FAZ 02.03.2026
13:34 Uhr

Villa in Wiesbaden: Die Heimat von „Ophelia“ steht zum Verkauf


Die Villa Neess in Wiesbaden wird auch „Weißes Haus“ genannt und gilt als Kleinod des Jugendstils. Nun wird ein Käufer mit Sinn für Kulturgeschichte gesucht.

Villa in Wiesbaden: Die Heimat von „Ophelia“ steht zum Verkauf

Die Jugendstilvilla liegt in einem der schönsten Wohnviertel Wiesbadens und ist etwas ganz Besonderes: Für die Villa Neess an der Bingertstraße im Aukamm wird ein Käufer gesucht. Das aufwendig sanierte Kulturdenkmal war bis vor wenigen Jahren der Ort, an dem die wohl größte europäische Jugendstilsammlung von Mäzen Ferdinand Wolfgang Neess aufbewahrt und präsentiert wurde. Dazu gehörte auch das Gemälde „Ophelia“, das in den vergangenen Monaten von Tausenden Fans der US-Sängerin Taylor Swift im Museum Wiesbaden besichtigt wurde. Das architektonische Kleinod in der Nähe des Kurparks war sozusagen jahrelang die Heimat von „Ophelia“. Aufgrund ihrer hellen Kalksteinfassade wird die Villa von den Wiesbadenern auch das „Weiße Haus“ genannt – wobei es in der Stadt noch ein weiteres Gebäude gibt, das aufgrund seines Baustils ebenfalls gerne als das „Weiße Haus“ bezeichnet wird. Mit dem Verkauf der Villa ist das Wiesbadener Immobilienunternehmen Dahler beauftragt, und nach Auskunft von Inhaberin und Geschäftsführerin Mira van der Zalm werden derzeit Gespräche mit mehreren Interessenten geführt. Zu einem möglichen Kaufpreis wollte sich van der Zalm am Montag nicht äußern. Dies werde äußerst diskret angegangen, sagte sie auf Nachfrage. Die Villa Neess gilt als eine der bedeutendsten Schöpfungen des Jugendstils in der Landeshauptstadt. Das architektonische Unikat wurde 1901/1902 von dem Architekten Josef Beitscher für seine Familie und sich errichtet. Nach dem Krieg wurde die Villa unter anderem als Wohnsitz für Armeeangehörige genutzt. Eine Bürgerinitiative bewahrte das Haus in den Sechzigerjahren vor dem Abriss, und es wurde unter Denkmalschutz gestellt. Swifties pilgern für „Ophelia“ ins Museum Wiesbaden 1986 begannen Ferdinand Wolfgang Neess und seine Frau Danielle das erworbene Haus in der Nähe des Kurparks zu sanieren und bauten es mit Stuckdecken und Wandfriesen zu einem Schmuckstück aus. Das Interieur des Hauses bildeten mehr als 1000 Jugendstilexponate, deren Gesamtwert auf mehr als 40 Millionen Euro geschätzt wurde. Die Stücke, darunter Möbel, Schmuck, Skulpturen, Lampen, Glas und Keramik, galten als die bedeutendste europäische Sammlung ihrer Art. Neess war ein in Neuss in Nordrhein-Westfalen geborener Sohn einer rheinischen Industriellenfamilie, der in Bad Nauheim aufwuchs. In der Frankfurter Fahrgasse hatte er jahrelang einen Kunsthandel betrieben. Neess sorgte 2017 für eine Sensation, als er seine Jugendstilsammlung an das Museum Wiesbaden verschenkte. „Sie wird mich überleben“, sagte der Mäzen zum Fortbestand der Sammlung im Museum, und in einem Interview für die Freunde des Museums ergänzte er im Jahr 2018: „Jetzt weiß ich, wo meine Sammlung hinkommt, das ist eine Sicherheit, die ich zuvor nicht hatte.“ Neess verstarb im Januar 2020 und erhielt von der Stadt Wiesbaden im Jahr 2022 für seine außergewöhnliche Großzügigkeit ein Ehrengrab. Die Sammlung Neess im Wiesbadener Museum umfasst auch das erwähnte Gemälde „Ophelia“ von Friedrich Heyser. Nachdem die US-amerikanische Sängerin Taylor Swift mit ihrem Song „The Fate of Ophelia“ einen Hit landete, in dem das Bild kurz gezeigt wird, pilgerten Tausende Fans nach Wiesbaden, um im Museum „Ophelia“ im Original zu sehen. Die Landeshauptstadt wurde zum Hotspot der „Swifties“. „Dieses Haus war unser Lebenswerk“ Zurück zur Villa in der Bingertstraße: Sie besteht aus französischem Kalksandstein und wird von diversen Tier- und Frauenköpfen sowie floralen Elementen verziert. Das Grundstück ist etwa 1050 Quadratmeter groß, und die Wohnfläche beträgt circa 775 Quadratmeter, die auf mehrere Etagen verteilt sind. Im Innern führt eine imposante Eichentreppe durch das Haus, und es gibt eigens entworfene Bronzebeschläge. Die Eigentümerin Danielle Neess hat sich nun entschieden, die Villa zu verkaufen. Der Witwe von Mäzen Neess geht es offenbar nicht darum, an den Höchstbietenden zu verkaufen, sondern einen Käufer zu finden, der bereit ist, ein Stück Kulturgeschichte zu erwerben und dieses in Ehren zu halten. „Dieses Haus war unser Lebenswerk – ein Zuhause für uns und unsere Sammlung“, wird Danielle Neess von einer beauftragten Agentur zitiert. Weiter teilte sie mit: „Mir ist wichtig, dass die Seele des Hauses weiterlebt, dass jemand hier einzieht, der den Geist des Jugendstils und die besondere Atmosphäre versteht und respektiert.“ Van der Zalm weiß, dass die Veräußerung dieses Unikats eine nicht alltägliche Sache ist. „Wir begleiten hier nicht einfach einen Verkauf, sondern die Übergabe eines Lebenswerks“, sagte die Geschäftsführerin. Ihre Aufgabe sei es nun, einen Käufer für das Kulturdenkmal zu finden, der sich „mit der Geschichte und Verantwortung“ identifizieren könne, die ein solches Haus mit sich bringe. „Das macht man nicht jeden Tag, das ist etwas ganz Besonderes“, sagte die Wiesbadenerin.