für die Villa auf. Dabei hatte der 2015 verstorbene Literaturnobelpreisträger in seinem Testament eigentlich festgelegt, dass die Villa für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden soll – zum Beispiel als Museum oder Veranstaltungsort. Der Lübecker Bürgerschaft waren der Unterhalt und die notwendigen Sanierungen aber zu teuer, sie entschied sich deswegen Anfang 2025 dagegen, die Immo­bilie zu übernehmen. Der Leiter des Grass-Museums in Lübeck, Jörg-Philipp Thomsa, sprach gegenüber dem NDR deswegen von einer „verpassten historischen Chance“. Günter Grass lebte mit seiner Frau Ute von 1987 an in dem Haus. Sie starb 2021, seitdem stand die Villa leer. Das Grundstück ist mehr als 20.000 Quadratmeter groß, darauf sind eine Streuobstwiese, ein Bachlauf mit Brücke, ein Karpfenteich, ein Gemüsegarten und ein Pavillon zu finden. Es gibt elf Zimmer auf 354 Quadrat­metern, viele davon sind noch möbliert. Laut der Immobilienanzeige wurde in das Haus seit dem Einzug allerdings wenig investiert, die letzte Modernisierung wird auf „1986/1987“ datiert. Zumindest für Grass-Anhänger gibt es aber einiges wiederzuentdecken: Er schrieb über viele Orte auf dem Gelände, die Obstwiese bezeichnete er einmal als Utes „umzäunte Seelenanlage“. Auch das wird in der Anzeige der Immobilienmakler ­zitiert. Andererseits werden aber auch klassische Maklerargumente gebracht: „Die Anbindung an die A 20 sorgt zudem für eine schnelle Verbindung nach Lübeck und Hamburg.“